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Zeitzeugen

Ehrentitel „Herz-Jesu-Sozialist“

Beharrlich widerständig: Pfarrer Paul Schobel begründete die Betriebsseelsorge

Manchem mag das Attribut „Herz-Jesu-Sozialist“ für einen gesellschaftskritischen Katholiken spöttisch in den Ohren klingen, für Paul Schobel nicht. Er trägt dieses Attribut, das ihm schon viele verliehen haben, wie einen Ehrentitel. Der 1939 in Dietingen bei Rottweil als ältestes von sechs Geschwistern geborene Priester hat hart und gegen massive Widerstände für diesen Ehrentitel gearbeitet. Über Jahrzehnte ist er das Gesicht der Betriebsseelsorge in der Diözese Rottenburg-Stuttgart geworden.

In Fragen von Tarifstrukturen, Arbeit und Kapital, weltweit vagabundierender Geldströme, ungerechter und menschenunwürdiger Bedingungen am Arbeitsplatz oder der Benachteiligung dort etwa von Frauen gegenüber Männern – Schobel macht den Mund auf, wo andere schweigen. In Böblingen begründete er das Arbeiter- und Arbeitslosenzentrum, dort machte die heute flächendeckend in der württembergischen Diözese arbeitende Betriebsseelsorge ihren Anfang. Den Mund verbrannte sich der unbequeme Kirchenmann schon oft, auch in der eigenen Kirche.

In bescheidenen Verhältnissen wuchs Paul Schobel in einem geschlossenen katholischen Milieu auf. Sein Weg zum Priesterberuf wurde ihm erst viel später klar, ebenso seine Überzeugung, was priesterliche Berufung für ihn bedeutet. „Ein klein wenig von der Menschenfreundlichkeit Gottes aufstrahlen lassen“, das sei sein Leitwort geworden, sagte er einmal. Den Impuls dazu bekam er vom Apostel Paulus aus dessen Brief an Titus und von unzähligen Menschen, denen er in der Arbeitswelt begegnete. Vom unbedarften Theologiestudenten („Ich bin ins Stift hineingestolpert, ohne klare Option, einfach so….“) zum Arbeiterpriester mit markanten Positionen und entschiedener Option für die Armen war es ein steiniger Weg für den jungen Mann.

Impulse zur inneren Wandlung gaben ihm immer wieder Einsätze an Werkbänken und Fließbändern. Schon als Student jobbte Schobel als Dreschmaschinist für miserablen Lohn. Finanziell war das lumpig, aber: „Der wertvollste Gewinn aus meiner Zeit als Maschinendrescher war, dass man Menschen kennen lernte mit ihren Licht- und Schattenseiten.“ Später, als Priester, zu dem er 1963 geweiht wurde, ackerte Schobel wieder in Fabriken, dann freilich mit klarem theologischem und politischem Profil in Kopf und Herz.

Diese innere Dynamik wäre kaum möglich gewesen ohne seine Arbeit zunächst als Vikar in der Industriestadt Böblingen, dann als Kaplan für die Christliche Arbeiterjugend (CAJ) im Bischöflichen Jugendamt in Wernau und als erster Berater für Kriegsdienstverweigerer dort. So lernte er junge Werktätige vom Daimler, von IBM und von kleineren Zulieferbetrieben kennen. Er schaffte mit ihnen, diskutierte außer über Gott und die Welt über Arbeit und Kapital, gute Arbeit, gerechten Lohn, ungerechte Verhältnisse. Vor allem aber lernte er, mit jungen Arbeiterinnen und Arbeitern „die Bibel noch einmal neu und anders  zu lesen“.

Über seine Wandlung in all den Jahren wundert sich der Arbeiterpfarrer noch heute. Dass sich für ihn das christliche Evangelium einmal zur Botschaft mit revolutionärem Potenzial und das Magnifikat der Gottesmutter zum „Revolutionslied“ wandeln würden, das hätte er sich noch als Student nicht träumen lassen. Katholische Soziallehre, päpstliche Sozialenzykliken oder gar marxistische Gesellschaftskritik – „das Studium und die Ausbildung hatte uns beides gnädig vorenthalten.“ Schobel lernte seine Lektionen später und wurde zum „Herz-Jesu-Sozialisten“. Die Bibel birgt für ihn politische Brisanz, „ganz real fürs Diesseits: Eine intakte Arbeitswelt ist ein Ort der Gotteserfahrung“.

