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Bildhauer, Maler und ein franziskanischer Mensch

Siegfried Haas †

Siegfried Haas, Bildhauer und Maler in Rottweil, ist 87 Jahre alt. Der hoch betagte Künstler ist auch heute noch voller Schaffenskraft und verfolgt das Zeitgeschehen in Gesellschaft und Kirche mit wacher und kritischer Offenheit. Ob er sein langes Leben noch einmal so leben wolle, wie es war? „Ja“, sagt er, „ich könnte es noch einmal annehmen.“ Noch einmal annehmen - da klingt Dankbarkeit heraus für über 60 Jahre eines reichhaltigen schöpferischen Wirkens, besonders auch für seine Ehe und für seine acht Kinder und einen Pflegesohn zählende Familie, die ihm das Wichtigste im Leben war und ist, stets wichtiger als eine Karriere.*

Noch einmal annehmen - da schwingt aber auch die Erinnerung an Schweres mit: der allzu frühe Tod zweier Kinder, die bedrohlichen Konflikte des jungen Mannes mit den Nationalsozialisten, die schweren Misshandlungen in der französischen Kriegsgefangenschaft. Auch manche berufliche Enttäuschung ist darin enthalten, gelegentlich auch über die Kirche als Auftraggeberin, in der der Großneffe des Rottenburger Bischofs Paul Wilhelm von Keppler doch zutiefst verwurzelt ist.

Siegfried Haas wurde am 8. Juni 1921 in Giengen an der Brenz als erstes von fünf Kindern geboren. Zu seinen frühesten Erinnerungen gehört die Musik, die in der Lehrerfamilie intensiv gepflegt wurde. Eine Schwester und ein Bruder sind Musikprofessoren geworden, auch er selbst fühlt sich zunächst zur Musik hingezogen, spielt Orgel, Violine und Kontrabass. Später wird er dann doch die gestaltende Kunst vorziehen; die durch die Bildhauerei schwer gewordenen Hände sind für Tasten und Saiten nicht mehr geeignet. Die glücklichen Kindheitserlebnisse in der Familie werden früh durch die äußeren politischen Umstände kontrastiert. Bereits 1933 - zu dieser Zeit lebt die Familie in Schramberg - verteilt er mit seinem Bruder Flugblätter, in denen sie die braunen Machthaber als Kriegstreiber anprangern. Dem Zwang, in die Hitlerjugend einzutreten, kann er sich entziehen, als ihm ein Franziskanerpater ermöglicht, im holländischen Watersleyde das Ordenskolleg der Franziskaner zu besuchen. Nach dem Abitur fühlt sich der junge Siegfried Haas zu einem Leben im Orden berufen. Doch bereits im Noviziat wird ihm das damalige Ordensleben geistig zu eng. Franz von Assisi allerdings prägt ihn bis heute. Davon zeugt seine tiefe Ehrfurcht und Liebe für jede Kreatur, aber auch seine ehrliche Freude - bei Künstlern nicht allzu oft anzutreffen - an den Arbeiten und Erfolgen von Berufskollegen. Sein tiefes Mitempfinden mit den Leidenden und Erniedrigten prägt seine Kunst bis heute. Und nicht zuletzt erinnert seine Kirchlichkeit, die zugleich durch kritische Distanz zum Institutionellen geprägt ist, an den Heiligen aus Umbrien. Auch seine Freundschaft mit Frère Roger Schutz von Taizé zeugt von diesem Geist.

Von 1940 bis 1944 studierte Siegfried Haas an der Stuttgarter Kunstakademie und Bilderhauerei und Malerei. Künstlerfreundschaften mit den seit langem verstorbenen Wilhelm Geyer und Dieter Franck rühren aus dieser Zeit, die Verbundenheit mit Emil Wachter hat die Jahre bis heute überdauert. Die Gegnerschaft zu den Nationalsozialisten spitzt sich zu. Haas gehört zu einem studentischen Kreis um den damaligen Stuttgarter Kaplan Hans Böhringer, der - ebenso wie die „Weiße Rose“ in München und in Verbindung mit ihr - Flugblätter verteilt. Als ihn die Gestapo verhört, weil er Texte von Nikolai Berdjajew über die Diktatur an Soldaten an der Front versandt hatte, sagt der einzige Nazi-Professor an der Hochschule, ein SS-Mitglied, zu seinen Gunsten aus. Nach der Verhaftung von Hans und Sophie Scholl im Jahr 1943 lässt deren Mutter Siegfried Haas eine Warnung zukommen, dass die Gestapo unter seinem Decknamen nach ihm fahndet. Um der Enttarnung und Verhaftung zu entgehen, meldet er sich freiwillig an die russische Front. Wegen einer Gelbfiebererkrankung kommt er dort allerdings nicht mehr an, sondern wird ins Lazarett eingewiesen und gerät von dort aus in französische Kriegsgefangenschaft.

