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Zeitzeugen

Aufbau aus Trümmern

Pfarrer Robert Mayer †: kraftvoller und kreativer Neubeginn nach dem Krieg

Beim schlimmsten der elf Fliegerangriffe auf Friedrichshafen im Zweiten Weltkrieg erwischte es den damals 29-jährigen Vikar Robert Mayer erwischt. Eine Wand im Pfarrhaus von Sankt Petrus Canisius stürzte ein und quetschte ein Bein des jungen Geistlichen schwer. Noch heute spürt er in seinem Haus am Bodensee die Nachwehen der Verwundung. Alle Bombenangriffe durchlitt der Seelsorger an der Seite seiner Schäfchen. Der damalige Weihbischof Wilhelm Sedlmeier hatte den als organisatorisch geschickt geltenden Jungpriester 1940 aus dem Vikariat in Ellwangen ans Schwäbische Meer und in die von den Alliierten heftig angegriffene Hochburg der deutschen Flugzeugindustrie beordert. Von Canisius kam Robert Mayer 1944 als Kaplan und später als Kurat in die benachbarte Gemeinde Sankt Nikolaus. „Es war alles kaputt“, erinnert sich der am 19. April 1915 in Stuttgart geborene Monsignore.*

„Ich wusste überhaupt nicht, wie es weitergehen soll“, bekennt der heute noch stattliche Senior. Keine Pläne, kein Material, viele Männer gefallen, an der Front oder in Gefangenschaft. „Ich spürte, dass die Pfarrei ein Zentrum braucht.“ Im Kohlenkeller des zerstörten Heiliggeist-Spitals baute er provisorisch eine Kapelle. Nach und nach ging es an den Wiederaufbau der Nikolauskirche, an das Beschaffen von Baumaterial, später von liturgischem Gerät, von Büchern und Noten für den wieder begründeten Kirchenchor. Bauholz spendete der Herzog von Württemberg. „Trickreich mussten wir das Material von Altshausen in der französischen Besatzungszone ins amerikanisch besetzte Friedrichshafen transportieren.“ Ein Zimmermann baute aus Dankbarkeit über die glückliche Rückkehr seines Sohnes aus dem Krieg das Kirchendach gratis, wie sich Robert Mayer erinnert.

Womit aber die Konstruktion bedecken? Dank guter Kontakte eines Gemeindemitglieds nach Sankt Gallen organisierten eidgenössische Katholiken eine Sammlung für die schwäbischen Glaubensgeschwister und spendierten 96.000 Schieferplatten aus dem Wallis samt je einem handgeschmiedeten Nagel. Nur unter Protest akzeptierte der Architekt das Schiefermaterial. Ziegel aus Ton aber auszuführen, war den Schweizern verboten. „Ich brauchte viel Nerven damals, die habe ich aber im Streich-Quartett wieder aufpoliert“, erinnert sich Monsignore Mayer. Ein hochbegabter, als Mit- und Vorspieler gefragter Violinist seit Kinder- und Jugendtagen war der einer großbürgerlichen Stuttgarter Juristenfamilie entstammende Priester. Wohin es ihn auch verschlug: Immer fand er Anschluss in Streich-Ensembles. Noch bis November 2007 brachte er die Geigensaiten zum Schwingen, „doch jetzt hebt `s Instrument nemme zwischen Hals und Schulter“.

An Heiligabend 1945 konnten die Katholiken von Sankt Nikolaus wieder die erste heilige Messe in ihrer Kirche feiern. Viel Zukunft war dem Schieferdach indes nicht beschert: Ein Sturm fegte es bereits 1945 wieder weg. Erneut waren Bauarbeiten angesagt, aber auch allerhand andere Aktivitäten. Tanzkurse habe er organisiert für die Jugend, misstrauisch beäugt von „den alten Jungfern“, versichert der Monsignore, der selbst als talentierter Tänzer galt. Die Kirche war immer „gerammelt voll“, der Kirchenchor sang herausragend und zog Zuhörer von weit jenseits der Grenzen von Sankt Nikolaus an, betont Robert Mayer, der nach acht Jahren als Kurat den Titel Stadtpfarrer führen durfte.

Mitten in dieser nach den Kriegsjahren idyllisch anmutenden Welt erreichte Pfarrer Mayer erneut ein Ruf aus Rottenburg. Er solle das Seelsorgeamt dort übernehmen, hieß es. Nur ungern ließ sich der Aufbaupionier dazu bewegen, das Pfarrhaus mit einer Wohnung im Priesterseminar zu tauschen. Ausbedungen hatte sich der erfahrene Priester, dass er seine pflegebedürftige Mutter mitbringen dürfe. Deren „Hundle“ aber bekam keine Genehmigung. „Da kam halt mal eines Tages Besuch, und als der gegangen war, sprang unser Hundle im Priesterseminar rum.“ Noch heute freut sich der Monsignore darüber, wie die angehenden Priester den Vierbeiner ins Herz geschlossen hatten. „Die  Herren nahmen das Hundle später sogar in ihr morgendliches Breviergebet auf.“

Nur drei Jahre blieb Robert Mayer Direktor im Seelsorgeamt. Bereits beim Amtseid habe er zu sich gesagt: „Hier bleibst du nicht lange.“ Von der Bischofsstadt machte er sich auf in den Schwarzwald. In Freudenstadt begann er 1958 zunächst als Bischöflicher Kommissär und wurde vier Jahre später Dekan. 16 Jahre wirkte Robert Mayer dort, sanierte unter anderem die Kirche aus dem Jahr 1931 und baute im Stadtteil Loßburg eine neue. Und er geigte leidenschaftlich, wie an jeder seiner Stationen. „Ich hab mei Sach könna und Brahms vom Blatt g’spielt.“ 1974 übernahm Robert Mayer als Pfarrer die Liebfrauengemeinde in Ravensburg, wurde dort ein Jahr später Dekan und ein weiteres Jahr später mit dem Monsignore-Titel geehrt. Nach zehn Jahren in Ravensburg trat er 1984 in den Ruhestand und kehrte zurück in „sein“ Friedrichshafen. Dort genießt er den Blick über den Bodensee bis zu den Alpen. Von den Kriegstrümmern ist längst nichts mehr zu sehen, Geige und Bogen liegen im Schrank. Ab und zu zwickt das von der 1944 eingestürzten Pfarrhauswand malträtierte Bein.

Bild und Text: Uwe Renz

* Monsignore Robert Mayer verstarb am 07.02.2010.