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Zeitzeugen

Ministerialrätin im Ordenskleid

Schwester Margarita Beitl † entwarf von Amts wegen 23 Jahre lang pädagogische Konzepte

Jahrzehnte liegen zwischen Kindergarten und Palliativstation. In der Ordensfrau Sr. Margarita Beitl ist diese Spanne überbrückt. 23 Jahre lang entwarf die heute 75-jährige Vinzentinerin von Untermarchtal im baden-württembergischen Kultusministerium pädagogische Konzepte für den Kindergarten und Bildungspläne für die Grundschule, seit ihrem Eintritt in den Ruhestand vor zwölf Jahren begleitet sie im Stuttgarter Marienhospital ihres Ordens Leidende und Sterbende auf der Intensiv- und auf der Palliativstation. Kinder seien noch so offen, unverformt und unverstellt, sagt die erfahrene Pädagogin und Psychologin. Im Sterben gewinne der Mensch vor allem seine ureigene Wesentlichkeit, vieles bisher Vorrangige falle weg und werde unwichtig. „Jeder stirbt seinen eigenen Tod.“*

Auf ein „hartes, aber gutes Leben“ blickt die zerbrechlich wirkende Frau mit den dunklen Augen zurück. Geboren 1933 in der bulgarischen Hauptstadt Sofia kam sie nach knapp einem Jahr nach Piräus in Griechenland. Als sechsjähriges Mädchen kam sie in der Nähe von Budapest in die ungarische Schule. 1941 führte der Weg der Familie über Graz und Wien nach Stuttgart, in die „Stadt der Auslandsdeutschen“. „Fremdheit bestimmt mein Leben“, sagt sie heute und zitiert Franz Schuberts Winterreise: „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus.“ Im Bombenhagel über Stuttgart verlor sie nächste Verwandte. Als sie 14 war, starb ihre Mutter. „Solche Erinnerungen verschwinden nie“, sagt die schon früh zur Kosmopolitin gewordene Ordensfrau, die heute „auf Station“ mit dankbaren Patienten vor allem aus Griechenland  in deren Muttersprache reden kann.

Kontinuierlich eine Schule besuchen konnte das überdurchschnittlich intelligente und interessierte Mädchen nie. Das erlaubte das unstete Familienleben nicht, später der Krieg. „Ich hab mir vieles selbst beigebracht und alles gelesen, was mir Antwort auf die Frage nach dem Menschsein geben konnte.“ Mit 18 Jahren trat die junge Frau ins Kloster der Untermarchtaler Vinzentinerinnen ein, bei denen sie in Schwäbisch Gmünd die Ausbildung zur Erzieherin absolviert hatte. Als damals noch nicht Volljährige machte sie ihrem Onkel und Vormund mit ihrer frühen Entscheidung schwer zu schaffen. Sie setzte sich durch; im Alter von 25 Jahren legte sie die Profess ab.

Rasch erkannten die Vinzentinerinnen, welche außergewöhnliche Begabung sie in  Person der Novizin in ihren Reihen hatten. Sr. Margarita bestand die Begabtenprüfung, Voraussetzung für ihre Ausbildung zur Grund- und Hauptschullehrerin. Schließlich erhielt sie die Fahrkarte nach München, wo sie im bayerischen Kultusministerium mühelos das Begabten-Abitur schaffte. Eine rasche und steile Karriere folgte: Studium der Philosophie mit den Disziplinen Psychologie, Pädagogik und Moraltheologie, schließlich Doktorarbeit über die „Entwicklungspsychologie des Jugendalters“. Viel lieber hätte sie ihren Doktortitel erworben mit einer Dissertation über das Bild-Erleben des Kleinkindes, wozu sie bereits einige Schriften veröffentlicht hatte. Doch der Doktorvater hatte ein anderes Thema für sie ausgesucht. Dies hinderte die Psychologin und Philosophin freilich nicht, eben das kindliche Erleben weiter gründlich und leidenschaftlich zu studieren.

Viele Jahrgänge einstiger Kindergarten-Eleven dürften ihr für das Interesse der Ordensfrau  an der Erlebniswelt des Kleinkindes heute noch danken. Nach ihrer Universitätsausbildung galt Sr. Margarita als Expertin zu diesem Thema, war Leiterin der Fachschule für Sozialpädagogik in Schwäbisch Gmünd, Dozentin an der Pädagogischen Hochschule dort und gefragte Referentin. Das blieb auch dem Kultusministerium in Stuttgart nicht verborgen. Der damalige Minister Wilhelm Hahn bat sie, zunächst doch mal für ein Vierteljahr in seinem Haus zu arbeiten, um ihren Sachverstand in den damaligen  ideologischen Streit um Kindergarten oder Vorschule, Bewahrung oder Bewährung, um Forderung und Förderung zu bringen. „Aus einem Vierteljahr wurden 23 Jahre“, lächelt die Vinzentinerin versonnen.

Konferenzen, Kongresse, Konzepte, Kommissionen und Kompromisse – Sr. Margarita hinterließ überall tiefe Spuren. Ob es um altersgemischte Gruppen im Kindergarten ging, um Kooperation des Kindergartens mit der Grundschule oder um altersgerechte Förderung von Kindern – die Ordensfrau wurde gehört und stellte Weichen. Standhaft und erfolgreich wehrte sie sich etwa gegen eine Verschulung des Kindesalters, empfahl dagegen Zusammenarbeit des Kindergartens mit der Grundschule. Im Ministerium hieß es: „Frau Dr. Beitl wird noch die Kooperation des Kindergartens mit der Universität erreichen.“ Ihre leitende Überzeugung damals wie heute: „Kinder brauchen Zeit für Entwicklung.“ PC-Tastendrücke ersetzten nicht das schrittweise und vertiefende Lernen über Büchern am Schreibtisch. Mit Sorge beobachtet sie, wie heute viele Kinder überfordert werden, in der Schule, durch Ansprüche der Gesellschaft – und dies oftmals bei sinkender Stabilität in den Familien.

So wie ihr Leben geworden ist, hätte sie es nie entwerfen können, versichert die Ordensfrau. Ob es daran lag, dass sie stets versuchte, dem heiligen Vinzenz von Paul zu folgen, der sagte: „Wir sollen der Vorsehung nicht über den Weg springen“? Fünf Kultusminister erlebte die Ministerialrätin und Vinzentinerin Sr. Margarita. So sehr sie sich auf dem Feld der (Vor)Schulpolitik Meriten erwarb, so klar benennt sie ihre heutige Arbeit als Höhepunkt ihres Lebens: „Ich wollte Seelsorgerin sein.“ Dankbar schaue sie auf ihr Leben zurück, dankbar, dass ihr Orden so viel Vertrauen in sie gesetzt habe und sie studieren durfte. „Ich will davon zurückgeben, so gut und so lange es geht.“ Patienten im Marienhospital bekommen das zu spüren, und Besucher können es erfahren. Wenn Sr. Margarita durch die in  Weißtönen gehaltene Kapelle des Hospitals führt und den weißen Kreuzweg des Künstlers Joachim Maria Hoppe erschließt, dann tritt das tief gegründete Wissen der Sr. Margarita Beitl über den Menschen zutage. Dann sollte sich auch der erwachsene Zuhörer Zeit nehmen, Zeit für Entwicklung.

Bild und Text: Uwe Renz

* Schwester Dr. Margarita Beitl verstarb am 16.06.2018.