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Zeitzeugen

Getragen vom pfingstlichen Ereignis des Konzils

Prälat Eberhard Mühlbacher † hat über vier Jahrzente hinweg die Geschichte der Diözese Rottenburg-Stuttgart mitgestaltet

Eberhard Mühlbacher hat über vier Jahrzehnte die Geschichte der Diözese Rottenburg-Stuttgart mitgestaltet. Ein „pfingstliche Ereignis“ sei das Zweite Vatikanische Konzil gewesen. Das sagt einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen, die dieses bedeutendste Ereignis der neueren Kirchengeschichte von Anfang bis Ende persönlich miterlebt haben: Prälat Eberhard Mühlbacher. Er gehört einer Priestergeneration an, die durch das Konzil in ihrem Denken und ihrer Theologie, in ihrer Spiritualität, in ihrer persönlichen Offenheit und Weite geprägt worden ist. *

Eberhard Mühlbacher wurde am 24. Mai 1927 in Ludwigsburg geboren. Die Jungen seiner Generation wurden mit 16 Jahren aus den Schulen geholt und zur Flak gesteckt – als Ersatz für die älteren Soldaten, die an die Front mussten. Das vielfältige Elend dieser Zeit, der Tod von fast Gleichaltrigen, die man mit ihren Bombern abgeschossen hatte und die ja nur zufällig Feinde waren, weitere Kriegserlebnisse als Pionier, die Mühlbacher bis heute nicht ausbreiten möchte – all dies mag wohl bereits seine spätere Entscheidung für den Priesterberuf mit vorbereitet haben.

Doch zunächst war ein anderer Berufsweg vorgezeichnet: Mechaniker bei Bosch lernte der Junge nach dem Krieg – weil, so der Rat seines Vaters – ein Handwerk in schlechten Zeiten immer nützlich sei. Es reizte ihn, einmal Ingenieur zu werden, Maschinen und Schiffe zu bauen. Aber dann zog es ihn doch mehr zu einer Aufgabe hin, die etwas mit Menschen zu tun hatte. Die Mitgliedschaft im Bund Neudeutschland, Begegnungen mit den Karmelitinnen im Konvent in Ludwigsburg-Hoheneck, ein Studienrat, der ihm Griechisch beibrachte, indem er ihn Bibeltexte oder das Ave Maria in dieser Sprache auswendig lernen ließ – dies und vieles andere sind Mosaiksteine, die zu dem facettenreichen Bild des späteren Lebenswegs beitragen sollten.

Nach der Studienzeit im Tübinger Wilhelmsstift und der Vorbereitung im Rottenburger Priesterseminar wurde Eberhard Mühlbacher 1953 zum Priester geweiht – von Carl Joseph Leiprecht, dem Rottenburger Bischof, dessen engster Mitarbeiter Eberhard Mühlbacher über viele Jahre hinweg werden und dem er – weit über dessen Tod im Jahr 1981 hinaus – bis heute tief verbunden bleiben sollte.

Die weiteren biographischen Daten lassen sich kurz zusammenfassen: Von August 1953 bis April 1957 war Eberhard Mühlbacher Vikar in der Ulmer Pfarrei St. Michael zu den Wengen und in der Herz-Jesu-Pfarrei in Stuttgart. Dann berief ihn Carl Joseph Leiprecht als Bischöflichen Sekretär zu sich, eine Aufgabe, die er bis 1967 ausübte. In diese Zeit fiel die Teilnahme am Zweiten Vaticanum in Begleitung von Bischof Leiprecht, bei dem Mühlbacher die Funktion eines „Assignatore“, eine „Platzanweisers“ wahrnahm. 32 Jahre lang gehörte er der Diözesanleitung an, zunächst ab 1967 als Ordinariatsrat für die Belange der Dritten Welt und der ausländischen Mitbürger in der Diözese Rottenburg, ab 1972 als Domkapitular.

