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„Ein bisschen ein Herz-Jesu-Sozialist“

Franz Baum † hat nach dem Krieg die katholische Landjugendarbeit aufgebaut und war in vier Wahlperioden Landtagsabgeordneter

Nach dem Krieg katholische Landjugendarbeit aufgebaut und vier Perioden Landtagsabgeordneter. „Ein bisschen ein Herz-Jesu-Sozialist“ sei er, sagt Franz Baum in einem Nebensatz. Eine der größten Herausforderungen für Gesellschaft und Politik sieht er heute darin, von kapitalistischen Verhaltensweisen und Wirtschaftspraktiken wegzukommen, wieder zu mehr Verantwortungsbewusstsein für die Mitmenschen zu finden und solidarisch zu leben und zu handeln. Der Staat müsse hier viel stärker steuernd eingreifen. *

Der dies sagt, ist überzeugter Katholik und CDU-Mitglied seit 1954. Die katholische Soziallehre hat ihn geprägt, die Leitlinien seines Lebens und Wirkens gründen in einem christlichen Menschenbild, dem er sich verpflichtet wusste und noch immer weiß: als Pionier der katholischen Landjugendarbeit in der 1950-er Jahren, als Leiter der katholischen Jugendbildungsstätte St. Norbert in Rot an der Rot von 1960 bis 1990 und als Landtagsabgeordneter für den Wahlkreis Biberach in vier Wahlperioden von 1972 bis 1988. Heiner Geißler,  Norbert Blüm und der frühere  nordrhein-westfälische Ministerpräsident Karl Arnold, der einstige Schustergeselle  aus dem oberschwäbischen Oberhöfen, sind seine politischen Vorbilder als Vertreter einer „ein bisschen sozialistischen CDU“. Aber auch Winfried Kretschmann, den grünen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, bezeichnet er als Gesinnungsfreund. Dass weithin nicht mehr Wertorientierung, Lebens- und Berufserfahrung das Profil von Politikern prägen, sondern die Parteikarriere, schmerzt ihn; dagegen begrüßt er, dass ein sich änderndes Wertebewusstsein in der Gesellschaft in seiner Heimat Baden-Württemberg auch zu einem politischen Wechsel geführt hat. Seine Partei sei angemahnt, dass, wer die Werteordnung be-wahren will, sich auch ständig erneuern müsse.

Franz Baum wurde am 6. Mai 1927 in Laupheim geboren. Seine aus dem Münsterland stammende Frau, mit der er noch 2008 die Goldene Hochzeit feierte und die 2008 auch überraschend gestorben ist, sei eine wunderbare Persönlichkeit und seine kritischste Begleiterin gewesen, sagt er. Die gemeinsamen vier Kinder seien von ihr in großer Freiheit und zugleich in tiefem Glauben erzogen worden. Auch von ihnen und ihren unterschiedlichen Lebenswegen spricht er mit liebevoller Hochachtung.

Dass er einmal zu einem über die Parteigrenzen hinweg geachteten Landespolitiker, zu einer prägenden Gestalt der ländlichen Jugendbildungsarbeit der Diözese Rottenburg-Stuttgart und bis heute zu einem geschätzten Mitbürger seiner langjährigen Wohngemeinde Rot an der Rot werden sollte, das war Franz Baum nicht von vorneherein in die Wiege gelegt. Die Kindheit in der siebenköpfigen Familie war in den Zeiten von Inflation und Weltwirtschaftskrise von Entbehrung geprägt. Sein sehnlichster Wunsch, ein Musikinstrument zu erlernen, war nicht finanzierbar. Fünf Jahre lang habe er gemeinsam mit seinem Vater gebrauchte Ziehharmonikas angeschaut, aber nie habe das Geld gereicht, ein Instrument zu erwerben, so erzählt er. Auch der Aufenthalt im Internat in St. Ottilien, das er gerne besucht hätte, war nicht bezahlbar. Als „Hütebub“ hat der kleine Franz ein wenig Geld verdient. Sozial stark mitgeprägt hat ihn als Jungen, dass er fünf Jahre lang bei einer taubstummen Dame, einer Fabrikantentochter, gearbeitet, ihren Garten versorgt, ihr Obst und Kartoffeln gebracht hat. Sie habe trotz ihrer Behinderung gut sprechen, vom Mund des Gegenübers lesen und sich unterhalten können. Manchmal habe sie auch mit ihm geschimpft. „Es war außerordentlich lustig.“