Die Nachkriegszeit ist durch Aufbau und Entbehrungen gleichermaßen gezeichnet. Haas heiratet seine Studienfreundin und Verlobte Ingrid Starcke; auch sie ist Malerin, Bildhauerin und Keramikerin. Nacheinander kommen die Kinder. Um die wachsende Familie zu ernähren, ist er sich nicht zu schade, gemeinsam mit seiner Frau Fassaden an schwäbischen und bayerischen Wirtshäusern zu bemalen. Unter dem Zwang der Umstände, so erzählt er heute lachend, sei er Maler, Maurer, Gipser und Bauhandwerker zugleich gewesen. Diese Fertigkeiten - im Selfmade-Verfahren erlernt - hätten ihm auch später nicht geschadet, sondern sehr genützt. Überhaupt, so sagt er über sich selber, sei er nicht Künstler, sondern Handwerker. Heute, sechs Jahrzehnte später, zählt das Auswahl-Werkverzeichnis von Siegfried Haas über 100 größere Werke und Werkgruppen. Dazu zählen Skulpturen in Bronze, Stein und Beton ebenso wie Fenster, Mosaiken oder gegenständliche und nicht gegenständliche Bilder. Kruzifixe und Statuen finden sich darunter, liturgische Geräte, Kreuzwege, Grabmäler, Brunnen auf öffentlichen Plätzen. Und nicht zuletzt Altäre und Innenausstattungen von Kirchen, die nach dem Krieg in großer Zahl gebaut wurden. Siegfried Haas ist nie einer bestimmten Manier oder gar modischen Trends gefolgt. Sein Schaffen ist immer auch ein Ringen um Authentizität. Seine Kunst ist modern, aber nicht um der Modernität selbst willen, sondern um den Existenzerfahrungen heutiger Menschen Ausdruck zu geben. Bei kritischer Betrachtung ist durchaus eine gewisse Disparität festzustellen. Weiche, weibliche Formen gehören ebenso zu seinem Repertoire wie das Harte, Kantige, Widerständige. Beides ist wohl auch Teil seiner Persönlichkeit.

Drei Aspekte, die sich durchhalten, seien dennoch hervorgehoben. Hölderlins Diotima - eine überlebensgroße Statue von ihr steht in Haasens Rottweiler Garten - ist für ihn Ausdruck der Sehnsucht nach dem „Ewig-Weiblichen“ und der Ehrfurcht vor dem „Wunder Frau“. Dies sei eine „Mission“, so sagt er selbst, die ihn bis heute bewege und tätig sein lasse. Der zweite Aspekt ist die Communio. Im oberschwäbischen Mochenwangen steht ein Brunnen, gestaltet nach dem Jesus-Wort: „Wo zwei oder drei in meinem Namen beieinander sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Die Communio ist für ihn ein zentraler Ausdruck seiner persönlichen Spiritualität und seines Kirchenverständnisses, genährt durch die Theologie des Zweiten Vatikanischen Konzils. Nach dem Konzil hat er sich in Publikationen sowie durch Entwürfe zur Gestaltung von Kirchen leidenschaftlich dafür eingesetzt, dass dieser Communio-Gedanke in Zentralräumen Ausdruck findet, in denen sich das Volk Gottes um die Mitte Jesus Christus versammelt. Dass er sich mit diesem Konzept nur sehr bedingt durchsetzen konnte, gehört zu seinen Enttäuschungen. Erbittert hat er dagegen gekämpft - erfolglos am Ende -, dass die von ihm gestaltete Kirche des Rottweiler St.-Michael-Klosters in den 90er Jahren abgerissen wurde. Eine Barbarei nennt er dies noch heute.

Und schließlich ein letzter Aspekt: Die Compassio, das Mitleiden mit den Armen und Erniedrigten jeder Art ist ein zentrales Motiv seines Schaffens. Zu den Figuren, die sich in der Mochenwanger Brunnenskulptur um die Zentralgestalt Jesu scharen, gehört ein erkennbar Armer. In seinen Kruzifixen sind die Gefangenen der Konzentrationslager zu erkennen. Jahrelang hatte sich Siegfried Haas gegen große Widerstände dafür eingesetzt, dass in dem ehemaligen Konzentrationslager Eckerwald - ein Außenlager des elsässischen KZ Natzweiler-Struthoff, nahe Rottweil am Westrand der Schwäbischen Alb gelegen - eine Gedenkstätte eingerichtet wurde. Im Jahr 1989 konnte sie eingeweiht werden. In der Mitte des ehemaligen Appellplatzes befindet sich die von Haas geschaffene Skulptur eines knieenden, gefesselten Gefangenen. Nicht erhaben, auf einem Podest, sondern am Boden, am tiefsten Punkt des Platzes. Am Rand, viel höher platziert, hat er später eine Skulptur der „Macht“ angebracht - gewalttätig, Angst einflössend. Wer dem Menschen in seiner Erniedrigung begegnen will, wer in ihm Christus begegnen will, der muss herabsteigen, muss sich zu seiner eigenen Ohnmacht und Hilflosigkeit bekennen. Mehr als vieles andere sagt diese Gestaltung etwas aus über die Person von Siegfried Haas und über den Geist seines Schaffens. Franziskus, der Poverello von Assisi, ist und bleibt für ihn das Vorbild eines glaubwürdigen Menschseins und einer glaubwürdigen Kirche.

Thomas Broch

* Siegfried Haas verstarb am 08.04.2011.