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Zeitzeugen

„Damit Menschen menschenwürdig leben können“

Schwester Electa Wild ist seit 50 Jahren in Südafrika tätig

Schwester Electa Wild ist seit 50 Jahren in Südafrika tätig. Im südafrikanischen Bloemfontein hat die deutsche Nationalmannschaft am 27. Juni 2010 das WM-Spiel gegen England mit 4:1 gewonnen. Kaum ein Fan dürfte jedoch dorthin gegangen sein, wo Schwester Electa Wild lebt. Die Ordensfrau aus dem oberschwäbischen Franziskanerinnen-Kloster Sießen pflegt seit 2003 im Lesedi Centre of Hope im Township von Bloemfontein Aids-Kranke und koordiniert die kirchliche Aids-Arbeit in der gesamten Erzdiözese Bloemfontein.

1961 kam sie nach Südafrika. Im Sießener Mutterhaus und in ihrer Familie fühle sie sich zu Hause. Ihre Heimat aber sei Südafrika geworden, sagt die 71-jährige Franziskanerin. Dort seien ihr die Menschen in den Siedlungen der Armen ans Herz gewachsen. Verbunden fühle sie sich auch mit den wenigen weißen und den zahlreichen einheimischen Schwestern im südafrikanischen Assisi, dem Kloster der Südafrika-Provinz der Sießener Kongregation.

Als Anna Wild kam Schwester Electa  am 12. August 1939 als zweites von sieben Kindern in Reinstetten im Kreis Biberach/Riß zur Welt. Den Weg zu einer höheren Schulbildung fand sie über die Sießener Franziskanerinnen, die in Reinstetten eine kleine Gemeinschaft hatten und intensiv um Nachwuchs warben. So trat sie mit 14 Jahren als Kandidatin in den Orden ein, besuchte das Aufbaugymnasium und machte nach drei weiteren Jahren am Gymnasium St. Agnes in Stuttgart das Abitur. Nach Postulat und Noviziat legte sie im Oktober 1960 die Ordensgelübde ab. Im Juli 2010 wurde in Sießen ihr 50. Professjubiläum gefeiert.

Die Ordensleitung hätte Schwester Electa zum Studium für den Lehrberuf geschickt. Aber früh schon stand für die Oberschwäbin fest, dass sie in die Mission nach Südafrika gehen möchte. Dafür musste sie sich für den Krankenpflegeberuf entscheiden, weil damals katholische Schulen für schwarze Kinder von der Regierung nicht erwünscht waren. So stellte sie den ursprünglichen Lehrerwunsch hintan. Im April 1961 war es dann soweit. Nur ein halbes Jahr ihres Ordenslebens verbrachte sie in Deutschland …

Nach dreieinhalbjähriger Ausbildung zur Krankenpflegerin im Missionskrankenhaus der Marianhiller Missionare in Kwazulu-Natal bei Durban ging Schwester Electa doch noch zum Pädagogikstudium an die Universität von Bloemfontein. Als Lehrerin begann sie 1970 an der neu gebauten Schule Mariasdal für schwarze Kinder im Homeland Bophuthatswana, einer teilweise im damaligen Freistaat Oranje gelegenen und dem Stamm der Barolong zugewiesenen Enklave. Im Apartheidsystem war alles kompliziert. Ein Internat für schwarze Kinder erlaubte die Regierung auf weißem Gebiet nicht, zugleich sollte weißes Personal nicht auf der schwarzen Seite wohnen. 27 Jahre lang, bis Ende 1996, leitete Schwester Electa Gymnasium und Internat, über das Ende der Apartheid 1994 hinaus. Die 240 Mädchen und 200 Jungen zwischen 12 und 19 Jahren, zumeist aus ärmeren Familien, sollten auf Berufe vorbereitet werden, in denen sie nicht von Weißen ausgenützt werden konnten.

Handelsfächer und wissenschaftliche Fächer kamen dafür in Frage, Landwirtschaft für die Jungen und Hauswirtschaft für die Mädchen dagegen nicht. Als „Bantu Education“ sei ihre Ausbildung gelegentlich diskreditiert worden, sagt Schwester Electa, doch habe sie den jungen Menschen zahlreiche Berufschancen eröffnet. Auf unerwartete Weise brachte die Apartheid die Schule in Bedrängnis: Als Mitte der 80er Jahre im Johannesburger Township Soweto schwere Unruhen ausbrachen, solidarisierten sich auch die Jugendlichen in Mariasdal mit den Altersgenossen in Soweto. „Liberation before Education“ lautete die Parole. Zur Schule zu gehen war verpönt, Schüler verprügelten einander, es kam zu Brandstiftungen in Mariasdal. Dennoch sei es erstaunlich, sagt Schwester Electa heute, dass der Übergang von der Apartheid in die heutige südafrikanische Gesellschaft „einigermaßen ohne Gewalt“ vonstatten gegangen sei. Rassentrennung gebe es de facto aber weiterhin; von wirklicher Integration könne man noch nicht sprechen.