Im Mai 1981 bestellte Bischof Georg Moser ihn zum Generalvikar;  bis zum August 1993 formte er in diesem Amt in maßgeblicher Verantwortung die Geschicke der schwäbischen Diözese mit. Nach seiner Emeritierung als Generalvikar war er unter Bischof Walter Kasper noch fünf Jahre lang Bischofsvikar für die Weltkirchlichen Aufgaben der Diözese. Eberhard Mühlbacher wurde in vielfacher Weise geehrt: Er ist unter anderem Träger des Bundesverdienstkreuzes Erster Klasse, der baden-württembergischen Landesverdienstmedaille, der Goldenen Ehrenmedaille der Stadt Rottenburg und des Verdienstkreuzes des Malteserordens. Zweimal wurde ihm der Titel eines Ehrendoktors verliehen, er ist Ehrendomherr mehrerer Diözesen und Archimandrit der Griechisch-Melkitischen Kirche in Israel; nach den päpstlichen Ehrentiteln eines Monsignore und eines Prälaten folgte 1986 der Apostolische Protonotar, die höchste Stufe in der Rangfolge der Prälaten.

Diese knapp referierten Fakten und Daten lassen ein wenig ahnen von der immensen, über ein halbes Jahrhundert sich erstreckenden Lebensleistung und –erfahrung Mühlbachers, von dem weit gespannten Netz seiner internationalen Begegnungen, Beziehungen und Initiativen in der kirchlichen Entwicklungszusammenarbeit, auch von den Freundschaften, die dabei entstanden sind, und von der Anerkennung, die ihm dafür entgegengebracht worden ist.

Wenn man Eberhard Mühlbacher in seinem Apartment in einem Horber Seniorenheim besucht, dann begegnet man einen Mann mit wachem, offenem Gesicht, der das Zeitgeschehen aufmerksam verfolgt und hellsichtig kommentiert, der nicht nur über Vergangenes, sondern auch über Gegenwärtiges bestens informiert ist, der trotz erheblicher gesundheitlicher Beeinträchtigungen für seine Mitbewohnerinnen und –bewohner als Seelsorger tätig ist. Und man erlebt einen spannenden Erzähler, der mit seinen Erlebnissen und vielen eingestreuten Anekdoten eine Epoche lebendig werden lässt, die die Kirche verändert hat.

Die Bilder, die er als brillanter Fotograf gemacht hat, sind wertvolle Zeitdokumente, und die vielen bekannten Gesichter, die darauf festgehalten sind, machen deutlich, dass es Menschen sind, engagierte, weitsichtige Persönlichkeiten, die Großes bewegen können, weil sie von etwas Großem erfüllt sind: Papst Johannes XXIII. gehört dazu, den Mühlbacher im persönlichen Gespräch kennen lernen und als „wirklichen Papa“, als Vater, erleben konnte; dessen Nachfolger Paul VI., der trotz mancher Widerstände das Konzil fortsetzte und den Mühlbacher als von der Nachwelt völlig verkannt beurteilt; Augustin Kardinal Bea, der aus dem badischen Riedböhringen stammende Jesuitenkardinal und Pionier der Ökumene ist zu sehen; der Kölner Kardinal Josef Frings, der maßgeblich dazu beigetragen hat, dass das Konzil nicht personell und thematisch durch die römische Kurie dominiert wurde; und immer wieder – neben vielen anderen – der hoch verehrte Carl Joseph Leiprecht. Es ist eine scheinbar vergangene Welt, die hier noch einmal vor Augen tritt, und doch werden durch Mühlbachers Erzählungen die großen Hoffnungen, die Zukunftsperspektiven deutlich, die sich mit diesen Bildern verbinden und noch lange nicht eingelöst sind. Auch die Enttäuschung darüber ist dem betagten Prälaten anzumerken. Doch von Resignation ist er weit entfernt.

