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Gebete mit Hammer und Meißel

Bildhauer Gerhard Tagwerker: Unsagbarem plastische Gestalt geben

Es geht wieder eine Idee um in Gerhard Tagwerker: An ein aus Buchstaben geformtes Kreuz - vertikal „Materialismus“ und horizontal „Egoismus“ – ist ein leidender Christus geheftet. „Die Plastik muss noch reifen in meinem Kopf“, sagt der 80-jährige Bildhauer. Rund 100 Kirchen hat er im deutschen Südwesten ein Innengesicht verliehen, gestaltete Altäre, Ambonen, Tabernakel, schuf Großplastiken, Reliefs und Skulpturen. Eine „kraftvolle und klare FormenFormensprache“ bescheinigte der damalige Domkapitular Werner Groß dem Künstler zum 70. Geburtstag. An dessen Werken lasse sich sein persönlicher Glaube ablesen. In seinem Atelier in Leinfelden-Echterdingen gibt Tagwerker dem Prälaten recht: „Das Arbeiten mit Hammer und Meißel ist mein persönliches Gebet.“

Tagwerkers Werke – er arbeitet tatsächlich noch heute den ganzen Tag – spenden Kraft. Ob es seine Großplastik zu Ehren der jüdischen Katholikin Edith Stein in St. Peter bei Freiburg ist, seine zupackende Bischof-Georg-Moser-Skulptur im gleichnamigen Stuttgarter Caritas-Zentrum, die Marienstatue in der Wallfahrtskapelle im Weggental bei Rottenburg, das Stephanus-Großrelief in der evangelischen Kirche seines Heimatortes Echterdingen oder „Christus trägt uns als sein Kreuz“, ein Relief am Rot-tenburger Bischofshaus: „Es geht darum, dem eigentlich Unsagbaren, dem Transzendenten Gestalt zu geben“, umreißt der drahtige Bildhauer seinen Anspruch. Bescheiden setzt er dazu: „Ich spüre einen Einfluss, den ich nicht erklären kann.“ Wenn er Glück habe, werde etwas Gutes daraus – wenn nicht, dann habe „das Werk keine gute Aussage, man haut es zusammen und fängt am nächsten Tag neu an“. Dann liest er wieder in der Bibel, taucht in die Tiefe verschiedener Übersetzungen und spürt dem Unsagbaren nach.


Sind es schlimme Erinnerungen aus Kindheitstagen, die Tagwerker täglich zum Schaffen am Wahren und Schönen antreiben? 1932 im österreichischen Klagenfurt geboren, kam er als zweijähriger Bub ins nordböhmische Teplitz-Schönau zur Oma. Behütet wuchs er dort auf, zeigte schon damals Talent am Modellieren. 1945 war es damit zu Ende. Während der Vertreibung durch die Tschechen kerbten sich schreckliche Bilder in die Seele des Jungen ein: Von den Strapazen erschöpft, sank er bewusstlos nieder – und wachte inmitten erschossener Deutscher wieder auf. Ein glücklicher Umstand – sein aus der Tasche gerutschter österreichischer Pass – ließ ihn überleben. In Sachsen schließlich angekommen, betrat er eine zerbombte Kirche, in der nur noch der Altar intakt war. „Das hat mir damals Halt und Kraft gegeben.“

Eine prägende Station in Tagwerkers Laufbahn wurde Bamberg. Dort absolvierte er nach dem Gymnasium eine Lehre als Bildhauer und Stuckateur, schaffte danach im Bamberger Dom oder in Wallfahrtskirchen wie Vierzehnheiligen oder Kloster Banz. „Die Atmosphäre in diesen wunderbaren Sakralräumen hat mich fasziniert.“ Schließlich legte der Tatmensch als Steinbildhauer die Meisterprüfung ab, nebenher feilte er an seinem Profil als Kontrabassist und Schlagzeuger in US-Clubs, erwarb gar ein Diplom am Würzburger Jazz-Konservatorium.

Als Tagwerker Anfang der 50er Jahre hörte, dass in Stuttgart Gotik-Fachleute für den Wiederaufbau der Stuttgarter Stiftskirche gesucht werden, packte er seine Siebensachen und zog zu den Schwaben. Bald arbeitete er auch mit dem Bildhauer Herbert Hajek zusammen, der ihn zum Kunststudium ermunterte. Tagwerker folgte, das Studium finanzierte er mit Jazz-Engagements. „Einmal fragte mich mein Professor, ob ich krank sei, wegen meiner rot unterlaufenen Augen“, erinnert sich der Bildhauer. Nein, erschöpft war er halt und müde vom nächtlichen Jazz-Treiben. Aber noch heute schwärmt Tagwerker von den Jahren, als er tagsüber mit Hammer und Meißel, nachts mit Trommelschlägeln schaffte.

Seine Karriere als viel gefragter Gestalter von Kirchenräumen in Baden-Württemberg und drüber hinaus hat der Bildhauer ein gutes Stück dem Architekten Eberhard Steim zu verdanken. Steim, der heute in der gleichen Stadt wohnt, entdeckte den Künstler. „Von da an gab es Auftrag um Auftrag.“ Stuttgart, Bietigheim-Bissingen, Frickenhausen, Böblingen, Leonberg, Neckarsulm, Flein, Filderstadt – die Reihe der mit Tagwerkers Kirchengestaltung verbundenen Ortsnamen ließe sich beliebig ver-längern. In Filderstadt hat der Name Tagwerker bis heute einen weiteren guten Klang – als Pädagoge. Von 1972 bis 1997 unterrichtete der Bildhauer nebenberuflich Bildende Kunst am Eduard-Spranger-Gymnasium und leitete dort die Jazz-AG. Mit einigen seiner damaligen Schüler swingt er noch heute ab und zu am Schlagzeug.

Widerständig ist das Material, das Tagwerkers Formgebung maßgeblich geprägt hat. „Ich komme halt vom Stein her.“ Er arbeitet aber auch mit Terrakotta, mit Bronze oder Holz – dann aber muss es harte Eiche sein. Wird der Bildhauer nach seinen Gestal-tungsprinzipien gefragt, dann wirkt er fast etwas hilflos. Dann redet er von „kubischen Auffassungen“, vom „Zusammenfügen gespannter Flächenelemente“ und von „Flächen, die sich auf Kanten konzentrieren“. Man muss eben schauen, wie das aussieht, wenn Gerhard Tagwerker Unsagbarem plastische Gestalt gibt.
Im nächsten Jahr richtet die Stadt Leinfelden-Echterdingen eine große Ausstellung zu seinen Ehren aus, anlässlich des 80. Geburtstages. Seine inzwischen über ganz Deutschland verstreuten Jungs von der Jazz-AG spielen dann auf, und Gerhard Tagwerker wird sie, so Gott will, am Schlagzeug befeuern.

Uwe Renz