Eigentlich sollte Schwester Electa 1997 nach mehr als einem Vierteljahrhundert in Mariasdal ein Sabbatjahr nehmen. Doch es kam wieder einmal anders: Für ein Jahr ging sie nach Brasilien, um Portugiesisch zu lernen und zwei brasilianische „Sießener“ Schwestern kennen zu lernen. Sie sollten mit ihr nach Südafrika kommen. Zum Hintergrund: Im Grenzgebiet zwischen Südafrika und Botswana waren rund 10.000 Angolaner angesiedelt worden. Sie waren vor dem Bürgerkrieg in Angola nach Namibia geflohen und wurden dann gezwungen, mit der südafrikanischen Armee in Angola gegen die eigenen Landsleute Krieg zu führen. Nach dem verlorenen Krieg zog sich Südafrika aus Angola zurück, die aus Angola stammenden, portugiesisch sprechenden Soldaten und ihre Familien waren übrig und unerwünscht – überall. Man siedelte sie schließlich im so genannten Kaprivi-Streifen in Namibia an. Als dieses Land unabhängig wurde brachte man diese Familien nach Pomfret, am Rand der Kalahari-Wüste, ein verlassenes Bergwerksdorf am nördlichsten Zipfel der Diözese Kimberley.

„Jemand musste doch zu diesen Menschen gehen, damit sie menschenwürdig leben können“, erinnert sich Schwester Electa. Die damalige Generaloberin in Sießen, Schwester Judith Jung, stimmte zu; zusammen mit den beiden brasilianischen Schwestern und mit ihren Portugiesisch-Kenntnissen kam Schwester Electa 1997 aus Brasilien zurück und lebte fünfeinhalb Jahre bei den Angolanern in Pomfret. Sie unterrichtete an der Schule für die Kinder der angolanischen Familien, die beiden Schwestern arbeiteten in der Gemeinde. Als sie nach vier Jahren in ihre Heimat zurückkehrten, übernahm Schwester Electa neben dem Unterricht auch deren Aufgaben, übersetzte Predigten des Pfarrers ins Portugiesische, leitete Gottesdienste, kümmerte sich um Aids-Kranke und beerdigte Verstorbene.

Eine letzte Zäsur: 2003 suchte der damalige Erzbischof von Bloemfontein und heutige Erzbischof von Johannesburg, Buti Joseph Tlhagale, jemanden, der sich beim Thema Aids auskennt, die kirchliche Aidsarbeit in der Erzdiözese Bloemfontein koordiniert und selber Aidskranke betreut. Der Erzbischof, der während der Schüleraufstände 1984 Pfarrer der Regina-Mundi-Kirche in Soweto war, fragte mit Erfolg bei Schwester Electa an. Damit  nahmen deren Wechselwege zwischen Krankenpflege und Pädagogik, Pädagogik und Krankenpflege erneut eine Wendung hin zur Krankenpflege.

Die Koordinierungsarbeit nahm sie systematisch in Angriff. Um in den Pfarreien mehr Verständnis für die Aidsproblematik und Bereitschaft zu fördern, die Kranken anzunehmen, bildet sie Kerngruppen. Sie sucht Ansprechpersonen in jedem Pfarrgemeinderat und Engagierte vor allem in den „Small Christian Communities“, in die sich die Gemeinden gliedern. Eine entscheidende Rolle spielen die Heimpflegerinnen. 70 Frauen sind für den Dienst ausgebildet und nach vielfältigen bürokratischen Komplikationen staatlich anerkannt. Die Heimpflegerinnen betreuen die Kranken zu Hause, baden sie, sorgen für Hygiene und nehmen sich als respektierte Vertrauenspersonen auch der persönlichen Probleme in den Familien an.

Die Frauen kommen manchmal in völlig verwahrloste Unterkünfte, Teller liegen auf dem Boden, zu essen ist fast nichts da, weil noch viel Aberglaube existiert und Kranke oft von Angehörigen verstoßen werden. Manchmal müssen bis zu fünf Pflegerinnen anrücken, um erst einmal das Haus gründlich zu reinigen. Am schwersten ist die Konfrontation mit dem allgegenwärtigen Sterben. Auch müssen häufig Kranke zu den Kliniken und nach Hause transportiert werden. Schwester Electa hat inzwischen einen Fahrer nur für diesen Dienst angestellt. Wenn er nach vielen Überstunden dann doch Feierabend hat, setzt sich Schwester Electa selbst ans Steuer.

Die Franziskanerin hat noch viele Pläne. Als nächstes will sie ein Pflegeheim für Aidskranke bauen. Es soll Platz für 15 Erwachsene und fünf Kinder bieten, für die zuhause niemand sorgen kann. Der Bedarf ist groß, auch die Unterstützung aus den Gemeinden. Ebenso ist die Jugendarbeit für sie ein wichtiges Anliegen. Zusammen mit Jugendseelsorgern der Erzdiözese Bloemfontein versucht sie, Kindern und Jugendlichen Werte der Menschlichkeit und Menschenwürde zu vermitteln. Angesichts einer sexualisierten Medienüberflutung in Südafrika ist das für sie der einzige Weg, um der Aids-Tragödie wirklich verantwortungsvoll entgegen zu wirken.

Ihre gute Gesundheit betrachtet Schwester Electa als Zeichen Gottes, dass sie von den Menschen in den Townships noch gebraucht wird. Dem Ziel ihrer Kindheit,  Dolmetscherin zu werden, hat sich Schwester Electa im Laufe der Jahre doch noch genähert. Heute spricht sie neben ihrer deutschen Muttersprache Englisch, Afrikaans, Portugiesisch und die einheimische Sprache Sesotho. Auch auf ihre Französisch- und Lateinkenntnisse aus der Schulzeit kann sie zurückgreifen. Sprachen seien ihr Talent und hätten sie immer interessiert, sagt sie. „So ist man froh an allem, was man mal gelernt hat.“ Eine Sprache beherrscht die Ordensfrau besonders gut: die Sprache des Respekts vor der Würde anderer Menschen und der selbstverständlich getanen Nächstenliebe.

Thomas Broch