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Leidenschaft für Leben in den Gemeinden

Prälat Georg Kopp

Der Eindruck täuscht, dass Georg Kopp nicht aus der Ruhe gebracht werden könnte. Geht es um die Zukunft der Kirchengemeinden, kommen dem sonst so bedächtig formulierenden 76-jährigen ehemaligen Domdekan die Sätze plötzlich rasch und druckvoll über die Lippen. „Wir werden innerlich ausdünnen und ausbluten, wenn wir nicht zeugnisfähiger und missionarischer werden.“ Leidenschaftlich verschrieb sich Kopp als Seelsorge-Experte in der Zeit des Umbruchs während und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil der Zukunfts- und Lebensfähigkeit der Gemeinden in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Heute, in einer Zeit des Priester- und bisweilen auch des Glaubensmangels, appelliert er, neue Wege zum geistlichen Amt zu schaffen. „Die Bischöfe Deutschlands müssen sich dem Thema stellen, sie tun es aber nicht.“

Der 1931 in Bittelbronn bei Horb geborene und in seiner aktiven Zeit in vielen Leitungsfunktionen tätige Priester – vom Diözesanseelsorger der Frauenjugend über den Spiritual am Tübinger Wilhelmsstift bis zum Regens am Priesterseminar in Rottenburg und zum Personalchef, Domdekan und Leiter des Seelsorgereferats - setzt auf die Eigenverantwortung der Gemeinden. Zu den so genannten Seelsorgeeinheiten, die er als früherer Leiter des Seelsorgereferates wesentlich verantwortete, sieht er derzeit keine Alternativen, weiß aber auch um die Folgen: „Viele Pfarrer sind hilflos und überfordert.“ Er kenne keinen anderen Weg, als dass die Gemeinden noch deutlich selbstständiger werden, der Pfarrer sich auf priesterliche Aufgaben als Moderator, Begleiter und Leiter der Eucharistie konzentriere und sich aus dem Alltagsgeschäft der Gemeinden herausziehe. „Auf weiten Strecken werden Kirchengemeinderäte ohne Pfarrer tagen müssen.“

Eine historische Wende bedeutet das Konzil für Prälat Kopp. Vor der großen Versammlung der Bischöfe der Welt vor 40 Jahren in Rom seien die Gemeinden „mehr oder weniger auf den Priester konzentriert gewesen“, stellt er fest. Der Pfarrer habe alles gemacht, verantwortet von Gottesdienst über Predigt und Spendung der Sakramente. Der Kirchenstiftungsrat sei ausschließlich mit Finanz- und Verwaltungsfragen befasst gewesen. „Wenn der Pfarrer schwer zu ertragen war, hat die Gemeinde gelitten, aber aufgemuckt hat niemand.“ Mit dem Konzil aber sei eine neue Basis entstanden für die Mitwirkung aller Gläubigen, für Räte, für neue pastorale Berufe wie Pastoral- oder Gemeindereferent, für zahlreiche ehrenamtliche Dienste, für ein „Für- und Miteinander im Dienst der Verkündigung des Reiches Gottes“, wie der 1956 zum Priester geweihte Prälat es formuliert.

Auf die in der Diözese Rottenburg-Stuttgart entworfenen Pastoral- und Gemeindemodelle ist Georg Kopp bis heute stolz – etwa auf die Kompetenzen der Kirchengemeinderäte wie auch des Diözesanrates für die Pastoral und die Finanzen gleichermaßen. „Das ist in dieser Art deutschlandweit einmalig“, betont Kopp. Dem damaligen Bischof Carl Joseph Leiprecht seien die weltoffenen Pastoralkonzepte letztlich zu verdanken. „Er kam vom Konzil anders zurück, als er hingegangen ist“, erinnert sich der Prälat, der kurz nach dem Konzil Regens am Priesterseminar wurde. Er musste die Ausbildungsordnung neu schaffen, die alten Vorgaben waren überholt. So gab es unter der Leitung von Regens Kopp einen Hausschlüssel für die Seminaristen und eine viel mehr auf Dialog zwischen Lehrern und Lernenden ausgerichtete Ausbildung. „Vorher wurden den angehenden Priestern eben viele Vorträge, geistliche Betrachtungen und Ansprachen mehr oder weniger vorgesetzt.“

Bisweilen auch schmerzhaft vollzog sich der Wandel, mit dem Aufkommen neuer kirchlicher Berufe wuchsen Unsicherheiten und Konfliktpotenzial. „Es gab eine Dauerdebatte über das Priesterbild und damit auch über die neuen Berufe.“ Die Pfarrer hätten Angst gehabt, unter die Räder zu kommen, und die Pastoralreferenten, als Handlanger unter Wert behandelt zu werden. Heute ist Prälat Kopp davon überzeugt, dass Pfarrer sich als kooperative Moderatoren und Begleiter im Verbund mit anderen Hauptberuflichen und mit ehrenamtlich Engagierten verstehen. Längst ist es zur Gewohnheit geworden, dass angehende Priester und Laientheologen gemeinsame Ausbildungseinheiten wahrnehmen. Dass dafür nach dem Konzil erst zaghafte Schritte nötig waren, ist heute weithin vergessen. Eine weitere Hilfe zur Profilierung der einzelnen kirchlichen Berufe stellt das Institut der Diözese für Fort- und Weiterbildung dar. Als Personalreferent, der Kopp ab 1971 war, gab er entscheidende Anstöße für diese Einrichtung. Dort wurden wichtige Weichen dafür gestellt, wie Priester, Pastoral- und Gemeindereferenten im Großen und Ganzen der Kirche zusammenwirken können.

Fast 33 Jahre gehörte Kopp, der 2004 als Domdekan und als Leiter des Seelsorgereferates in den Ruhestand trat, der Leitung des Bistums in verschiedenen Funktionen unter insgesamt vier Bischöfen an. Seine Zeitansage, geprägt von Realitätssinn, Zuversicht und Leidenschaft für die Seelsorge: „Wir sind von Gefahren umstellt und können nur das Mögliche tun, um trotz Priestermangel lebendige Gemeinden zu erhalten.“ Was aber ist bedeutet das im Sinne Kopps? „Wenn alle Dienste und Ämter der Kirche sich radikaler von Christus her verstehen, ihn Weg, Wahrheit und Leben sein lassen und sich seinem Geist anvertrauen.“

Bild und Text: Uwe Renz