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Radio-Lockruf nach Übersee

Die blinde Lehrerin Renate Ratzel kämpft für Arme in Lateinamerika

Als die Radiosendung zu Ende war, gab es für Renate Ratzel keinen Zweifel mehr: Sie würde ganz gewiss eines Tages in Lateinamerika landen. Sieben Jahre alt war das blind geborene Mädchen damals, als sie aus dem vom Vater geschenkten Radio eine Sendung über die rücksichtslose und raffgierige Eroberung Lateinamerikas vor einem halben Jahrtausend durch die Spanier und die Portugiesen gehört hatte. Heute ist sie 66, inzwischen als Lehrerin an einer Stuttgarter Blindenschule pensioniert und kämpft wie seit über 25 Jahren für arme Familien in Lateinamerika. Kraft für ihren Einsatz für die unter Ungerechtigkeit leidenden Menschen bekommt sie aus ihrem christlichen Glauben.

Soziale Ideen hätten sie schon immer fasziniert, sagt die zierliche und doch so energievoll wirkende Frau. Dazu kam ihr unstillbarer Durst nach Wissen über Lateinamerika. Um ihn halbwegs stillen zu können, musste sie Spanisch lernen, doch Literatur in der Braille-Schrift für Blinde war rar oder veraltet. Energisch verfolgte Renate Ratzel ihr Ziel, rief kurzerhand den spanischen Konsul an, bat den offensichtlich beeindruckten Diplomaten am Telefon um Hilfe bei der Suche nach einem Spanischlehrer - und erhielt sie. Die blinde Frau revanchierte sich unter anderem damit, dass sie Tänzern des Stuttgarter Staatstheaters aus Chile und Argentinien mit ihren Sprachkenntnissen bei Behördengängen oder ihnen aus dem Dschungel der Bürokratie half.

Es war 1984, als für Renate Ratzel der lange Weg nach Lateinamerika begann. In Berlin lernte sie über eine Deutsche die Arbeit der in Santiago de Chile lebenden Steyler Missionarin Schwester Karolina kennen, die sich dort für Verfolgte und Opfer des Pinochet-Regimes einsetzte. Zehn Jahre lang sammelte Renate Ratzel Medikamente und Kinderkleidung und ließ das Material auf eigene Kosten nach Chile schicken, ohne auch nur einmal selbst dort gewesen zu sein.

Erst im Winter 1994 wurde der Traum wahr:  Renate Ratzel konnte sich in Santiago de Chile ein eigenes Bild von der Not machen: Menschen in Hütten aus Pappe in Dreck und Schlamm, traumatisierte Angehörige der Pinochet-Opfer, jeden Tag an Hunger und Krankheiten sterbende Kinder. So sammelte die blinde Frau aus Deutschland mit Hilfe von Schwester Karolina und zusammen mit Eltern Holz, damit sie einen großen Raum bauen konnten, in dem sich die Kinder trafen - eine bescheidene "Kindertagesstätte". Aus Renate Ratzels Initiative und um Schwester Karolina herum wuchs ein produktives Netzwerk der Hilfe. Nach und nach entstanden weitere Kindergärten und –tagesstätten, heute sind es mehr als 60.

"Jetzt geht es den Leuten dort sehr gut", sagt die blinde Frau mit der großen sozialen Ader. Also machte sie sich auf zu neuen Ufern, zuerst nach Bolivien und dann nach Peru. Dort, in Cusco, der alten Hauptstadt des Inkareichs, ist sie "kleben geblieben", wie sie sagt. Jedes Jahr fliegt sie einmal zu einer Familie, die "ihre" geworden ist. Der Familienanschluss nahm so seinen Lauf: In Cusco traf sie eine Frau, die mit vier eigenen und mehreren aufgenommenen Kindern in einer lumpigen Baracke unter einem Felsvorsprung hauste. Zusammen mit ihrer Schwester finanzierte Renate Ratzel der armen Familie Baumaterial. Damit errichtete die Familie mit vielen Helfern ein ordentliches Haus, in dem auch die Wohltäterin aus Stuttgart während der jährlichen Besuche bis heute unterkommt.

Als segensreich erwies sich der "Suppentopf". Diese Einrichtung begründete die blinde Pädagogin für insgesamt 40 Kinder im Alter zwischen zwei und sieben Jahren. Diese Kinder erhalten dort ein ordentliches Mittagessen und lernen, rücksichtsvoll miteinander umzugehen. "Anfangs schlugen sie sich oder zogen anderen die Kleider aus und bepinkelten sich gegenseitig." Das Alter zwischen zwei und sieben Jahren ist für die Entwicklung des Gehirns entscheidend, weiß die Lehrerin. "Viele Kinder in Peru sind geistig behindert, weil sie in diesem Alter mangelhaft ernährt wurden." Mit spätestens sieben Jahren müssen die Suppentopf-Kostgänger weichen, damit andere zum Zug kommen.

Zwar ist Renate Ratzel nach insgesamt 28 Dienstjahren an der Stuttgarter Blindenschule der evangelischen Nikolauspflege inzwischen pensioniert. "Ich springe aber immer noch ein, wenn es nötig ist", sagt sie, die eigentlich Ärztin werden wollte ("Aber es gibt keine blinden Ärzte"). Von ihrem sozialen Wissen und Gewissen profitierten außer lateinamerikanischen Kindern und Familien auch die blinden Schüler in Stuttgart und tun es bis heute. 1991 wagte die Lehrerin mit sechs blinden Schülern eine große Reise. Zusammen mit einem Waldorf-Lehrer, der von dem Vorhaben begeistert war, zog die kleine Gruppe in der Nordosttürkei von Ort zu Ort und half den Menschen bei der Arbeit. "Wir haben Tee geerntet, Gras geschnitten oder Korn gemahlen", sagt die energiegeladene Unruheständlerin.  Dass die Schüler das Leben kennen lernen, das habe sie gewollt, "und zwar das wirkliche Leben".

Regelmäßig trägt Renate Ratzel im Stuttgarter Eberhardsdom die Schriftlesung vor. Eindrucksvoll mache sie das, sagen die Kirchenbesucher. Ja, das sei ihr wichtig, sagt die vor drei Jahren mit dem Bundesverdienstkreuz geehrte stets freundliche Frau. Religiöses Leben sei ihr wichtig, aber Religion müsse aktiv sein: "Von frommen Sprüchen wird niemand satt und niemand getröstet." Ihr sei im Leben vieles vor die Füße gelegt worden, sagt sie. Dann müsse man sich entscheiden: drüber steigen oder sich bücken? "Ich bin fürs Bücken!"

Hinweis: Wer mit Renate Ratzel Kontakt aufnehmen will, kann dies schriftlich tun: Bodelschwinghstraße 1, 70597 Stuttgart.

Bild und Text: Uwe Renz