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Zeitzeugen

Mutig die Stirn bieten

Pfarrer Gebhard Luiz † : Von Nazis gefangen – später Pfarrer im Frauengefängnis

Von Nazis gefangen - später Pfarrer im Frauengefängnis. Die wichtigen Szenen hat Gebhard Luiz noch parat, als wären sie gestern gewesen. Als er erzählt, wie die Nationalsozialisten ihn zusammen mit seinem Mitbruder Franz Peter festnahmen und er 1940 wegen Hörens ausländischer Radiosender vom NS-Sonderrichter Hermann Cuhorst zu anderthalb Jahren Gefängnis wegen Wehrkraftzersetzung verurteilt wurde, da sprudeln die Sätze aus dem Mund des hoch betagten Priesters hervor. Ein langer Lebensweg liegt hinter Gebhard Luiz seit damals, als er am 14. August 1913 in Ulm-Söflingen zur Welt kam bis heute, da er geistig hellwach 98-jährig im Seniorenzentrum St. Anna in Schwäbisch Gmünd lebt.*

Die Augen des Lehrersohns blitzen, wenn er von den Menschen erzählt, die ihn prägten: von seinem Heimatpfarrer Rudolf Weser, dessen Predigten ihn schon früh zum Priesterberuf motivierten; Wesers Nachfolger Franz Borgias Weiß, der als erklärter NS-Gegner den jungen Gebhard Luiz überzeugte, der unmenschlichen Ideologie und deren Vertretern mutig und klug die Stirn zu bieten; der Rottenburger Widerstands- und Exilbischof Joannes Baptista Sproll aus Schweinhausen bei Biberach und schließlich der 1987 selig gesprochene Jesuitenpater Rupert Mayer aus Stuttgart, der wie Sproll und Weiß von den Nationalsozialisten drangsaliert, inhaftiert und ausgewiesen worden war. Besonders verehrt Luiz den seligen Pater, den er als junger Mann auf einer antifaschistischen Kundgebung erleben durfte. Noch heute hat er die Warnung des Paters vor den Nazis im Ohr: „Glauben Sie ihnen kein Wort; sie lügen, dass sich die Balken biegen“.

Auf welche Weise das Abhören verbotener Auslandssender wie Straßburg, London, Schweiz oder Vatikan, raus kam, weiß der Geistliche Rat Luiz bis heute nicht. Ob jemand nach einem Kaffeebesuch im Pfarrhaus von Herz Jesu in Stuttgart geplaudert hatte? Jedenfalls nahm die Gestapo die beiden Vikare Luiz und Peter fest: Zuchthaus in Ludwigsburg, danach Haft auf dem „höchsten“ Berg Deutschlands, dem Hohenasperg – in wenigen Minuten oben, oft erst nach Jahren wieder unten.

Im Gefängnis zeigte der 1937 von Bischof Sproll geweihte Priester, wie es gehen kann, in der Sache unnachgiebig Widerstand zu leisten, dabei aber klug und verbindlich zu sein. So gelang es der Zuchthausleitung nicht, den Häftling Luiz etwa mit äußerst rigider Prüfung der Körperpflege auf die Palme zu bringen. Vielmehr hatte Luiz wegen seiner besonnenen Art bald einen Stein im Brett beim Ludwigsburger Zuchthausdirektor und beim Asperg-Oberverwalter. Auch wegen seiner schönen Singstimme, die Luiz in den Gottesdiensten einsetzte und die er bis in sein hohes Alter erhalten konnte, wollten ihn Gefängnisseelsorger und –leitung behalten. Wie er später erfuhr, war ursprünglich vorgesehen gewesen, dass er die Strafe nicht auf dem Asperg, sondern im Moorlager Lingen-Papenburg nach Kriegsende verbüßen sollte. „Das hätte ich nicht überlebt.“

1941 kam Gebhard Luiz in Freiheit und trat nach seiner zwangsweise beendeten ersten Vikarszeit seine zweite an. Kaum war er frei, besuchte er Bischof Sproll an dessen Verbannungsort im bayrisch-schwäbischen Krumbad, wo ihm der Verbannte einen Hirtenbrief für seine Diözese diktierte. In seinen privaten Lebensaufzeichnungen, die er unter der Überschrift verfasste „Gott stellte die Weichen in meinem Leben“, erinnert sich Luiz an Sprolls Abschiedsworte nach einem Kaffeebesuch in Bad Krumbad: „Herr Vikar, ich gebe Ihnen einen guten Rat: erstens, grundsätzlich niemals mehr Auslandssender hören, zweitens, immer nur allein.“ Er selber, der Bischof, höre keine Auslandssender, lasse sich aber sagen, was sie berichten …