In dem religiös geprägten Elternhaus  war kein Platz für nationalsozialistisches Gedankengut. Man setzte sich nach dem Reichskonkordat für die Errichtung einer katholischen Schule ein, die Franz besuchte und die nach zwei Jahren von den Nazis wieder geschlossen wurde. Einmal brachte er von einem Freund eine HJ-Uniform mit nach Hause und musste sie auf Geheiß des Vaters wieder zurücktragen. Das sei eine sehr schwierige Situation gewesen, erinnert er sich noch heute.

Nach der Schulzeit entschied er sich nicht für eine Lehrstelle in einem Rüstungsbetrieb, sondern für eine Landwirtschaftslehre. „Bub, werd’ doch Bauer“, habe sein Lehrer gesagt. „Im Osten, in der Ukraine wird es bald riesige Landwirtschaftsbetriebe geben, da braucht man Leute wie Dich.“ So kam er als Landwirtschaftslehrling auf das Hofgut Fugger in Oberkirchberg und lernte nicht nur Landwirtschaft, sondern musste auch polnische Zwangsarbeiter und zwei französische Kriegsgefangene beaufsichtigen. Das scheint für alle Beteiligten eine eher lockere Angelegenheit gewesen zu sein. Nach Abschluss der Lehre und der Landwirtschaftsschule wechselte er dann noch einmal an den Ganter-Hof des Württemberger Herzogs bei Ravensburg.

1944 holte der Krieg den Siebzehnjährigen ein. Als einer der wenigen, die sich nach der militärischen Ausbildung beim Reichsarbeitsdienst in Hechingen nicht freiwillig zur Division „Großdeutschland“ oder zur Waffen-SS meldeten, wurde er mit weiteren 25 Verweigerern der Freiwilligkeit im Viehwagen an die bereits vorgerückte Front nach Ratibor in Oberschlesien, ins „Ruhrgebiet des Ostens“, transportiert. Sie haben mit ihren Geschützen „geböllert wie verrückt“, aber nie ein  feindliches Flugzeug abgeschossen, erzählt Franz Baum nicht ohne Genugtuung. Seine Distanz zum Nationalsozialismus bringt ihm Nachteile ein. Zu den Kriegserlebnissen des Jugendlichen gehört auch der Einsatz bei der Verteidigung des Rings um Berlin – mit Schreckenserfahrungen, über die er lieber nicht reden möchte. Mehrmals haben erfahrene Landser den „Bub“ auf dem fluchtartigen Rückzug nach Westen unter ihre Fittiche genommen und ihm wohl auch das Leben gerettet. Nur knapp entkommt er den Häschern der SS, die Jagd auf Deserteure machen. Nach kurzer amerikanischer und englischer Kriegsgefangenschaft in Stendal und in der Lüneburger Heide kehrt er schließlich im Oktober 1945 nach Hause zurück.

Der Landwirtschaft ist Franz Baum zunächst treu geblieben. Bereits während der Gefangenschaft arbeitete er auf einem nahe gelegenen Hof, wieder zu Hause dann im Ökonomiebetrieb des Klosters Sießen. Zu den prägenden Erinnerungen dieser Zeit gehört die Begegnung mit Bischof Joannes Baptista Sproll. Franz durfte den gelähmten Bischof bei seinen Gemeindebesuchen auf einer Sänfte tragen. Sproll hat ihn dabei auch motiviert, bei der von ihm gegründeten „Schwabenjugend“ mitzumachen. Von Sießen aus gestaltete er mit Jugendlichen von den benachbarten Höfen Heimabende. Der Weg in die katholische Jugendarbeit bahnt sich an. Bereits während der Nazizeit freilich hatte er zu einem Kreis von Jugendlichen um den katholischen Krankenhausseelsorger Pater Hariolf Ettensberger OSB gehört; über den Vater hatte er Kontakt zur Kolpingfamilie. Diese Begegnungen seien für ihn entscheidend wichtig gewesen.

