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Menschenfischer aus Italien

Don Battista Mutti begründete in Stuttgart die Seelsorge für seine Landsleute

Singen, Theater, Mandoline und Fußball spielen, davon schwärmt Don Battista Mutti noch heute. Mit bodenständiger Kultur, Sport und vitaler Frömmigkeit eroberte er die Herzen seiner Landsleute - und der Deutschen. Er kam 1951 bereits als Seelsorger nach Deutschland, bevor fünf Jahre später die ersten Gastarbeiter eintrafen. „Grüß Gott" war das einzige, was er auf Deutsch über die Lippen brachte. Doch der heute mit Prälatentitel und Bundesverdienstkreuz gewürdigte 84-jährige Priester lernte schnell. Vor 57 Jahren hatte ihn sein Bischof nach Stuttgart geschickt, damit er sich um die nach Deutschland ausgewanderten Italiener kümmere. “Ich musste sie wie ein Detektiv suchen", erinnert sich Don Mutti in seiner Wohnung neben der Nikolauskirche in Stuttgart.

In acht Jahren begleitete Don Battista um die 32.000 Arbeiter, die von der deutschen Behörde in Verona angeworben waren und von dort mit dem Zug ins Schwabenlandfuhren. Allen schüttelte er die Hand und besuchte die meisten in ihren Baracken. Battista Mutti arbeitete bis zum Umfallen; 1964 brach er zusammen, rappelte sich auf und schaffte weiter. Er legte für die Italiener-Missionen (CMI) der katholischen Kirche in Baden-Württemberg die Fundamente, tatkräftig unterstützt von der heute 96-jährigen Schönstätter Marienschwester Klothildis Schneider, der legendären „Mutter der Italiener“. So erstaunlich es klingt: Italienisch für Italiener gehörte mit zu den ersten CMI-Programmen, denn viele Familien beherrschten nur ihren Heimatdialekt.


Der am 9. Oktober 1923 in Adro am oberitalienischen Iseo geborene Menschenfischer kannte alle einflussreichen Leute. Im damaligen Landesarbeitsamtsdirektor und CDU-Politiker Adalbert Seifriz fand er einen Geistesverwandten. Von Seifriz stammt der Satz: „Wir haben Arbeitskräfte geholt, und es kamen Menschen." Doch Muttis Welt war nicht die der Großkopfeten, sondern die der „kleinen Leute".

Mit ihnen feierte er Feste und Gottesdienste, machte Musik, spielte Theater. Mit einer Portion Schlitzohrigkeit und Improvisationskunst half er manchen Landsleuten immer wieder aus der Patsche. Einer jungen Frau etwa, geschwängert von einem Landsmann, der sich aus dem Staub gemacht hatte. Mit ihr ging Don Mutti Hilfe suchend zum Sozialamt, wo ihn eine mehr als resolute Beamtin harsch anraunzte: „Aha, schwanger, dann kümmern sie sich um die Frau, wenn Sie sie schon geschwängert haben!“ Als der italienische Geistliche sich darauf aus dem Wintermantel schälte und sein Priesterkragen zum Vorschein kam, schien die Beamtin in Grund und Boden versinken zu wollen. Noch heute schlägt Don Mutti die Hände vors Gesicht, wenn er die entsetzte Reaktion der Behördenfrau beschreibt.

In seiner Suche nach den Menschen lässt sich Don Battista auch im hohen Alter nicht bremsen. „In jeder Begegnung lerne ich neu hinzu, und bei jedem Besuch lerne ich neue Menschen kennen“, freut er sich. Wenn er erkennt, dass es jemandem schlecht geht, dann schreibt er das auf in seinem Kalender und notiert sich einen Besuchstermin. Im Krankenhaus habe er früher schon viel über die Menschen gelernt. „Ich muss weiterarbeiten, nur am Tisch sitzen kann ich nicht“. So besucht er täglich Kranke an Leib und Seele, hält Gottesdienste und organisiert weiter Pilgerfahrten nach Fatima, wie jedes Jahr seit 1985.

Die am weitesten entfernten Kontakte pflegt er nach Brasilien. Dorthin verschlug es ihn vor Jahren immer wieder durch die Zusammenarbeit mit Schwester Klothildis. Deren Ordensgemeinschaft unterhält in dem riesigen Land Kindergärten, Schulen und Krankenhäuser. Eine Marienschwester indianischer Abstammung kümmert sich dort um Strafgefangene. Mit ihr besuchte Don Mutti das erste Mal vor Jahren das Gefängnis, redete mit den Häftlingen („Habe dafür extra Portugiesisch gelernt“) und feierte Gottesdienste mit ihnen. „Die haben mich geliebt, die Leute“, erinnert sich Don Mutti. Abschiedspräsente stehen noch heute in seinem Regal: ein von einem Gefangenen gebasteltes Traumhaus-Modell aus Holz und ein aus bunten Perlen gefertigtes Modell einer Taube.

Denkt Don Mutti an heute aufwachsende Kinder seiner Landsleute, bekommt sein von Lachfalten geprägtes Gesicht Schatten. Viele seien vernachlässigt, beklagt er. „Wo sind denn die Eltern?“ Man müsse mit ihnen sprechen, sie an ihre Verantwortung erinnern. Hingehen, das sei das Beste. Diesen Rat gibt er auch Seelsorgerinnen und Seelsorgern. „Sie haben keine Zeit, aber sechs Mal in der Woche Sitzung – und was kommt raus dabei?“ Dann schlägt Don Battista seinen Terminkalender auf: Nach dem Mittagessen steht ein Gang zu einer depressiv gewordenen Frau, am nächsten Tag Besuche bei einem frisch operierten Patienten im Krankenhaus und einer krebskranken Frau. „Alla ricerca dell’ uomo - auf der Suche nach dem Menschen“ heißen Don Muttis längst vergriffene Memoiren. Auf der Suche ist der Menschenfischer aus Italien auch heute noch jeden Tag.

Bild und Text: Uwe Renz