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Papst Franziskus

Hundert Tage Papst Franziskus

Barmherzigkeit und der liebende Gott

Pfarrer Wolfgang Gramer in Argentinien

„Habemus Papam“, schallte es am Abend des 13. März über den Petersplatz in Rom. Hundert Tage später blickt der ehemalige Rottenburger Ordinariatsrat Wolfgang Gramer - er wirkte zehn Jahre als Padre Leo in Argentinien - auf das Pontifikat des ersten lateinamerikanischen Papstes Franziskus.

Herr Pfarrer Gramer, Sie haben fast ein Viertel Ihrer Priesterjahre in Argentinien verbracht. Hatten Sie am 13. März erneut das Gefühl "Wir sind Papst"?

Dr. Wolfgang Gramer: Ja, zwar liebe ich nicht so sehr den Bildzeitungsstil, aber ich habe mich sehr gefreut.

Nun ist Papst Franziskus 100 Tage im Amt. Was bedeutet es für seine Landsleute, dass er aus Argentinien kommt?

Gramer: Sie sind noch immer begeistert. Ich habe am 13. März jubelnde Anrufe bekommen. Meine Argentinier waren ganz aus dem Häuschen und sie sind noch immer von ihm angetan.

Welche Impulse sehen Sie in diesem lateinamerikanischen Pontifikat für die deutsche Kirche - speziell auch in Ihrer Heimatdiözese?

Gramer: Der einfache Lebensstil, die schlichten spontanen und menschlichen Gesten, die Nähe zu den Menschen. Dazu das klare Bekenntnis zu Solidarität und zu einem herzlichen Miteinander, die deutlichen Worte zu dem, was Kirche heute sein kann und soll. Ich freue mich einfach über den Stil, wie er Kirche vorlebt.

Den Rottenburg-Stuttgarter Dialogprozess dominieren Fragen zur Stellung der Frauen in der Kirche und der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion. Ist das bei den argentinischen Katholiken auch Thema?

Gramer: Dort, wo ich war, nicht. Dort geht es um schlichte Lebensfragen, um Ermutigung für die Herausforderungen des Lebens, um Barmherzigkeit und einen liebenden Gott, der in Jesus Christus klar auf unserer Seite steht - bei Frauen wie bei Männern.

Erwarten Sie von Papst Franziskus noch größere Überraschungen für die Kirche?

Gramer: Wenn wir alle das leben, was er in kleinen Gesten bereits gezeigt hat, haben wir schon viel gewonnen. Dann ist es einfach wieder schön, zu dieser Kirche gehören zu dürfen. Dann regelt sich auch der Rest. Wir dürfen nur die Barmherzigkeit und den liebenden Gott nie aus den Augen verlieren.

Interview: Markus Waggershauser - 20.06.2013

Person

Dr. Wolfgang Gramer - in Argentinien als Padre Leo unter seinem Zweitnamen bekannt - ist 70 Jahre alt und verbringt seit Anfang März seinen Ruhestand in Metterzimmern bei Bietigheim-Bissingen. Nach der Priesterweihe 1969 und einem Vikarsjahr begleitete er die Theologiestudenten des Tübinger Wilhelmsstifts als Repetent und promovierte über die Musikästhetik Theodor W. Adornos. In drei Abschnitten von 1988 bis 1993, von 1999 bis 2001 und von 2010 bis 2013 verbrachte er insgesamt zehn Jahre als Pfarrer und teilweise auch theologischer Lehrer in Nordwestargentinien in der Provinz Santiago del Estero. Davor und dazwischen leitete er Kirchengemeinden im Dekanat Ludwigsburg und von 1993 bis 1999 in Hirrlingen. In dieser Zeit gehörte Wolfgang Gramer als Ordinariatsrat für Jugendseelsorge der Rottenburger Diözesanleitung an. Kardinal Jorge Mario Bergoglio war er nie persönlich begegnet, den Menschen in dessen Heimatland ist er jedoch heute noch sehr verbunden.