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Keine Auszeit für Anstand

Eberhard Steim † ist als Nazi-Gegner in Dänemark bis heute hoch geachtet

„Tage des Zorns“ - dieser Film des dänischen Regisseurs Ole Christian Madsen, der im Sommer 2008 in den deutschen Kinos anlief und den in Dänemark bereits über zwei Millionen Menschen gesehen hatten, erregte seinerseits den Zorn des heute 88-jährigen Architekten Eberhard Steim in Musberg. Der Film handelt von jungen Freiheitskämpfern, die in dem 1940 von den deutschen Truppen besetzten Dänemark skrupellos wirkliche oder vermeintliche Kollaborateure ermorden. Dass sich unter den extremen Bedingungen des Kriegs, in Zeiten der Unmoral, die Grenzen zwischen Gut und Böse verwischen, will dieser Film zeigen. „Dieses Bild kann so nicht stehen bleiben“, empört sich Steim. „Es ging auch anders. Es gab anständige Menschen, auf beiden Seiten.“ *

Steim selbst gehört zu jenen, die in den Kriegswirren Anstand bewiesen haben. Bis zum heutigen Tag ist er in Dänemark ein hoch geachteter Mann; Freunde aus dem skandinavischen Land sind häufige Gäste im Musberger Haus des Ehepaars Steim. Und für die Steims ist Dänemark zur zweiten Heimat geworden. Auch in Zeiten der Unmoral Anstand zu bewahren, ist ein Lebensgrundsatz des gebürtigen Stuttgarters, der in der katholischen Jugend der dortigen Pfarrei St. Maria groß geworden ist und sich als Jugendlicher geweigert hat, in die Hitlerjugend einzutreten. Dass dies auch nach der Nazi-Barbarei für ihn gegolten hat, belegt ein Ereignis aus den 70er Jahren: Als die Steims, Eltern von fünf Kindern, zu einem Stadtbummel in der Stuttgarter Innenstadt unterwegs sind, sehen sie, wie vor zahlreichen Schaulustigen zwei Männer mit gezückten Springmessern aufeinander los gehen. Steim geht sofort zwischen sie und herrscht sie im Befehlston an: „Sie gehen in diese Richtung und Sie in die andere - und zwar sofort!“ Das habe gewirkt, berichten Augenzeugen. Dabei ist Steim alles andere als ein Militarist. Die Zeit, in der  er an dem von Hitler entfesselten Weltkrieg teilnehmen musste, wurde für ihn zu einer Lebensschule ganz anderer Art: „Du darfst niemals die Augen vor Ungerechtigkeiten verschließen, niemals“, diese Lehre hat er damals für sich gezogen. „Es war das Wegschauen, das den Nationalsozialismus legitimiert hat, und das Wegschauen legitimiert bis heute jede Unterdrückung.“

Wie viele seiner Altersgenossen war Eberhard Steim von Anfang bis Ende des  Zweiten Weltkriegs Soldat. In Afrika war er unter Rommel in das Kriegsgeschehen involviert, aus Russland kehrte der junge Leutnant verwundet zurück und konnte in Stuttgart sein Architekturstudium aufnehmen. Als ihn einmal der 1945 von den Nationalsozialisten ermordete vormalige württembergische Staatspräsident Eugen Bolz, der zur Familie Steim ein vertrauensvolles Verhältnis hatte, in deren Schneiderei in der Stuttgarter Büchsenstraße in seiner neuen Leutnantsuniform sah, gratulierte er ihm nicht wie alle anderen, sondern sagte nur: „Armer Junge.“

Aber Eberhard Steim eignete sich nicht zum „armen Jungen“, das hätte seinem bis heute energischen Charakter widersprochen. Im Dezember 1944 wurde ihm das Kommando über eine 260 Mann starke Kompanie in Askov bei der kleinen süddänischen Stadt Vejen übertragen - eine Ausbildungseinheit, die vorwiegend aus jungen Rekruten bestand. Zu Steims Aufgaben gehörte es, in der Gegend von Vejen die Eisenbahnlinie vor Sabotageakten dänischer Freiheitskämpfer zu schützen. Seine Strategie war es, Feuergefechte zwischen den ihm anvertrauten Soldaten und den Aufständischen und Blutvergießen auf beiden Seiten zu vermeiden. Dass diese Gegend weitgehend vom Krieg verschont blieb, ist nicht zuletzt Eberhard Steim zu verdanken. „Niemand soll zu Schaden kommen“, war das Leitmotiv des Kommandanten.

Dann kamen neue Herausforderungen für Eberhard Steim dazu. Im März 1945 musste er an seinem Standort rund 1.300 Flüchtlinge unterbringen, die aus Ostpreußen über die Ostsee nach Dänemark kamen, ebenso musste ein Feldlazarett mit 1.000 Betten eingerichtet werden. Jeder Dritte in der kleinen Stadt war inzwischen ein Deutscher - ein Verhältnis wie sonst nirgends in Dänemark. Die einheimische Bevölkerung fürchtete um ihre Wohnungen. „Ich werde keine Privatwohnungen beschlagnahmen“, sagte Steim. Auch weigerte er sich, eine eben errichtete Bibliothek, den ganzen Stolz der Einheimischen, zu requirieren. Zum Dank stellten die Dänen andere Räume und öffentliche Gebäude zur Verfügung.