Die Nachkriegszeit brachte ihn dann von 1949 bis 1953 als Berater und Landwirtschaftstechniker zum Landwirtschaftsamt Laupheim, dessen Leiter Kö-ninger ihn bald  für den Aufbau der ländlichen Jugendarbeit freistellte. Rings um Laupheim gründete er Jugendgruppen und baute überörtliche Strukturen der katholischen Landjugend auf. Er habe ja keine höhere Schule besucht, sagt Franz Baum. Aber er habe immer gelesen und sich weiter gebildet. Die Tätigkeit in der Landwirtschaft habe ihn gelehrt, autark zu handeln. Und er habe „einfach Freude gehabt“, Freundschaften aufgebaut. Ein „kommunikativer Typ“ sei er immer schon gewesen. Und überhaupt sei nach dem Krieg ein großer Aufbruch gewesen.

1954 dann rief ihn der damalige Diözesanjugendseelsorger für die „männliche Ju-gend“, der spätere Rottenburger Domkapitular Anton Großmann, als Referenten der Katholischen Landjugendbewegung (KLJB) an das Bischöfliche Jugendamt in Wernau am Neckar. Immer wieder waren es beeindruckende Priesterpersönlichkeiten, die ihn prägten und seinen weiteren Weg mit beeinflussten. An die Jugendpfarrer Otto Baur, Franz Josef Kuhnle und Georg Kopp erinnert sich Franz Baum gerne, besonders auch an die früh verstorbenen Philipp Ruf und Linus Roth. Heute noch kommt Franz Baum ins Schwärmen, wenn er von dieser Zeit erzählt. Über 120 Ländliche Seminare habe er angeregt – von Mergentheim bis zum Bodensee. Große Säle seien voll von Jugendlichen gewesen, sogar auf den Fensterbänken seien sie gesessen. Man habe damals ein „glückliches Volk“ vorgefunden, in jedem Dorf sei man willkommen gewesen, um eine Gruppe zu gründen. „Und wir haben einfach glühende Reden gehalten“, erfüllt von den Grundgedanken eines christlichen Menschenbildes. Die Nachkriegsgeneration habe nach unheilvollen Zeiten nach neuer religiöser und sozialer Lebenskultur gestrebt. Die Gemeinschaftserfahrung sei wichtig gewesen. Man habe viel Freizeit gemeinsam gestaltet: Tanzkurse, Theaterkurse organisiert, neue Themen aufgegriffen. Die Jugendlichen seien damals noch nicht so abgelenkt gewesen wie heute.

1958 heiratete Franz Baum Agnes Ostrop, die KLJB-Diözesanbeauftragte des Bistums Münster, mit der er vier Jahre lang fast täglich Briefe ausgetauscht hatte. In diesem Jahr wurde er auch Geschäftsführer des Verbandes Katholisches Landvolk in Württemberg. 1960 bat ihn Bischof Carl Joseph Leiprecht, die von den Prämonstratenser-Patres nach zehn Jahren wieder aufgegebene, baulich völlig heruntergekommene Abtei Rot an der Rot als Jugendzentrum aufzubauen. Mit Jugendpfarrer Philipp Ruf entwickelte er ein Konzept und ging dann mit seiner Frau und dem ersten gemeinsamen Kind nach Rot. Bis 1990 sollte Franz Baum dort als Leiter tätig sein. Es sei ein wunderbar freies Arbeiten gewesen, sagt er. Bei den „Montagskreisen“ waren bekannte Persönlichkeiten wie Heinrich Lübke, Alfons Auer, die Chefredakteure Chrysostomus Zodel und Paul W. Wenger, Akademiedirektor Georg Moser, Minister der Landesregierung und viele andere zu Gast. Rot an der Rot wurde zum Mekka der Jugendseelsorger der Diözese. Das Zweite Vatikanische Konzil, 1962 eröffnet, war „hoch willkommen – eine Begeisterung par excellence“. Man war durch die Liturgische Bewegung, die Ökumenische Bewegung schon lange darauf vorbereitet. Sehr nachhaltig hat ihn dann auch die Würzburger Synode (1971 – 1975) beschäftigt. Erwin Teufel, Theresia Hauser und Elfriede Hirsch haben viel davon nach Rot gebracht. Auch schmerzliche Ereignisse fallen in diese Zeit: Am 5. September 1960 stirbt Philipp Ruf bei einem tödlichen Verkehrsunfall. In dem Wagen saß auch Franz Baum.

