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Zeitzeugen

Späte Abenteuer des „Boitumelo Rramotse“

Im Ruhestandsalter machte sich Pfarrer Hermann Benz † nach Afrika auf

Der Blick auf die nackten Daten lässt eine steile Akademikerkarriere vermuten: Abitur im Jesuitenkonvikt St. Blasien, Theologie- und Philosophiestudium im römischen Jesuiten-Theologenkonvikt Germanicum und an der päpstlichen Universität Gregoriana. Doch der Schwabe Hermann Benz machte anders als etwa sein bis heute mit ihm befreundeter schweizer Kurskollege Hans Küng keine wissenschaftliche Karriere, sondern entschied sich für den Dienst in der Seelsorge. Die Krone seiner Karriere setzten ihm Afrikaner auf. In Taung im südafrikanischen Homeland Bophuthatswana verehrt man Hermann Benz bis heute als „Boitumelo Rramotse“ - den freundlichen Dorfvater. Zwölf Jahre lang arbeitete der heute 82-jährige Priester dort als Seelsorger und Entwicklungshelfer. Im Frühjahr vor zehn Jahren kehrte er in den Unruhestand zurück ins Schwabenland.*

In einem Alter, in dem andere ihren Ruhestand planen, machte sich Hermann Benz 1988 auf zum Schwarzen Kontinent. Der ebenfalls aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart stammende Bischof von Kimberley, Erwin Hecht, hatte seinen Rottenburger Amtsbruder Georg Moser damals um Amtshilfe ersucht und um die Entsendung eines Priesters gebeten. Benz solle sich doch mal umhören, wer sich dafür interessiere. Niemand wollte.  Er selber, Benz, sei ja wohl mit 62 Jahren zu alt für eine solche Mission, meinte Bischof Moser. „Ich habe noch Kraft, um über Bäume zu springen“, antwortete ihm der damalige Pfarrer von St. Hedwig in Stuttgart-Möhringen. Kurzum: Der beliebte Pfarrer packte nach zehn Jahren Dienst auf den Fildern seine Siebensachen mit Ziel Südafrika. Vier Jahre hatte Bischof Moser für das Projekt genehmigt.

Im Sturm eroberte Pfarrer Benz die Herzen seiner schwarzen Schäfchen. Nach nur zwei Monaten konnte er Predigten auf Setswana halten, nach einem Jahr bereits wie bei ihm üblich auch ohne Manuskript. „Afrikaner hören dir nur zu, wenn du sie beim Reden anschaust“, weiß der „Dorfvater“. Mit seiner Liebe zu Musik und Tanz bahnte sich der in Dunningen bei Rottweil geborene und im oberschwäbischen Burgrieden aufgewachsene Priester und Musiker seinen Weg zu den Herzen der Afrikaner. Und mit einer enormen Tatkraft. Unzählige Projekte wie ein Hausbauprogramm nach einer Flutkatastrophe stellte er auf die Beine, eine Bausteinfabrik, Schulen und Kindergärten, eine Behindertenschule und ein Krankenhaus, Strick- und Nähschulen in verschiedenen Dörfern, schließlich ein Priesterseminar – und einiges mit Unterstützung des Landes Baden-Württemberg:

Die Liebe zu den Menschen und die Freude an der befreienden Kraft des christlichen Evangeliums lässt der heute in Stuttgart-Botnang lebende Seelsorger wohltuend spüren. Seit seinen Jugendtagen hatte er jahrzehntelang den Wunsch gehegt, in Lateinamerika an der Seite der Befreiungstheologen für die Entrechteten zu kämpfen. Eine Erlaubnis des Rottenburger Bischofs dafür erhielt er für eine solche Mission nie. Stattdessen legte er in Stuttgart als junger Priester in den 1960er Jahren mit engagierten Mitstreitern - unter anderem dem Schulfreund aus St. Blasien, Heiner Geisler - die Wurzeln der katholischen Telefonseelsorge und der Beratungsstelle „Ruf und Rat“. Von dort berief ihn der damalige Bischof Carl-Joseph Leiprecht nach Paris ab, wo Benz ab 1969 acht Jahre lang Pfarrer der deutschen Gemeinde war, bevor er die Rue Spontini verließ und die Stuttgarter Gemeinde St. Hedwig übernahm.

Heute engagiert sich der international erfahrene Theologe als pastoraler Mitarbeiter der Kirchengemeinde St. Clemens in Stuttgart-Botnang und in der Initiative „Religionen für den Frieden“. Er hält Vorträge über die Folgen der Globalisierung für Afrika und stellt sich - als pazifistisch gesinnter Priester - für Gottesdienste bei der US-Army zur Verfügung. Dort, wo viele Schwarze Dienst tun. Dort schnuppert Benz so etwas wie Afrikaluft. „Dann nehme ich meine Gitarre und singe mit den Soldaten die schönen Spirituals, die mehr ausdrücken als tausend Worte“, sagt der passionierte Sänger, Pianist und Tänzer mit sonorer Bassstimme. Dann wird Boitumelo Rramotse bewusst, wie sehr er afrikanische Spontaneität und Gelassenheit in deutschen Landen vermisst.

Geduld habe er in Afrika gelernt gegenüber Unpünktlichkeit und Unzulänglichkeiten, bilanziert der 82-jährige drahtige Pfarrer. Einmal seien zu einer Feier in Taung statt der 50 angemeldeten Teilnehmer weitere 100 spontan gekommen und das Essen musste rationiert werden. Für jeden könne es also nur eine drittel Portion geben, verkündete der Pfarrer. „Da haben die Leute vor Freude gesungen und getanzt.“ Zweifel sind berechtigt, ob die Reaktion in einer deutschen Gemeinde auch so ausgefallen wäre.

Nach wie vor unterstützt ein 1988 gegründeter treuer Kreis um Hermann Benz die Menschen in und um Taung. Im vergangenen Jahr konnte Benz über 80.000 Euro von seinem Afrikakonto in den Süden überweisen. Heute konzentriert sich die Hilfe vor allem auf die Ausbildung von Kindern und Jugendlichen, mit Stipendien, Schulgeldbeihilfen, mit Sozialarbeit und Aidsfürsorge. Hermann Benz hatte wohl doch die richtige Entscheidung getroffen, als er als junger Priester das Angebot von Bischof Leiprecht abgelehnt hatte, dessen Sekretär zu werden. Er sei nicht Priester geworden, um den Koffer eines Oberhirten zu tragen, soll Benz nach Auskunft alter Freunde gesagt haben. Daran kann sich der fröhliche Dorfvater allerdings heute nicht mehr so recht erinnern.

Hinweis: Afrikakonto Pfarrer Benz 5808427 bei der BW-Bank, BLZ 600 501 01

Bild und Text: Uwe Renz

* Hermann Benz verstarb am 16. April 2015