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Auch Christen radikalisieren sich

Scheinbar einfache Antworten auf Fragen in Kirche und Welt

Dr. Andreas Püttmann

Vom Globus bis ins persönliche Umfeld - die Welt ist voller Probleme. Einige suchen das Heil in einfachen Lösungen und Schuldzuweisungen, auch für die Schwierigkeiten der Kirche heute. Der Politikwissenschaftler und Publizist Dr. Andreas Püttmann erläutert im Interview Hintergründe des Phänomens Populismus.

Herr Dr. Püttmann, in jüngster Zeit schreiben sich verschiedenste politische Gruppierungen auf die Fahnen, das christliche Abendland retten zu wollen. In Bayerns Behörden sollen sogar Kreuze Pflicht werden. Weshalb stoßen solche Aktionen bei den christlichen Kirchen auf wenig Gegenliebe?

Andreas Püttmann: Weil sie den christlichen Glauben plump verzwecken für eine Kampfansage. Das Kreuz steht für selbstlose Liebe, höhere Gerechtigkeit, Leid und Tod überwindende Hoffnung. Es wahlkampftaktisch zum Identitätsmarker gegen den Islam herabzuwürdigen, können die Kirchen nur als Missbrauch ablehnen. Der CSU-Vorwurf der „Selbstverleugnung“ gegen christliche Kritiker der Kreuz-Verordnung ist unverschämt und aus Regierungsämtern eine Übergriffigkeit des Staates gegenüber der Kirche. Das sage ich ausdrücklich als Befürworter der historisch gewachsenen Präsenz des Kreuzes im öffentlichen Raum, etwa in Schulen und Gerichten. Die Abendlandschwärmer in unserer Geschichte, besonders der Zwischenkriegszeit, transportierten meistens auch autoritäres Denken. Es ist uns nicht gut bekommen.

Wofür steht christlicher Glaube, wofür stehen die populistischen Bewegungen?

Püttmann: Die schönsten Früchte christlichen Glaubens sind Nächstenliebe, Demut und Gelassenheit. Die rechtspopulistische Bewegung steht für das Gegenteil: Empathielosigkeit, Hybris, Daueraufgeregtheit. Sie gedeiht in Deutschland am besten, wo der christliche Glaube am schwächsten ist. Bayern spielte schon in der Weimarer Republik eine Sonderrolle. Die Bayerische Volkspartei unterstützte bei der Reichspräsidentenwahl 1925 den autoritären Hindenburg gegen den Zentrumskandidaten Wilhelm Marx. Kardinal Marx hat auf Söders Kreuzverordnung richtig reagiert. Diese ist symptomatisch für die Kulturkrise, in die wir ganz ohne „Islamisierung“ gleiten. Es wird zu grob und oberflächlich gedacht und Effekt heischend rausgehauen auf allen Seiten. Das Differenzierte, Leise, Feine schwindet.

Können die offiziellen Vertreter der Kirchen in ihren eigenen Reihen mit ungeteilter Zustimmung zu ihrer Kritik rechnen oder gibt es Populismus auch in den Kirchen?

Püttmann: Leider, aber erwartbar, gibt es auch rechtspopulistisch entgleiste Christen. Nur etwa vier Prozent der kirchennahen Christen neigen zur AfD, aber über 20 Prozent der Konfessionslosen. Es gibt jedoch eine kleine, gut vernetzte, laute und besonders im Internet wirksame Szene AfD-naher Rechtskatholiken und meist evangelikaler Protestanten. Darunter etliche Journalisten, die man früher nur als fromm, konservativ und „papsttreu“ wahrnahm, die sich aber jetzt entpuppen als bloß „ich-treue“, teils offen antipäpstliche Agitatoren einer „narzisstischen Kirche“ (Papst Franziskus) und eines von rechts politisierten Glaubens, dessen linkes Pendant sie immer bekämpften.

Wie wird mit ihnen umgegangen? Kann man sie entlarven?

Püttmann: Sie bestanden schon den Lackmustest der Limburger Affäre nicht, in der sie, die erklärten Gegner des moralischen Relativismus, schlagartig selbst relativistisch wurden und sogar eine falsche eidesstattliche Erklärung zur Kleinigkeit herunterredeten. Viele Bischöfe scheuen sich, diese Irrlichter zurechtzuweisen, wohl weil in ihrem Amtsverständnis der Diener der Einheit vor dem prophetischen Mahner steht, der die Geister unterscheidet und „getünchte Gräber“ entlarvt.

Welche Wurzeln machen Sie für den nicht nur in Deutschland verbreiteten Populismus aus?