Auch den Landespolitiker Franz Baum haben das Konzil, die Würzburger Synode, die Katholische Soziallehre in seinem Handeln stark bestimmt. Ab 17. September 1972 gehört er als CDU-Abgeordneter für den Wahlkreis Biberach dem baden-württembergischen Landtag an. „Sein“ Katholisches Landvolk und die Landjugend hatten ihn damals gegen parteiinterne Konkurrenten durchgesetzt, und die „politische Willensbildung von unten nach oben“ blieb auch das politische Konzept Baums, der nie den unmittelbaren Kontakt zu seinen  Wählern und natürlich auch nicht zu den jungen Menschen verloren hat. Auf den Gebieten der Sozial-, Jugend-, Familien- und Schulpolitik hat er Zeichen gesetzt. Er war maßgeblich an der Formulierung des Erwachsenenbildungsgesetzes beteiligt. Sein besonderes Interesse galt dem Jugendbildungsgesetz und den freien Trägern der außerschulischen Jugendbildung. Auf seine Initiative ging das damalige Familienprogramm der Landesregierung zurück, das unter anderem das Modell „Mutter und Kind“, die Stiftung „Familie in Not“, die Einführung der Tagesmütter und des Familiengeldes beinhaltete.

Mitgliedschaft im Landeselternbeirat, Vorsitz im Kuratorium der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Vorstandsmitglied im Verband Katholisches Landvolk und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft katholischer Organisationen (AkO) in der Diözese Rottenburg-Stuttgart oder Gemeinderat in Rot an der Rot und Kreistagsmitglied im Kreis Biberach – das sind nur einige wenige Beispiele seiner vielen ehrenamtlichen Aufgaben in Politik und Kirche auf örtlicher ebenso wie auf überregionaler Ebene. Bei all dem war ihm immer wichtig: nicht einfach politische oder sonstige Forderungen formulieren und öffentlich proklamieren, sondern sich der Verantwortung stellen und seinen persönlichen Beitrag zum Gemeinwohl leisten. Programmatische Fensterreden sind ihm zuwider.

Franz Baum wurde vielfach geehrt. Das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse gehört dazu, ebenso die Landesverdienstmedaille. Aber bei all dem ist er ein bescheidener Mensch geblieben, der seine Wurzeln nicht verleugnet. Wenn man ihm in seinem Haus in Rot an der Rot begegnet, umgeben von einer kleinen, erlesenen Sammlung von Bildern namhafter Künstler, dann erlebt man einen freundlichen, gläubigen, durchaus auch selbstbewusst-kritischen Mann, der sich trotz seiner 85 Jahre eine jugendliche Offenheit bewahrt hat. Das autarke Denken und Handeln des Bauern hat er nie abgelegt. Man kann dem nur zustimmen, was in der heimischen Tageszeitung einmal über ihn geschrieben wurde: „Wahrheit, Gerechtigkeit und Vertrauen sind für Franz Baum Leitmotive seiner Tätigkeit“.

Bild und Text: Thomas Broch

* Franz Baum verstarb am 04.09.2016.