Auf massiven Druck von rund 40 Pfarrern und nach klarer Ansage durch Schobel selbst ernannte ihn der damalige Bischof Carl Joseph Leiprecht 1973 zum „Industriepfarrer“ im Dekanat Böblingen. Klare Ansage des jungen Priesters deshalb, hatte er doch für den Fall, dass er diese Aufgabe nicht bekäme, einen kompletten Wechsel als Arbeiterpriester in einen Betrieb angedroht. Bald fand Schobel – anfangs gegen gewerkschaftlichen Widerstand - seinen Platz als Seelsorger und Priester an der Seite der Werktätigen, wurde erkennbar bei Demonstrationen gegen Werksschließungen, Kundgebungen der Gewerkschaft -  immer als Gegenüber zur Macht des Kapitals.

Was Schobel bei seinen Werkseinsätzen in der Industrie erlebte und wie er es geistig verarbeitete, hielt er in seinem viel gefragten, 1981 geschriebenen und heute vergriffenen Buch „Dem Fließband ausgeliefert“ fest. Wie eingekerbt in sein Herz ist der Satz eines Meisters, der ihm nach einem achtwöchigen Werkseinsatz sagte: „Bleib hier und schaff’ mit uns, statt jetzt wieder von der Kanzel herab die Leute anzulügen.“ Auf Kanzeln war Schobel in all den Jahren viel anzutreffen, denn als Betriebsseelsorger war er bald ein gefragter Mann. Aber „Abkanzeln“ war nie sein Ding. Ihm liegt daran, wie er sagt, dass die Kirche den Arbeitenden und den Arbeitslosen nahe kommt.

Nach 20 Jahren mühsamer Aufbauarbeit im Industriegebiet Böblingen/Sindelfingen und der Eröffnung eines „Arbeiter- und Arbeitslosenzentrum“ übernahm Paul Schobel 1991 die Leitung der Diözesanstelle Betriebsseelsorge im Bischöflichen Ordinariat. 2008 trat Pfarrer Schobel in den Ruhestand. Unverändert entschieden vertritt er seine Positionen. In seinen morgendlichen „Anstößen“ im Radio macht er aus seinen Überzeugungen keinen Hehl, auch nicht bei Diskussionen in Kirchengemeinden, Parteien und Gewerkschaften. Mit leiser Stimme und fast hastig gesprochenen Sätzen warnt er vor den Folgen eines zügellosen Kapitalismus für Millionen Menschen, vor den Gefahren für deren Leib und Seele.

Selbst in den Führungsetagen werde gelitten, sagt der Seelsorger. „Sonntagabends wird’s einem Abteilungsleiter mulmig, denn am nächsten Morgen muss er wieder die heile Welt der Familie und der Gemeinde hinter sich lassen und eintauchen in die kapitalistische Welt mit ihren Zwängen.“ Heimatloses und global in rasendem Tempo vagabundierendes Geld, Menschen als Verschiebemasse auf einem Arbeitsmarkt mit immer weniger Regelungen, Scheinselbstständigkeit, Leiharbeit, Bossing und Mobbing, Sonn- und Feiertagsarbeit, Mindestlohn – wie in einem Katalog der Grausamkeiten zählt Schobel die aus seiner Sicht neuralgischen Punkte auf. „Es geht immer noch billiger“, kritisiert er trickreiche Praktiken mit Subunternehmen, Scheinselbstständigen und autonom geschlossenen Werkverträgen. Er vergleicht die aktuelle Situation mit den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, als freie Lohnarbeitsverträge ganz normal waren. In dieser Zeit schrieb Papst Leo XIII. seine Aufsehen erregende Sozialenzyklika „Rerum novarum“.

Dieser Tage traf Paul Schobel einen Gegner aus früheren Tagen, hoher Manager im Dienst der Kapital- und Arbeitgeberseite, heute im Ruhestand. Sie stritten sich damals erbittert um Sonntagsarbeit. „Ich habe das falsche Lied gesungen“, sagte der Ruheständler jetzt dem Pfarrer. Genugtuung? Vielleicht, ein bisschen. Aber Grund zur Zufriedenheit ist es nicht für den Arbeiterseelsorger. Er warnt. Wenn der globale Finanzmarkt nicht reguliert und die Macht des Kapitals nicht zu Gunsten der arbeitenden und von Verelendung bedrohten Menschen gebändigt werde, dann werde der Weg weiter ins Prekariat vieler und letztlich zu Massenarbeitslosigkeit führen.

Für ein Umdenken und Handlungsalternativen sei es höchste Zeit, drängt Schobel und sieht Chancen in einem ökologischen Umbau der Wirtschaft, in einem sozialen Ausbau der Gesellschaft und in bezahlter Familienarbeit. Christen sieht er auf diesem Weg besonders in der Pflicht, längst sei ja auch in braven Kirchengemeinden die Stimmung gegen die unkontrollierte Macht des Kapitals gekippt. „Wenn sie diesen Unmut doch endlich mal in politische Aktion umwandeln würden!“

Uwe Renz