header_profil_960x161.jpg

"Seine Würde ist untrennbar mit dem Menschen verknüpft"

Für christliche Werte in der Politik

Robert Antretter, ehemaliger Bundestagsabgeordneter

Religion und Politik radikal zu trennen, davon hält Robert Antretter nichts. Er sieht zwischen beiden eine starke Verbindung. Und er lebte und lebt sie in staatlichen und kirchlichen Ämtern. Davon erzählt er im Vorfeld der Verleihung der Komturswürde des päpstlichen Gregoriusordens.

Herr Antretter, Sie sind Politiker und in der katholischen Kirche engagiert. Können und sollen die Kirchen Ihrer Meinung nach bei politischen Themen mitmischen?

Robert Antretter: Die Zeit, als von einzelnen Kanzeln Wahlempfehlungen gegeben wurden, scheint der Vergangenheit anzugehören. Das ist auch gut, zumal dabei doch dann und wann die Verhältnismäßigkeit im Blick auf das, was bei den einen unterstützenswert und bei den anderen abzulehnen sein sollte, ins Wanken geriet. Entschieden trete ich aber dafür ein, dass die Kirchen sich einmischen, wenn es um die Gefährdung christlicher Werte geht.

Bei welchen Themen sollten die Kirchen in der Öffentlichkeit ihre Stimme erheben?

Antretter: Der äußere und innere Frieden, das Flüchtlingselend, beschämende Armut und geradezu obszöner Reichtum in einer wohlhabenden Gesellschaft sind entsprechende Themen - und natürlich auch der Schutz des Lebens an seinem Beginn und Ende und wenn es krank oder behindert ist. Einen besonders wichtigen Akzent hierzu setzte der Diözesanrat mit seiner Forderung an EU-Kommission und –Parlament, die verbrauchende Emryonenforschung in keinerlei Form zu unterstützen.

Haben der christliche Hintergrund und die Positionen der Kirche Sie bei Ihren Abstimmungen im Bundestag beeinflusst?

Antretter: Ich gehe davon aus, dass alle Abgeordneten, die sich als Christen verstehen, ihr politisches Handeln immer wieder auf seine Vereinbarkeit mit ihren Glaubensprinzipien überprüfen. Darum habe auch ich mich bemüht - gerade bei Debatten und Abstimmungen in ethischen Fragen. Der Mensch zeichnet sich nach unserem Glauben und nach deutschem Verfassungsverständnis durch eine Würde aus, die ihm von Anfang an innewohnt und die ihm von Gott verliehen worden ist. Angesichts des Mythos vom perfekten Menschen sehe ich dieses Rechts- und Glaubensgut gefährdet. Die Menschenwürde ist untrennbar mit dem Menschen verknüpft, unabhängig von seiner körperlichen, geistigen und seelischen Entwicklung oder Beeinträchtigung.

In der Kommission sexueller Missbrauch haben Sie Einblick in Verletzungen der Menschenwürde innerhalb der Kirche erhalten. Können Sie trotzdem gut und gerne Katholik sein?

Antretter: Ja, ich habe Einblick erhalten in eine kleine Zahl schlimmer Fälle, von denen mich jeder einzelne auch persönlich mitgenommen hat.  Aber ich konnte mich auch vom Aufklärungswillen unseres Bischofs und der gesamten Kommission überzeugen, an deren Spitze ich stand. Und auch die Einsamkeit manches Priesters ist mir nicht verborgen geblieben. Und noch etwas habe ich bei meinem Bemühen, diese Aufgabe ordentlich zu machen, erfahren dürfen: Der allergrößte Teil unserer Priester leistet einen beispielhaften und oft auch aufopferungsvollen seelsorgerlichen Dienst. 

Die Komturswürde des Gregoriusordens ist nicht die erste Auszeichnung, die Sie erhalten. Was bedeuten Ihnen diese Ehrungen?

Antretter: Ein Gefühl der Dankbarkeit gegenüber denen, die mich so hoher Auszeichnungen für würdig erachten, und denen, die mich als Partner und Mitarbeiter auf meinen Wegen begleitet und unterstützt haben. Denn meine Verdienste würden bescheidener ausfallen, wenn ich allein gewesen wäre.

Markus Waggershauser - 16.06.2014

Person

Robert Antretter war nach seiner Tätigkeit als Leitender Landesgeschäftsführer der SPD Baden-Württemberg von 1980 bis 1998 Abgeordneter im Deutschen Bundestag und von 1993 bis 1999 Vizepräsident der Parlamentarischen Versammlung des Europarats. Der gelernte Schriftsetzer ist verheiratet, vierfacher Vater und lebt seit über 40 Jahren in Backnang. Der heute 75-Jährige engagierte und engagiert sich neben seiner Mitgliedschaft im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken von 1986 bis 1999 und dem Vorsitz bei der Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V. auch in der Diözese Rottenburg-Stuttgart als Diözesanrat und als Vorstandsvorsitzender der Veronika-Stiftung „Die Hand zum Leben reichen“. Von 2002 bis 2011 leitete er die „Kommission sexueller Missbrauch“ und erhielt bereits 1995 die Ritterwürde des Gregoriusordens, zu dessen Komtur er jetzt ernannt wird.