So kann es nicht verwundern, dass seine Erzählungen immer wieder gleichsam elliptisch um zwei Brennpunkte kreisen: um Bischof Leiprecht und um das Konzil. Das Bild, das er von Leiprecht zeichnet, ist weit entfernt von der „hoheitsvollen Kopie des zwölften Pius“, als die dieser manchem erschienen sein mag. Mühlbacher schildert ihn als einen Mann mit enormem Durchhaltevermögen, als Bergsteiger, als Sportler und Schwimmer. Das Rottenburger Freibad sei ihm zuliebe einen Sommer lang morgens für eine Stunde für die Mitglieder des Domkapitels reserviert gewesen, was in Rottenburg niemand mehr weiß – wahrscheinlich deshalb, weil diese Regelungen wegen des Unmuts der Rottenburger auch bald wieder aufgegeben wurde.

Mehrere Fremdsprachen habe der Bischof beherrscht, und seinem jungen Sekretär, der bereits Englisch und Spanisch konnte, hat er selbst die italienische Sprache beigebracht. Unermüdlich habe er seinem Begleiter die Kunstschätze Italiens und anderer Länder erschlossen – so eifrig, dass es „manchmal sogar etwas lästig“ gewesen sei. Und vor allem sei er einer der wenigen „Pfarrer-Bischöfe“ gewesen, der nicht von der Universität, sondern aus der Seelsorge kam und der Seelsorge immer verbunden blieb. Ob Leiprecht durch das Konzil noch einmal verändert worden sei? „Entschieden ja“, sagt Mühlbacher. Dazu hat wohl vor allem beigetragen, dass er auf dem Konzil mit seinen rund 2.500 Teilnehmern und weiteren 500 Periti aus aller Welt die Kirche erstmals als Weltkirche in ihrer ganzen Weite und Vielfalt erlebt hat.

An diesen Erfahrungen hat Eberhard Mühlbacher partizipiert. Als „Assignatore“ hat er nicht nur den Kardinälen und Bischöfen ihre Plätze gezeigt, er hatte auch bald so viel Vertrauen gewonnen, dass der eine oder andere ihn gelegentlich bat, für ihn nach eigenem Gutdünken abzustimmen, während er selbst in der „Bar Jona“ oder der „Bar Abbas“, den Cafeterias der Konzilsaula, eine Pause machte. Zu den Feuerwehrleuten und den Ordnungskräften pflegte er so gute Beziehungen, dass diese ihm ermöglichten, mit seiner Super-8-Kamera zu filmen – sogar hoch oben vom Umgang der Kuppel des Petersdoms aus. Die heute noch farbechten Filmsequenzen sind 2005 in den SWR-Film „Aufbruch in St. Peter – was bleibt vom Konzil?“ eingegangen. Vor allem aber haben viele Bischöfe aus anderen Kontinenten bei ihm Zettel mit Bittgesuchen an Bischof Leiprecht abgegeben, der selbst als Vizepräsident der Kommission für die Orden stark in Anspruch genommen war und seinem Sekretär die Bearbeitung anvertraut hatte. So hat Mühlbacher viele Kontakte bekommen, auch viel Not in Kirchen anderer Länder wahrgenommen.

Aus diesen Anfängen sollte das weltweite Partnernetzwerk entstehen, das die Diözese Rottenburg-Stuttgart und ihre Hauptabteilung Weltkirche heute mit den Schwesterkirchen in Lateinamerika, Afrika, Asien und Ost- und Südosteuropa verbindet, die Mühlbacher später in einer unermüdlichen Reisetätigkeit besuchen und unterstützen sollte. Die ersten „Fidei-Donum-Priester“ wurden von Rottenburg aus nach Argentinien entsandt, wo einige heute noch tätig sind. Mit der „Aktion Kisii“ halfen die Katholiken in Württemberg bereits 1964/1965 erstmals in großem Umfang der gleichnamigen Diözese in Kenia und finanzierten den Bau der Bischofskirche von Homa Bay am Viktoriasee. Bis heute kann man bei Besuchen wo immer auf der Welt die selbe Frage hören: „Wie geht es Eberhard Mühlbacher?“

