header_profil_960x161.jpg

Priester werden

Jeder Schritt führte zu größerer Weite

Das Wilhelmsstift prägt seit 200 Jahren die Diözesantheologen

Prof. Dr. Wilfried Eisele / Foto: Privat

1817 verlegte der württembergische König Wilhelm I. die Katholisch-Theologische Fakultät nach Tübingen und stellte den künftigen Priestern während des Studiums das ehemalige Adelskolleg zur Verfügung, das nach ihm Wilhelmsstift benannt wurde. Im Jubiläumsjahr erinnert sich Professor Wilfried Eisele an seine Stiftszeit.

Herr Eisele, Sie lehren heute an der Uni Tübingen in der Katholisch-Theologischen Fakultät das Fach Neues Testament. Wer und was war für Sie prägend in Ihrer eigenen Studienzeit ab 1992 als „Stiftler“?

Wilfried Eisele: Das Wilhelmsstift habe ich als ein überaus quirliges Haus in Erinnerung, das in Prüfungssemestern allerdings von zunehmendem Wahnsinn geprägt war. Nach den Prüfungen entlud sich an einem heißen Sommertag die ganze Spannung auf einmal. Einer fing an, seine sämtlichen Vorlesungsskripte als lose Blätter aus dem obersten Stockwerk in den Innenhof zu werfen. Andere lieferten sich mit Wasserbomben regelrechte Schlachten. Es gab aber auch viele Initiativen, die einer Bildungseinrichtung dieser Art alle Ehre gemacht haben. Es war ein Haus, in dem die ganze Bandbreite von persönlichen Lebenseinstellungen, kirchlichen Verortungen und Zugängen zur Theologie vertreten war.

Die Vorlesungen besuchten Sie als Priesteramtskandidat an der Universität. Welche Ihrer theologischen Lehrer sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Eisele: Ich erinnere mich an den Philosophen Georg Wieland, der in den Hörsälen immer auf und abging und dabei seine Gedanken entwickelte. Ich staunte über die Souveränität, mit der er auch überlange Sätze nach etlichen Nebensätzen und Einschüben, noch grammatikalisch richtig zu Ende führte. Ich denke auch an die kleine Runde, die mit dem Exegeten Herbert Niehr zusammen aramäische Texte las und übersetzte. Später war es natürlich Michael Theobald, der mich seit der Diplomarbeit über Dissertation und Habilitation am nachhaltigsten geprägt hat.

Was waren die damaligen Gesprächsthemen im Wilhelmsstift? Gab es Missgeschicke, Auseinandersetzungen und freudige Ereignisse?

Eisele: Ich kann mich erinnern, dass ich mit bestimmten Leuten viel über Politik diskutierte. Daraus ist dann irgendwann die Initiative des „Politischen Frühstücks“ mit fünf bis zehn Leuten in einem der Wohnzimmer entstanden. Wie eine Bombe hat 1994 das päpstliche Schreiben „Ordinatio sacerdotalis“ über die nur Männern vorbehaltene Priesterweihe eingeschlagen und die Studentenschaft gespalten. Am Ende wurde der Aufruhr so groß, dass Bischof Kasper sich bemüßigt sah, außer der Reihe zu einem Gesprächsabend ins Wilhelmmstift zu kommen, um die Wogen zu glätten.

Das mittlere der in der Regel fünf Studienjahre verbringen die Diözesantheologen traditionell an einer auswärtigen Fakultät – vorzugsweise im Ausland. Wo waren Sie und was hat Sie dort geprägt?

Eisele: Durch mein Doppelstudium habe ich mir sogar zwei Jahre im Ausland gegönnt: Mit der Theologie war ich an der Dormitio-Abtei in Jerusalem, mit der Philosophie am Institut catholique in Paris. Erst durch das Jerusalemer Jahr kam ich zur Exegese, die vorher nicht unbestritten im Zentrum meiner Interessen stand. Durch das gemeinsame Leben und Lernen mit evangelischen Mitstudierenden ist mir die Ökumene wichtig geworden. Damals gab es im Heiligen Land noch Hoffnung auf einen Frieden, die kurz danach mit der Ermordung Rabins erloschen ist. Die Welt des Nahen und Mittleren Ostens ist mir für immer ans Herz gewachsen, und es schmerzt mich zu sehen, wie diese Welt zerstört wird.

Neben der theologischen Qualifikation an der Universität geht es in der Priesterausbildung um die geistliche und persönliche Reifung. Hat das Wilhelmsstift Ihre Spiritualität geprägt?

Eisele: In meinen ersten Studienjahren wurde ich gewarnt, ich könnte in Tübingen den Glauben verlieren. Diese Sorge hat mich nie geplagt. Ein Glaube, der kritischen Anfragen nicht standhält – ob wissenschaftlich oder existentiell – war es in meinen Augen nicht wert, gelebt zu werden. Mit jedem Schritt ins Studium haben sich mir größere Weiten erschlossen. Ich bin in einem oberschwäbisch-katholischen Milieu aufgewachsen, in dem Leben und Glauben noch eins waren. Im Studium hat sich meine Spiritualität gewandelt, was ich nie als Abbruch empfunden habe. Das Über-Ich ist kleiner geworden und die Freiheit größer. Wenn ich in ein enges System gekommen wäre, hätte ich auch selbst immer enger werden können. Aber das ist – Gott sei Dank – nicht passiert.

Eckhard Raabe / Markus Waggershauser - 19.12.2017

Person

Professor Dr. Wilfried Eisele, seit April 2017 Professor für Neues Testament an der Katholisch-Theologischen Fakultät an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, studierte von 1992 bis 2000 Katholische Theologie und Philosophie in Tübingen, Jerusalem und Paris. Der 46-Jährige lehrte während seiner Habilitation an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und unterrichtete Hebräisch und Griechisch am Ambrosianum in Ehingen und Tübingen. Bevor der gebürtige Saulgauer nach Tübingen zurückkehrte, wirkte er an der Theologischen Hochschule Chur in der Schweiz und an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster in Westfalen.

Weitere Interviews zu 200 Jahre Wilhelsstift und Priesterseminar gibt es in einem Jubiläumsbuch.

Martin Fahrner und Andreas Rieg(Hrsg.)
Priester werden – weltoffen, schwäbisch, katholisch

Hardcover, Format 20,8 x 26,6 cm
262 Seiten mit zahlreichen Farbabbildungen
Schwabenverlag
ISBN: 978-3-7966-1747-8
€ 25,00