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Vom Wanderer zum Pilger werden

Tourismus bietet der Kirche viele Kontaktmöglichkeiten

Achim Wicker

Seit zweieinhalb Jahren gibt es das ökumenische Projekt „Kirche und Tourismus in Baden-Württemberg“. Für die Diözese Rottenburg-Stuttgart zeichnet Achim Wicker verantwortlich. Simone Haefele von der Schwäbischen Zeitung sprach mit ihm unter anderem über die Chancen, die die katholische Kirche in diesem Projekt sieht. Aber auch über die Gefahren, die sich eventuell dahinter verbergen.

Was motiviert die katholische Kirche dazu, sich im Tourismus zu engagieren?

Achim Wicker: Wir haben festgestellt, dass die Menschen vom Pilgern begeistert sind. Das hat uns auch die Erfahrung mit dem Martinusweg, der durch unsere Diözese führt, gezeigt. Diese Form von Spiritualität ist aktuell. Deshalb hat die Kirche ihre Versuche im Feld Tourismus ausgeweitet. Sie hat gemerkt, dass man damit Menschen erreicht und auf Interesse stößt.

Können Sie Beispiele nennen?

Wicker: Ich muss noch einmal auf den Martinusweg eingehen. 2016 haben wir erstmals unter dem Motto „Immer wieder samstags – unterwegs auf den Spuren des heiligen Martin“ dort zu einem begleiteten Pilgern eingeladen. Mit dabei waren jedesmal ein ortskundiger Führer sowie ein geistlicher Begleiter. Es kamen mehr Menschen als erwartet, teilweise über 100. Das Angebot, draußen zu sein und sich mit Gott und der Welt zu befassen, passt in die Zeit. Ganz aktuell ist ein Beispiel, das in Zusammenhang mit Center Parcs in Leutkirch entstanden ist. Die Kirche im Allgäu hat auf einer Homepage ihre Gottesdienste in der Region, Pilgerangebote und Vorträge zusammengestellt, damit sich Urlauber einfach und schnell darüber informieren können. Da ist jetzt nicht viel Neues entstanden, sondern man bringt den Menschen Gottesdienste, Andachten und Konzerte, die es bereits gibt, nahe. Jeder, der in den Park kommt, erhält eine Broschüre, in der auf diese Angebote der Kirche hingewiesen wird.

Richten sich die Angebote gezieltan Touristen?

Wicker: Ja auch, aber es sind alles Angebote, die sich generell an Menschen richten, die religiös interessiert sind. Der neue MeinRadweg spricht natürlich zuerst Radfahrer an, darunter auch solche, die sich gar nicht für den heiligen Meinrad interessieren, sondern die Strecke einfach attraktiv finden. Sie werden trotzdem spirituelle Impulse mitbekommen. Auch, weil sie an besonderen Orten wie dem Kloster Beuron übernachten können.

Also eine moderne Form der Missionierung?

Wicker: Ja, wenn ich Missionierung so verstehe, dass ich Menschen die Möglichkeit eröffne, aus freier Entscheidung heraus ein Angebot anzunehmen. Schön, wenn die Menschen irgendwann sagen: „Ich bin vom Wanderer zum Pilger geworden.“ Oder beim Beispiel MeinRadweg: „Ich bin vom Radfahrer zum Radpilgerer geworden.“

Versucht die Kirche, durch den Tourismus wieder näher an die Gesellschaft heranzurücken?

Wicker: Ja, absolut. Im Urlaub habe ich doch eher den Kopf frei und ich habe auch mehr Zeit. Wenn dann ein attraktives Angebot da ist, dann habe ich die Chance, dass Menschen dies auch annehmen.

Kirchen sollen zum Erlebnisraum werden. Außerdem fahren seit einigen Jahren Kirchenschiffe auf dem Bodensee. Besteht nicht die Gefahr, dass Kirchen nur noch als Museen und Gottesdienste als Event wahrgenommen werden?

Wicker: Auf manche Gottesdienste trifft das sicherlich zu. Die Nachfrage bestimmt immer das Angebot. Es geht darum, dass man den Kirchenraum den Menschen erschließt. Diese Orte haben eine tief religiöse Bedeutung und es gilt, diese Orte auch in ihrer Bedeutung zu erfassen. Wenn die Führung kein Erlebnis ist, dann schalten viele nach einer Viertelstunde ab. Unsere Aufgabe ist es, den Besuchern den Kirchenraum näherzubringen. Ob sie nachher in den Gottesdienst gehen, weiß ich nicht. Aber sie verstehen wenigstens, warum die Kirche so ist, wie sie ist. Es gibt innerhalb der Kirche sicher Kritiker, die sagen, wir dürfen nicht aus allem ein Event machen. Für mich ist die Qualität einer Führung entscheidend, und genau daran arbeiten wir. Wenn aber das Event im Vordergrund steht und nicht mehr der Inhalt, den ich transportiere, dann kann ich es sein lassen. Wir müssen kreativ sein, wenn es gilt, neue Formen zu finden, die in der heutigen Zeit bei den Menschen auch ankommen.

Simone Haefele - 29.05.2019

Person

Achim Wicker arbeitet als Dekanatsreferent im Dekanat Freudenstadt. In der diözesanen Hauptabteilung Pastorale Konzeption verantwortet der 49-jährige ausgebildete Realschullehrer und Diplom Pädagoge die Bereiche Martinusweg, Freizeit und Tourismus sowie Hochschulseelsorge.

Wir danken der Schwäbischen Zeitung in Ravensburg, dass wir das dort veröffentlichte Interview übernehmen durften.