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Zeitzeugen

Unternehmerpersöhnlichkeit mit tiefer Spiritualität

Schwester Edith Hildegard Raidt: aufgewachsen in Bad Niedernau – später Uni-Präsidentin in Johannesburg

Zwischen dem Rottenburger Stadtteil Bad Niedernau und dem südafrikanischen Johannesburg gibt es eine starke Verbindung – verkörpert in Schwester Edith Hildegard Raidt. Professor Dr. Edith H. Raidt steht auf ihrer Visitenkarte, Präsidentin des St. Augustine College of South Africa in Johannesburg, der einzigen katholischen Universität Südafrikas. Modezeichnerin wollte die 1933 in Ellwangen geborene und in Bad Niedernau aufgewachsene Frau eigentlich werden. 1952 bestand sie ihre Gesellenprüfung im Nähen. Im gleichen Jahr trat sie bei den Schönstätter Marienschwestern ein, 1954 wurde sie nach Südafrika entsandt.

In Kapstadt studierte sie Englisch und Afrikaans, promovierte und habilitierte sich in Afrikaans, wurde zu einer der am meisten anerkannten Expertinnen des Afrikaans, das bis 1994 zweite Landessprache Südafrikas war. Von 1971 bis 1996 war Schwester Raidt Professorin für Historische und Afrikaanse Sprachwissenschaft an der University of the Witwatersrand in Johannesburg. Im Jahr 1983 veröffentlichte sie eine Studie über Geschichte und Struktur dieser Sprache, die als wegweisend gilt. Ein besonderes Anliegen war es ihr aber, dass der Afrikaans sprechenden Bevölkerung Glaube und Liturgie der katholischen Kirche in ihrer Sprache zugänglich gemacht wurde. „Die Kirche ist nicht nur eine Kirche der Engländer“, sagt sie. Deshalb übersetzte sie erstmals die liturgischen Bücher der katholischen Kirche in Afrikaans. Damit war ihre publizistische Produktivität keinesfalls erschöpft. Ihr Buch „Christliche Unternehmensführung nach der Konzeption von Pater Josef Kentenich“ gilt als Klassiker und machte sie in Afrika, Südamerika und Europa bekannt. Sie gründete ein Institut für christliches Unternehmensmanagement und ist seit 1993 Herausgeberin der Zeitschrift „Praxis“ für christliches Unternehmensmanagement.

Am St. Augustine College, das Schwester Raidt gründete, nahm sie vor acht Jahren mit 20 Studierenden den Lehrbetrieb auf. Heute zählt sie rund 430 Studierende, darunter 200 Masters und Doktoranden. Fünf Absolventen wurden bereits promoviert. Der Aufbau des College ging nicht ohne Schwierigkeiten mit dem südafrikanischen Staat vonstatten. Eine private Universität sei für die Behörden ein „strange animal“, ein fremdes Lebewesen, sagt die Rektorin lachend. Sie ließ sich nicht beirren. „Durch unsere Promotionen“, betont sie selbstbewusst, „haben wir Geschichte geschrieben.“ Im Jahr 2001 konnte sie für die Hochschule am Rand von Johannesburg einen schön gelegenen Campus erwerben und hat für ihre Universität bis heute die Unterstützung der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Zentrales Anliegen der Hochschule ist es, Persönlichkeiten heranzubilden, die im schwierigen Transformationsprozess seit Ende der Apartheid 1994 Verantwortung übernehmen können. Dazu gehört für Professor Edith Raidt auch die qualifizierte Ausbildung des Priesternachwuchses. Südafrikas Kirche ist auf Geistliche angewiesen, die Verantwortung für eine eigenständige einheimische Kirche übernehmen können. So ist die Rektorin glücklich, dass die Hochschule von 2009 an mit einem theologischen Bachelor-Studiengang beginnen kann. Das akademische Angebot des Colleges kann neben fünf fest angestellten Dozenten mit einem Netzwerk international renommierter Gastdozenten bewältigt werden.

Schwester Edith Hildegard Raidt ist nicht nur Wissenschaftlerin, Hochschulpolitikerin, engagierte und erfolgreiche Unternehmerin, freier und souveräner Geist. Sie ist – neben all dem – eine geistliche Persönlichkeit. Christliche Spiritualität ist Quelle und Grundlage von allem, was die Schönstätter Marienschwester bewegt hat und bewegt. Deshalb ist das Schönstatt-Zentrum im Johannesburger Stadtteil Bedfordview ihre äußere und innere Heimat. Hier ist sie Seelsorgerin und Ansprechpartnerin der Familien, die zu dieser Bildungs- und Begegnungsstätte kommen. Als sie dort bei einer gemeinsamen Eucharistiefeier mit Bischof Fürst, der die Schwester im Januar 2008 besuchte, die Orgel spielte, offenbarte sie ein weiteres ihrer vielen Talente.

Thomas Broch