Nach Stationen in Riedlingen, Göppingen und Uhingen kam der Schönstattpriester 1944 nach Kirchbierlingen bei Ehingen im Oberland und schließlich 1946 als Kaplan nach Bad Schussenried, wo er acht Jahre blieb. 1954 schließlich war das Jahr mit einer einschneidenden Zäsur: Gebhard Luiz zog nach Schwäbisch Gmünd, wo er sich einen herausragenden Ruf als Seelsorger im Frauengefängnis Gotteszell erwarb. Zudem sollte er in der Stadt Pfarrer sein und im Osten eine Kirche bauen, die spätere Piuskirche.

Einer, der selbst hinter Gefängnismauern leben musste, als Seelsorger für gefangene Frauen? „Ich konnte mich gut in die Situation dieser Frauen hineinversetzen“, erinnert sich Luiz. Tabak einkaufen für sie, Kaffee und andere Dinge des täglichen Bedarfs, „und fotografieren sollte ich sie, damit sie Bilder verschicken konnten“. Im Umgang mit den Frauen half dem Seelsorger das Wissen, das er sich in der Psychiatrie Bad Schussenried erworben hatte. Oberarzt Dr. Thomas Brocher verschaffte ihm Einblicke in die Tiefenpsychologie. Aufarbeiten von Kindheit und Jugend und Deuten von Träumen, das lernte Luiz vom Psychiater, aus Fachbüchern sowie auf vielen Tagungen und Seminaren.

Konfliktreicher lief die Zusammenarbeit in Gotteszell mit der Leiterin der Strafanstalt, einer nach wie vor der NS-Ideologie anhängenden Frau. „Sie hat oft wegen mir geweint“, sagt Gebhard Luiz. Schließlich konnte sie ihm nie an den Karren fahren, war er doch NS-Opfer und sie Vertreterin des alten Systems. Einen schönen Erfolg konnte der Pfarrer in einem Fall gegen die Anstaltsleiterin verbuchen. Sie hatte den Insassinnen das Rauchen verboten, während es Männern in anderen Anstalten erlaubt war. Das widerspreche dem Grundgesetz, monierte der Pfarrer und erwirkte Raucherlaubnis für die Insassinnen. Doch wie sollte das ohne Streichhölzer funktionieren? Solche hatte die Knastchefin mit Hinweis auf Brandgefahr verboten. Als Luiz indes bei einem Zellenbesuch sah, wie eine Gefangene an der heißen Glühbirne ihren Glimmstängel entzündete, da war denn auf geistlichen Druck hin das Streichholzverbot rasch gefallen…

35 Jahre lang war Gebhard Luiz für die Frauen und das Anstaltspersonal in Gotteszell Seelsorger, zehn Jahre amtierte er als Dekan in Schwäbisch Gmünd, erst im Alter von 93 Jahren und nach seinem 70. Priesterjubiläum trat er in den Ruhestand. Im Altenheim St. Anna beobachtet er heute das Zeitgeschehen aufmerksam. Vom Papstbesuch im September 2011, so meint er, hätte er Impulse erwartet für eine menschennähere Seelsorge, unter anderem für wiederverheiratete Geschiedene. Mit Sorge beobachtet er einen Rückgang der Glaubenspraxis und macht sich Sorgen um das Christentum in Europa. Mit allzu rigiden Vorgaben schwäche der Vatikan seine Autorität. Schließlich würden Gemeinden und Seelsorger immer mehr das machen, was sie selbst vor Ort für nötig hielten.

Im hohen Alter strahlt Luiz Gelassenheit aus. Wie er auf den Tod zugehe? Eine gewisse Angst sei schon da, sagt er, besinnt sich aber sofort auf den von ihm hoch verehrten Rupert Mayer. Der selige Pater werde ihm im Himmel gewiss die Hand schütteln, so wie er das kurz nach Luiz’ Priesterweihe getan hatte. Vor dem Eintritt in die ewige Seligkeit, daran lässt der Geistliche keinen Zweifel, muss das Fegefeuer sein. Ohne dies vor Gott zu treten – unvorstellbar für Gebhard Luiz.

Uwe Renz

* Gebhard Luiz verstarb am 1. August 2013

Gebhard Luiz: "Ich bin Zeitzeuge von Pater Rupert Mayer"

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