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Zeitzeugen

Kulturpower für den Schwarzwald

Pfarrer Heribert Sautter †: Leidenschaft für Theater, Musik und Brauchtum

Da haben sie geschaut, die Protestanten. Eine Autoprozession an Fronleichnam, die Monstranz mit dem Allerheiligsten im VW-Bus, der Pfarrer auf Rädern von Stationsaltar zu Stationsalter - das gab es noch nie im Nordschwarzwald. In Altensteig gab Heribert Sautter die Premiere. Der 1927 in Stuttgart geborene Priester kam 1958 als Kurat in das pietistisch geprägte Schwarzwaldstädtchen, das bis dahin noch nie einen katholischen Pfarrer vor Ort hatte. Die fast an einer Hand zu zählenden Katholiken wurden von Nagold aus seelsorglich betreut. Nur eine hölzerne Kapelle gab es nebst Kleinwohnung für einen Geistlichen, 1927 vom damaligen Nagolder Pfarrer erbaut. Mit der Ankunft Sautters sollten die Tage der Tristesse dahin sein. Und es kamen immer mehr Katholiken in den dunklen Tann: Flüchtlinge, Vertriebene und aus beruflichen Gründen Zugezogene.*

Ösch-Prozessionen an Christi Himmelfahrt, Gräberbesuche an Allerheiligen, festliche Gottesdienste in der 1963 fertig gestellten Heiliggeistkirche prägten das katholische Leben. „Ich wollte zeigen, welchen Reichtum an Liturgie, Frömmigkeitsformen und Glaubensfreude wir Katholiken haben“, erinnert sich der heute in Großengstingen auf der Alb lebende Monsignore. Manchmal sei er sich vorgekommen wie ein Zirkusdirektor, der seine Vorstellungen gibt. Aus seiner Neigung zu den schönsten Künsten, zur Musik, zum Theater, hat der aus einer Familie mit sieben Buben stammende Pfarrer nie ein Hehl gemacht. Die Altensteiger und die Bewohner der 18 Teilorte bekamen es zu spüren.

Da es keinen katholischen Kirchenchor in Altensteig gab, nutzte der 1963 zum Pfarrer ernannte Sautter seine Beziehungen zum gemischt-konfessionellen Christophorus-Gymnasium des Christlichen Jugenddorfwerks, in dem er unterrichtete. „Die Christophorus-Kantorei war mein Kirchenchor“, sagt der Monsignore. Sie sangen in der Heiliggeistkirche und durften dort proben. Gelebte Ökumene, die aber „nicht als solche nach außen drang“, wie Sautter sagt. Kirchlich offiziell hätten die beiden großen Konfessionen eher nebeneinander her gelebt. „Aber offen interessiert waren die Protestanten schon am katholischen Leben.“

Sautter begründete 1970 in einem Raum unter der Kirche das Theater „Hades“. Vor den Unterweltbrettern, die die Welt bedeuten, fanden sich Kulturfreunde von weit jenseits der Kirchenmauern ein und sahen die Darbietungen renommierter Ensembles. „Wir spielten alles, was aktuell war“, versichert der geistige Vater des heute nicht mehr existierenden Theaters. Damals war es weit und breit das einzige; immerhin zeichnete es die Stadt Altensteig mit ihrem Kulturpreis aus. Dankbar stiftete die Stadt den Katholiken die Orgel.

Über 25 Jahre wirkte Sautter, vielfach ausgezeichnet unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz und der Staufermedaille des Landes, im Schwarzwald. Auf sein Betreiben kam die Teilung des damals riesigen Dekanats Freudenstadt zustande. Es gab von 1975 an das Dekanat Freudenstadt, dessen erster Dekan Sautter wurde, und das Dekanat Calw. 1983 wechselte der Monsignore nach Reutlingen, wo er 14 Jahre Pfarrer von St. Wolfgang war. Dass er sich in der Achalmstadt ebenfalls einen Namen als Kulturförderer machte, überraschte seine Freunde nicht. Die aufwendigen Konzerte an St. Wolfgang hatten einen Ruf weit über die Stadt hinaus. An Geld für die Kirchenmusik mangelte es dem Pfarrer nie, wie er sagt. „Es konnte schon vorkommen, dass ein Reutlinger Fabrikant mir 10.000 Mark zusteckte und sagte - aber keine Quittung.“

Heute lebt der Monsignore nach schwerer Krankheit zurückgezogen aber geistig hellwach auf der Alb. Wie er es schaffte, bei all seinen Aktivitäten in Gemeinde und Kommune auch noch ehrenamtlich etwa im Zentralkomitee der deutschen Katholiken, in der Arbeitsrechtlichen Kommission der Diözese, als Präses der  Mesnerverbände im deutschen Sprachgebiet oder im Priesterrat zu arbeiten? „Ich habe eigentlich immer Glück gehabt und vieles geschenkt bekommen“, antwortet der passionierte Modelleisenbahnfreund, der seine Sammlung freilich inzwischen weitgehend veräußert hat. Schwätzen habe er immer können, stellt er fest. „Wenn ich heute was zu sagen habe, dann ist es auf dem Friedhof.“ Dorthin wird er gern zu Beerdigungen geholt, wenn er nicht gerade in Stuttgart oder Ulm in der Oper sitzt.

Bild und Text: Uwe Renz

* Monsignore Heribert Sautter verstarb am 10.10.2010.