header_profil_960x161.jpg

Zeitzeugen

Steife Schleier und Studengebet „kompakt“

Schwester Radegundis Wespel † brachte Reformen im Ordensleben voran

Eigentlich hatten die Schwester gar keine Chance, Kontemplation und tägliche Arbeit vorschriftsmäßig auf die Reihe zu bringen: Alle Stundengebete, von der Matutin bis zum Komplet vor dem Zubettgehen, und dabei als Angehörige eines tätigen Ordens voll eingebunden sein ins Tagesgeschäft als Lehrerin, Erzieherin oder in der Krankenpflege. Bevor Mitte der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts Reformen im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils ein „Aggiornamento“ erlaubten, ein Heutigwerden, mussten sich die Schwestern des oberschwäbischen Franziskanerinnenklosters Sießen mit allerhand Beschwernissen herumschlagen: strenge Klausur für die Frauen im Mutterhaus, Unterbringung in Mehrbett-Zimmern, unpraktisch schwerer und knöchellanger Habit mit ausladendem steifem Schleier, seltener Besuch bei den Angehörigen.

Schwester Radegundis Wespel, geboren am 3. Januar 1921, von 1972 bis 1984 Generaloberin der Sießener Franziskanerinnen und danach neun Jahre Generalvikarin, erlebte den Wandel intensiv und gestaltete Reformen aktiv mit. Veränderung war dringend nötig, betont sie im Rückblick. Schließlich führten die strengen Vorschriften für geistliches Leben und Alltag bisweilen zu absurden Situationen. Es habe Schwestern gegeben, die pflichtbewusst bereits zur Matutin alle Stundengebete bis zur Komplet verrichteten. „I hab mei Sach betet“, hieß es dann, wie sich Schwester Radegundis erinnert. Durchknien während der gesamten Heiligen Messe galt als selbstverständlich.

Für das Abplagen mit der schweren Tracht halfen alle gewieften Kniffe nichts. „Kam man auf Einsatzfahrten mit dem Fahrrad in den Regen, war der vorher steife Schleier völlig aus der Form und man sah aus wie eine Fledermaus.“ Zu verdanken hatten die Sießener Schwestern den monströsen Schleier letztlich den Dillinger Franziskanerinnen, aus denen sie 1854 hervorgegangen waren. Die Dillinger Schwestern trugen das Kleidungsstück bereits seit 1615; eingeführt hatte es dort eine niederländische Oberin namens Anna Steffesin. Der weißleinene Schleier war Teil der üblichen niederländischen Frauentracht im 17. Jahrhundert.

Schwester Radegundis war und ist eine zähe Frau. Geboren in Bellamont im Kreis Biberach, kam sie bereits mit 14 Jahren als Kandidatin nach Sießen und besuchte eine Schule des Klosters, legte 1940 das Abitur in Schwäbisch Gmünd ab. Nach dem Reichsarbeitsdienst begann sie mit zwei weiteren Kommilitoninnen als eine von wenigen Frauen überhaupt in Tübingen das Theologiestudium. Dort, wo der spätere Bischof Georg Moser ihr Studienkollege war, genoss sie berühmte Lehrer wie Professor Karl Adam oder den oft als Gastdozenten lesenden Romano Guardini aus München. „Diese Persönlichkeiten haben mich theologisch und liturgisch tief geprägt.“ 1946 trat Schwester Radegundis ihr Noviziat in Sießen an und verpflichtete sich am 6. Mai 1947 endgültig zu einem Leben als Franziskanerin. Mit einem Zweitstudium der Anglistik, Romanistik und mit einem weiteren Theologie-Examen qualifizierte sie sich schließlich für den Unterricht an Gymnasien. Ab 1960 leitete Schwester Radegundis das renommierte Gymnasium der Sießener Franziskanerinnen, St. Agnes in Stuttgart.

Schwester Radegundis’ Rat war in der franziskanischen Gemeinschaft immer gefragt, war sie doch damals die einzige Schwester mit theologischer Universitätsbildung. Schon vor Beginn des Konzils trieb die Schwestern die Frage um, wie ein gemeinschaftliches Leben in der Nachfolge Jesu in der heutigen Zeit aussehen kann. Vielen Mitschwestern sei gar nicht bewusst gewesen, dass sie Franziskanerinnen sind. „Man sprach eben von den stolzen Sießener Schulschwestern.“ Das Generalkapitel von 1960 erbrachte noch keine Reformbeschlüsse, außer dass der steife Schleier geändert werden und von einigen Schwestern ausprobiert werden sollte.

Sechs Jahre später, nach Ende des Konzils, machte das Generalkapitel Nägel mit Köpfen. Das Konzil hatte die Orden dazu verpflichtet, zu ihren jeweiligen Quellen zurückzukehren, zur Bibel, zum Geist des Stifters. Das Generalkapitel beschloss also grundlegende Veränderungen. So wurde die Verpflichtung vom vollen Stundengebet geändert: Die Laudes am Morgen und die Vesper am Abend sollten feierlicher und würdiger gestaltet werden, die Mittagsbesinnung in Stille erfolgen. Der steife Schleier wurde verändert, das lange schwere Ordenskleid wich einem „einfachen Kleid, das fraulich wirkte, aber nicht modisch“, wie Schwester Radegundis es beschreibt.

Vielleicht die stärksten inneren Veränderungen rief die Neubesinnung auf den Ordensgründer Franziskus hervor. „Die Schwestern spürten plötzlich: Wir gehören dazu, wir sind Franziskanerinnen. Es herrschte eine riesige Begeisterung für Franziskus“, erinnert sich Schwester Radegundis. 1972 durften sie eine Woche lang in Assisi sein, um den Ordensgründer besser kennen zu lernen. „Von den Erfahrungen dort haben manche das ganze Jahr über gezehrt.“ Die Besinnung auf die franziskanischen Wurzeln veränderte das Zusammenleben in Sießen. „Wir gingen viel bewusster miteinander um.“ Die Reformen von damals wirken bis heute, und an den Ordensgründer wird überall erinnert: Franziskusgarten im Kloster, in Assisi seit den 80er Jahren die „Casa della Pace“, in Sießen der Meditationsort „Carceri“ sowie fröhliche Franziskus- und Kinderfranziskusfeste jedes Jahr. Vergangen ist wohl endgültig die Zeit der „stolzen Sießener Schulschwestern“ mit ihren steifen Schleiern.

Bild und Text: Uwe Renz