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Religiöse Toleranz

Toleranz unter den abrahamitischen Religionen

Für ein friedliches Miteinander in Afrika

Prinz Dr. Asfa-Wossen Asserate

Fundamentalisten verschiedener Religionen kämpfen und morden - nicht nur in Afrika. Wie der in Deutschland lebende äthiopische Prinz Dr. Asfa-Wossen Asserate, der unter anderem in Tübingen studiert hat, religiöse Akzeptanz, Anerkennung und Toleranz fördert, erzählt er im Interview.

Herr Dr. Asserate, Sie stammen aus dem äthiopischen Kaiserhaus und leben seit über 40 Jahren in Deutschland. Worin besteht aus Ihrer Perspektive die größte Herausforderung des afrikanischen Kontinents heute?

Asfa-Wossen Asserate: Neben der großen Völkerwanderung, die auch die größte Herausforderung Europas sein wird, ist es in Afrika die Frage des Zusammenlebens der zwei abrahamitischen Religionen, dem Christentum und dem Islam. Im Gegensatz zu Europa ist die Religion in Afrika das wichtigste Element im Leben eines Menschen. Wir müssen in Afrika an die Ursprünge denken, wo diese Religionen in friedlicher Koexistenz gelebt haben. Mein Vaterland ist eines der ältesten christlichen Länder der Welt. Viele wissen nicht, dass Äthiopien die zweitälteste muslimische Gemeinde ihr Eigen nennt. Hier kam der Islam nicht mit Feuer und Schwert, sondern Äthiopien hat als erstes Land muslimische Flüchtlinge aus Mekka aufgenommen - noch bevor sie nach Medina ausgewandert sind.

Sie haben auf diesem Hintergrund den Verein „Pactum Africanum“ gegründet. Was wollen Sie bewegen?

Asserate: Zurzeit leben in Afrika 1,2 Milliarden Menschen, 85 Prozent davon sind Jugendliche unter 25 Jahren. Es geht "Pactum Africanum" genau um diese Menschen, die leider in den letzten Jahrzehnten von fundamenmtalistischen Elementen in den jeweiligen Religionen - ich schließe die christliche nicht aus - so sehr beeinflusst worden sind, dass sie eine vollkommen brutale Ansicht über die jeweils andere Religion haben. Wir möchten hier ansetzen und müssen in erster Linie die Gemeinsamkeiten in den Vordergrund stellen, bevor wir über das trennende Element reden.

Worin bestehen diese Gemeinsamkeiten?

Asserate: Juden, Christen und Muslime beten denselben Gott an. Es gibt keinen Unterschied zwischen Gott, Allah und Jahwe. Wenn Sie einen Muslim fragen, wer Allah ist, wird er sagen: Der Gott Abrahams und Isaaks, aber auch der Gott Moses. Christen und Juden sagen dasselbe. Diese Gemeinsamkeit möchten wir darstellen ohne alles zu verwischen und ohne alles in einen Topf zu werfen. Wir müssen auch über die Unterschiede reden. Ja, wir haben denselben Gott, aber durch meine Sozialisierung und durch meine Tradition gibt es nur den einen Weg für mich zu diesem gemeinsamen Gott zu kommen, und zwar durch meinen Heiland Jesus Christus. So wie ich für meinen muslimischen Bruder akzeptiere, anerkenne und toleriere, dass es für ihn, um zu diesem gemeinsamen Gott zu kommen, nur einen einzigen Weg gibt, nämlich den durch den Propheten Mohammed. Und dass es für den jüdischen Bruder keinen anderen Weg gibt zu dem gemeinsamen Gott zu kommen als durch die Gesetze des Mose und die Tora. Das höchste Gut ist die absolute Toleranz.

Bräuchte es diese Toleranz nicht auch in Deutschland? Ich erinnere an eine Plakataktion von christlichen und muslimischen Jugendlichen in Tübingen mit der Aussage, dass Gott auch in der arabischen Bibel Allah heißt. Da gab es heftige Diskussionen ...

Asserate: Unbedingt. Ich weiß um die Probleme in Deutschland, gerade auch was die Migration angeht. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass es für Afrika inzwischen eine Überlebensfrage geworden ist, wenn Sie sehen, was Boko Haram in Nigeria und Al-Shabaab in Somalia, ISIS im Nahen Osten und verschiedene islamistische Bewegungen in ganz Afrika tun. Vor einem Jahr wurden 25 meiner christlichen Landsleute und ein Muslim, der seine christlichen Brüder nicht verlassen wollte, von der ISIS in Libyen geköpft. Da zeigt sich wie wichtig es ist, so schnell wie möglich an dieses Problem heranzugehen.

Verliert man bei dieser Brutalität im Namen der Religion nicht den Glauben? Was bedeutet Ihnen persönlich Ihr christlicher Glaube?

Asserate: Ich bin meinen Eltern zutiefst dankbar, dass sie mich von Kindesbeinen an als einen religiösen Menschen erzogen haben. 1974 war ich Student in Frankfurt. In der BBC hörte ich am 24. November um 6 Uhr morgens, dass in der Nacht 60 führende Mitglieder der kaiserlichen Regierung in Äthiopien standesrechtlich erschossen wurden, darunter mein Vater. Meine Mutter und meine sechs Geschwister waren in Sippenhaft. Ich war ganz allein in Deutschland - ohne Geld, ohne Hoffnung. Wenn ich in diesem Moment meinen Glauben nicht gehabt hätte, wäre ich längst verloren. Der Glaube hat mir in diesen schlimmsten Zeiten geholfen weiterzumachen. Ich bin kein Missionar, aber natürlich möchte ich meine Erfahrung mit meinen Mitmenschen teilen und meinen Beitrag dazu leisten, dass wir diese religiösen Auseinandersetzungen mit friedlichen Mitteln bekämpfen.

Markus Waggershauser - 09.12.2016

Person

Prinz Dr. Asfa-Wossen Asserate ist Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers und arbeitet als Unternehmensberater für Afrika und den Mittleren Osten, Autor und politischer Analyst. Der 68-Jährige studierte unter anderem an der Universität Tübingen, wo er inzwischen Ehrensenator ist, Rechtswissenschaft, Volkswirtschaft sowie Geschichte und lebt heute in Frankfurt am Main. Neben dem vielfältigen politischen Engagement für die Menschen und die Kultur seiner Heimat - jüngst durch "Pactum Africanum, den Verein zur Förderung des Dialoges zwischen den abrahamitischen Religionen in Afrika e.V." - machte sich der orientalisch-orthodoxe Christ durch sein Buch "Manieren" einen Namen, das sich mit europäischen und speziell deutschen Umgangsformen beschäftigt.