Püttmann: Zunächst psychologische. In jeder Gesellschaft gibt es einen gewissen Prozentsatz autoritärer Persönlichkeiten sowie überängstlicher und fremdenfeindlicher Menschen. „The German Angst“ ist ja sogar international sprichwörtlich geworden. Wichtiger ist aber die Revolution unserer Kommunikation. In den Tiefen des Internets und den Echokammern der sozialen Netzwerke radikalisieren sich nicht nur manche Muslime zu Islamisten, sondern auch Deutsche zu „System“-Verächtern und Christen zu „Katholiban“ und „Pietkong“. Die dort übliche Simplifizierung und emotionale Enthemmung im Schutz der Anonymität machen das Internet zu einer großen Radikalisierungs- und Verplumpungsmaschine, die Ressentiment und Wut produziert. Als weitere Faktoren sind Verluste an humanistischer Bildung, historischer Erinnerung und christlicher Herzensbildung zu nennen. Man darf die Ursachenforschung nicht zu einseitig auf politische Problemlösungsdefizite fokussieren, die als Migrations- und Euro-Schuldenkrise gewiss auch ihren Anteil haben.

Was können Menschen tun, die dieser Entwicklung etwas entgegensetzen wollen?

Püttmann: Vor allem versachlichend argumentieren, jeder an seinem Platz. Viele der Rechten sind schon zu fanatisiert für echten Dialog, aber ihnen emotional nahestehende Menschen dringen manchmal doch durch. Zweitens muss die Verrohung im Internet durch eine vernünftige Regulierung bekämpft werden, unbeschadet der Meinungsfreiheit. Drittens ist eine Stärkung der Medienkompetenz durch die Schulen dringlich. Viertens sollten die geistigen Ursachen der Zerstörung der Weimarer Republik mehr ins Bewusstsein gebracht werden: Statt immer die Jahre 1933 bis 1945 im Fokus zu haben, gilt es 1918 bis 1933 zu betrachten. Fünftens muss die EU sich auf einen praktikablen Schutz ihrer Außengrenzen und einen solidarischen Ausgleich bei der Flüchtlingshilfe im Inneren einigen. Sechstens muss ausgegrenzt werden, wer rassistisch, antisemitisch, völkisch-nationalistisch oder sozialdarwinistisch hetzt. Jede Kultur lebt von der richtigen Ermutigung und Entmutigung.

Was bedeutet das für die Kirche?

Püttmann: Die Kirche muss ihre von Kardinal Marx definierten „Roten Linien“ auch wirklich verteidigen, statt Rechtsradikale salonfähig zu machen auf kirchlichen Podien. Für Christen ist nicht alles diskutabel und damit auch nicht jeder vor katholischen Mikrofonen. Tabus werden nicht nur durch Reden und Vorbild geschützt, sondern auch durch soziale Sanktionierung. Das begreifen Liberale oft nicht. Der bevorzugte Platz der Kirche ist bei den Schwachen und bei den Opfern von Ressentiment und Hass. Sie kann sich da nicht zurückziehen auf eine Funktion als neutrale „Plattform“ für Debatten. Kirche ist keine Talkshow. Sie hat Zeugnis zu geben von Jesus Christus und Gottes Geboten.

Sie sprechen in Tübingen unter anderem vor Theologiestudierenden. Welche Herausforderung sehen sie speziell für künftige Pastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?

Püttmann: Das bereits Gesagte betrifft sie wie alle anderen. Als Mitverkündiger der frohen Botschaft und seelsorgliche Begleiter können sie besonders gefordert sein, ideologisch Gefährdete, Verunsicherte, aber auch Opfer rechtspopulistischer Hetze zu unterstützen, Orientierung und Halt zu geben, manchmal auch Trost. Denn die politische Polarisierung schlägt menschliche Wunden. Sie entzweit nicht selten Freunde und Familien. Da gilt es dann die richtige Mitte zu finden aus Entschiedenheit in der Verteidigung von Normen und Versöhnlichkeit im Stil. Soweit die politische Sphäre betroffen ist, scheint mir gerade heute eine gute Kenntnis der christlichen Sozialethik wichtig zu sein Bei aller Wichtigkeit guten Willens und sozialen Taktgefühls gilt immer wieder: Wissen rockt, auch in der Kirche.

Markus Waggershauser - 03.05.2018

Person

Andreas Püttmann ist promovierter Politikwissenschaftler und Publizist und lebt in Bonn. Der 54-Jährige, der durch Bücher wie "Gesellschaft ohne Gott" (2010) und "Wie katholisch ist Deutschland - und was hat es davon?" (2017) bekannt wurde, engagiert sich unter anderem im Arbeitskreis "Politische und ethische Grundfragen" des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK). Er arbeitete von 2014 bis 2015 als parteiloses Mitglied in der CDU-Zukunftskommission und bis vor Kurzem im Vorstand der Gesellschaft Katholischer Publizisten mit.