Das Vertrauensverhältnis zwischen ihm und der dänischen Bevölkerung vertiefte sich auf unterschiedliche Weise. Zu seinen Rekruten gehörte ein junger Schauspieler aus der Max-Reinhardt-Schule namens Klaus Bauer, ein Schöngeist, der Stefan Zweig las und Hesse rezitierte und sich ziemlich unvorsichtig über den „Wahnsinn des Krieges“ äußerte. Steim nahm ihn unter seinen persönlichen Schutz, warnte ihn aber auch vor der Desertion. Bauer pflegte Kontakt zum protestantischen Ortspfarrer und späteren Bischof von Riebe, Probst Lindegaard, und dessen Gemeinde und führte auch seinen Kompaniechef dort ein. Bauer wurde psychisch krank und bald entlassen. Die Verbindung zu ihm verlor sich, aber Steim hat ihn bis heute nicht vergessen und ist überzeugt, dass er dem Mann viel verdankt, dem er seinerseits wahrscheinlich das Leben gerettet hat.

Am letzten „Heldengedenktag“, am 10. März 1945, hatte Steim noch auf Bitten Bauers eine Rede gehalten, zu der ihn der dänische Arzt Johan Christian Heuch, der als Zaungast hinterm Gebüsch zugehört hatte, beglückwünschte. Wie er dies mit dem Nationalsozialismus vereinbaren könne, fragte Heuch den deutschen Offizier. „Ich komme aus der katholischen Jugend“, war dessen lapidare Antwort. Von da an unterstützten sie sich gegenseitig in der medizinischen Versorgung der Flüchtlinge und der einheimischen Bevölkerung, bauten gemeinsam ein „Storchennest“ für schwangere Flüchtlingsfrauen auf und ebenso eine Isolierstation für Schwerkranke. Die Freundschaft zwischen den beiden Männern und ihren Familien dauert bis heute an.

Steims Engagement war nicht ohne Risiko. In seinem Standort war ein Spitzel der Gestapo eingeschleust, aber bald enttarnt worden. Auch ein „Goldfasan“, ein Amtswalter der NSDAP, wurde von tieferen Einblicken fern gehalten und konnte keinen Einfluss auf Steims Entscheidungen nehmen. Ein Vorfall drohte dennoch zur Katastrophe zu werden. Noch im April 1944 überraschte eine deutsche Polizeistreife drei dänische Saboteure und erschoss zwei von ihnen, ein dritter kam schwer verletzt ins Lazarett. Steim bahrte die Toten am einzigen ihm aus hygienischen Gründen geeignet erscheinenden Ort auf, in der nicht benutzten Schultoilette. Bauer konnte ihn auf Grund seiner Kontakte vor der Empörung der dänischen Bevölkerung wegen dieser scheinbar unwürdigen Behandlung der Toten und vor einer Eskalation der Ereignisse warnen. Eine Übergabe der Toten an die Dänen verhinderte die Gestapo. Doch konnten sie wenig später in einem nahen Wald begraben werden. Eberhard Steim handelte aus tiefer christlich-humanistischer Überzeugung, aber er war auch ein versierter Taktierer. Eine Razzia der Gestapo, die in Vejen eine Zentrale der südjütländischen Freiheitskämpfer vermutete, konnte er trickreich verhindern. Einem jungen Soldaten, dessen Brief von der Zensur abgefangen wurde und der wegen des Abhörens eines „Feindsenders“ und wegen ironischer Äußerungen über Hitler vor dem Kriegsgericht stand, rettete er bei der Vernehmung vor dem Todesurteil, in dem er ihm geschickt Antworten in den Mund legte, die schließlich zu einem Freispruch führten.

Am 5. Mai 1945 war in Dänemark der Krieg zu Ende. Steim kam in englische Kriegsgefangenschaft, litt an Hunger und musste sich endlosen Verhören unterziehen. Im August kam er ins zerstörte Stuttgart. Beim Spruchkammerverfahren im Zuge der Entnazifizierung wurde er nach als „vom Gesetz nicht betroffen“ eingestuft.

1948 - drei Jahre nach dem Ende des Kriegs und der nationalsozialistischen Terrorherrschaft - sieht Eberhard Steim Askov zum ersten Mal wieder. Das dänische Unterrichtsministerium hatte ihn auf Staatskosten zu einem dreimonatigen nordischen Lehrerkursus über die Kapitulation in Dänemark am 4. und 5. Mai 1945 an der dortigen Heimvolkshochschule eingeladen. Viele weitere Besuche sollten folgen. In einem Interview am 7. Dezember 1948 im „Jugendfunk“ des damaligen Senders „Radio Stuttgart“ berichtet Steim, führende Männer des dänischen Widerstands setzten sich für eine Verständigung mit Deutschland ein und brächten dafür große Opfer. Weite Kreise, so sagt er bereits damals, unterstützten nachdrücklich „die Idee einer europäischen Völkerfamilie“. So sollte eine Ebene gefunden werden, „auf der Grenzkämpfe illusorisch“ werden.

Eberhard Steim, der später als Architekt vor allem in der Diözese Rottenburg-Stuttgart Kirchen und kirchliche Einrichtungen gebaut hat, will sich mit seiner persönlichen Geschichte nicht in der Öffentlichkeit rühmen. Aber der Film „Tage des Zorns“ hat ihn dann doch dazu gedrängt, das Gespräch darüber zu suchen. Er will und kann seine Überzeugung nicht für sich behalten, dass es auch in Zeiten der Gewalt keine Auszeit für elementaren menschlichen Anstand gibt.

Text: Thomas Broch
Bild: Uwe Renz

* Eberhard Steim verstarb am 01.11.2011.