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Seelsorge für Behinderte

Den Schwächsten eine Chance geben

Seelsorge für Behinderte vor Ort

Gertrud Geiger

Kinder mit und ohne Behinderung stehen beim Theaterkarussell in Stuttgart auf der Bühne. Über die Seelsorge für Familien mit behinderten Kindern in der Diözese erzählt Gertrud Geiger aus dem Dekanat Allgäu-Oberschwaben.

Frau Geiger, seit knapp zwei Jahren sind Sie Seelsorgerin für Familien mit behinderten Kindern im Dekanat Allgäu-Oberschwaben. Was sind dabei Ihre Aufgaben?

Gertrud Geiger: Da ist zum einen der Religionsunterricht an einer Schule für Kinder und Jugendliche mit einer geistigen Behinderung. Dann geht es um seelsorgerliche Begleitung von Familien, die ein behindertes Kind haben. Einmal im Monat lade ich ein zum „Abend der Stärkung“ und ich biete mich an zum Gespräch mit den Eltern zu Glaubens- und Lebensthemen. Außerdem können Kirchengemeinden mich einladen zu thematischen Abenden, zur Gestaltung eines Gottesdienstes oder zur Beratung darüber, wie sich eine Gemeinde in ihrem Leben und in ihren Gebäuden behindertenfreundlich zeigt.

Dass die Behindertenseelsorgerinnen und -seelsorger in den Dekanaten vor Ort sind, ist deutschlandweit etwas Besonderes. Was zeichnet dieses Konzept der Diözese Rottenburg-Stuttgart aus?

Geiger: In zehn Dekanaten gibt es solche Stellen als Vollzeitaufträge oder Teilzeitaufträge in Verbindung mit Gemeindepastoral. Wir sind ohne große Anfahrtswege relativ nah bei den Familien und können sie über längere Zeit wirklich begleiten. Auch für die Gemeinden sind wir so eher greifbar. Unsere Diözese setzt damit ein Signal, wie wichtig der Personenkreis behinderter Menschen ist. Das wird in der Gesellschaft positiv wahrgenommen.

Ihre Stelle im Dekanat Allgäu-Oberschwaben gibt es seit 2010 und Sie sind noch am Aufbauen. Wie finden Sie Kontakt zu den Familien?

Geiger: Die Schulen sind ein wichtiger Ort dafür – sowohl die Schule, an der ich unterrichte, als auch die anderen Behindertenschulen im Dekanat, zu denen ich Kontakte pflege und die mich durch die Leitung der Schulgottesdienste kennen. Andere Gesprächssituationen ergeben sich, wenn ein Kind zur Erstkommunion oder Firmung gehen soll. Der Besuch des Gottesdienstes stellt die Eltern vor Fragen und Herausforderungen.

Was motiviert Sie persönlich für diese pastorale Aufgabe?

Geiger: Ich kann sehr selbstständig arbeiten und auf die Bedürfnisse der einzelnen eingehen. Ich muss dadurch einerseits sehr kreativ und spontan sein, andererseits bedarf es gut entwickelter Konzepte. Das ist eine interessante Mischung. Von 1993 bis 2000 habe ich bereits in Ulm in diesem Bereich gearbeitet. Dies hat mich geprägt und bereichert. Seither bin ich überzeugt, dass Menschen mit einer Behinderung eine ganz besondere Aufgabe in unserer Gesellschaft haben. Ich habe auch in meinem eigenen Leben immer wieder erfahren, dass der Glaube an Gott gerade in Herausforderungen trägt und gute Entwicklungen ermöglicht. Das kann ich den Familien weitergeben.

Hat sich Ihr Blick auf die Gesellschaft und die Kirche durch Ihre Tätigkeit verändert?

Geiger: Ja, es verschieben sich Wichtigkeiten und Wertigkeiten. Wenn es um existentielle Fragen geht, verblasst viel Kleinkram des alltäglichen Lebens. Ich kann in vielen Dingen gelassener und barmherziger werden. Noch heute leitet mich oft der Satz eines sogenannten behinderten Jugendlichen aus der Ulmer Zeit, der in allen möglichen und unmöglichen Situationen sagte: „Frau Geiger, wir haben ja Zeit!“ Die Arbeit mit behinderten Menschen lehrt mich täglich, dass Konkurrenz nicht wirklich weiterbringt, sondern ein gesundes Miteinander. Nur wenn der oder die Schwächste eine Chance hat, kann das Ganze gelingen. Ich werde daran erinnert, dass der Weg Jesu ein Weg „nach unten“ ist und dass wir nur auf diesem Weg zu unserer wahren von Gott gedachten Bestimmung gelangen können.

Haben Sie Wünsche an die Diözesanleitung, die Dekanate und die Kirchengemeinden vor Ort?

Geiger: Kirche ist schon immer für das Lebensrecht und die Würde aller Menschen eingetreten. Sie muss sich aber auch fragen lassen, wie viel wirkliche Teilnahme für Menschen mit Behinderung möglich ist. Sind die baulichen Voraussetzungen gegeben? Sind die Gottesdienste und Veranstaltungen sprachlich mit zu vollziehen? Gibt es eine Atmosphäre des Willkommenseins? Was kann und muss verbessert werden? Dass sich Kirche auf allen Ebenen diesen Fragen stellt, offen ist für Veränderung und so wie Jesus bereit ist, den „Weg nach unten“ zu gehen, das wünsche ich mir.

Interview: Markus Waggershauser - 26.06.2012

Person

Gertrud Geiger ist 50 Jahre alt und von Beruf Gemeindereferentin - zuletzt im württembergischen Allgäu. Davor war sie fünf Jahre für die deutschsprachigen Katholiken in Malaysia zuständig. Durch Zusatzqualifikationen in Gesprächsführung nach Rogers, Sozialtherapeutischem Rollenspiel, Organisationsentwicklung und Gemeindeberatung hat sie ihr berufliches Arbeitsfeld erweitert. Seit Herbst 2010 ist Gertrud Geiger Seelsorgerin für Familien mit behinderten Kindern im Dekanat Allgäu-Oberschwaben mit Sitz in Weingarten.