Aber Mühlbacher will seine Tätigkeit nicht auf die Weltkirchliche Arbeit reduziert sehen. Sehr am Herzen lag ihm in seinem späteren Wirken auch der Aufbau der ausländischen Missionen – so hießen sie lange Zeit –, zunächst vor allem für die italienischen Katholiken, die seit Ende der 1950er Jahre mit ihren Familien als „Gastarbeiter“ in die Diözese kamen. Mit großer Anerkennung würdigt er dabei vor allem auch die Unterstützung durch die Scalabrini-Missionarinnen und -missionare, die in Stuttgart ein „Centro di Spiritualità“ errichteten und deren hervorragende Flüchtlingsarbeit er dann auch in anderen Kontinenten erleben sollte. Auch in São Paolo, wo sie die in den Ruinenkellern der Slums versprengten Familien der Arbeiter zusammenführten, gründeten die Scalabrini-Missionare mit Hilfe aus Rottenburg ein solches Zentrum.

Und nicht zuletzt galt Mühlbachers großes Interesse der Liturgie. Lange Jahre war er Vizepräsident der Internationalen Ministrantenseelsorge. Die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils, die den Nationalsprachen zu ihrem Recht im gottesdienstlichen Geschehen verholfen hatte,  bedeutet für ihn eine echte Inkulturation des christlichen Glaubens. Und es gehört zu den vielen interessanten Details, die man eben nur von Eberhard Mühlbacher erfahren kann, dass der Eingang der Muttersprachen und anderer national-kultureller Elemente in die katholische Liturgie unter anderem von entsprechenden Initiativen in Zaire ausgegangen war.

Eberhard Mühlbachers Vita ist – pars pro toto – ein gelebtes Stück Kirchengeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie ist auch ein Stück Geschichte der Diözese Rottenburg-Stuttgart, die er wesentlich mitgestaltet hat. An der Seite von Bischof Georg Moser, dem Nachfolger Carl Joseph Leiprechts, war er mitverantwortlich für die Ausrichtung der Diözesansynode 1986, die nach seiner Einschätzung die Diözese Rottenburg-Stuttgart weit vorangebracht hat. Umso mehr schmerzt es ihn, dass kein einziges der Voten dieser Synode bislang von Rom beantwortet worden ist.

Mit Georg Moser zusammen – als Mitglied einer Delegation von Ministerpräsident Lothar Späth – besuchte er im Frühjahr und im Herbst 1979 die Volksrepublik China und deren verfolgte Kirche. Diese Reisen waren für Moser durchaus auch mit Demütigungen seitens der chinesischen Führung verbunden, der selbst an keinem einzigen Gottesdienst mitwirken, sondern nur als passiver Gast teilnehmen durfte. „Zwischen Hoffnung und Skepsis“ für die Zukunft der Kirche in China oszillieren daher auch die 1980 veröffentlichten Reiseerinnerungen aus der Feder Mühlbachers und Burghard Hüdigs. Immerhin wurde das Angebot der Rottenburger Gäste angenommen, ein Stipendium in Deutschland für einen Studenten aus der Volksrepublik zu finanzieren. Xinping Zhuo, der mit Unterstützung der Diözese Rottenburg-Stuttgart 1987 in München mit einer Arbeit über „Theorien der Religion im heutigen China und ihre Bezugnahme zu Religionstheorien des Westens“ promoviert wurde, ist heute Direktor des Instituts zur Erforschung der Weltreligionen in Peking.

„Ich habe eine sehr schöne Zeit mitgemacht“, sagt Mühlbacher über die Jahre an der Seite von Bischof Leiprecht. Man spürt aus seinen Erzählungen, dass dies auch für die vielen späteren Jahre im Dienst der Diözese Rottenburg-Stuttgart gilt. Und es ist ihm wichtig hinzuzufügen, dass er dies alles nicht ohne seine Mitarbeiterinnen und mit Mitarbeiter im Rottenburger Büro bewältigt hätte.

Bild und Text: Thomas Broch

* Prälat Eberhard Mühlbacher verstarb am 18.08.2016.