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Marian Grau - Leben mit einem besonderen Bruder

Marian ist der kleine Bruder des schwerbehinderten Marlon. Neun Jahre lang gibt es nur Familienurlaube im Hospiz und ein ständiges Bangen um Marlons Leben. Trotzdem – Marian liebt jede Minute mit seinem Bruder und ist einfach glücklich, wenn er ihn zum Lachen bringen kann. Als Marlon stirbt, bricht für ihn und seine Familie eine Welt zusammen.

Marian beschließt aus der Trauer und seinen Erfahrungen das Beste zu machen. Er will die Welt entdecken – für sich und seinen Bruder. Denn durch Marlon hat er gelernt, dass man das Leben schätzen und jede Sekunde genießen sollte. Am Donnerstag, 14. Februar 2019, las er im Hospiz St. Martin in Stuttgart aus seinem Buch "Bruderherz".

Marian Grau - Leben mit einem besonderen Bruder

Marian Grau - Leben mit einem besonderen Bruder


Bruderherz, ich hätte dir so gern die Welt gezeigt

"Diese Worte sind der Beginn eines schrecklichen Tages. Sie sind ein Bombenschlag in mein Herz. Zack! Und ein ganzes Leben ist zerstört? Unfassbar." Marian Grau ist neun Jahre alt, als er erfährt, dass sein Bruder im Sterben liegt. Marlon, der Ältere der beiden, litt schon immer an der Stoffwechselkrankheit Morbus Leigh. Als Marian in seinem Buch über den zentralen Einschnitt im Leben der Familie schreibt, bin ich als Leser längst Teil seiner Geschichte.

Mitgenommen hatte er mich zunächst auf eine Reise nach Battambang in Kambodscha, wo Marian sein erstes Weihnachten im Ausland erlebt. Auf den ersten Seiten schildert er detailliert, aber ohne den roten Faden zu verlieren, seine Eindrücke vom fernen Land. Urlaub kannte er davor nicht. Bis zum Tod seines schwerkranken Bruders gab es in der Familie nur die Ferien im Kinderhospiz in Olpe. Hier kümmerten sich auch andere um Marlon und die Eltern hatten etwas mehr Zeit für den Jüngeren.

Der Autor schreibt in reflektierter und frischer Sprache, ohne in einen Jugendslang abzugleiten. Mit seinem Reisefieber, das ihn damals in Kambodscha gepackt hatte und nun nicht mehr loslässt, steckt er auch mich an. Kurze Zeit später ein Blick zurück. Marian klettert zu seinem Bruder ins Krankenbett und schafft es, dass sich dessen Verkrampfung löst. Sehr emotional, aber ohne um Mitleid zu heischen, schildert er schließlich, wie er Marlons Beerdigung erlebt - und rührt mich zu Tränen.

Die Klammer zwischen den Reisen und den Erlebnissen in der Familie ist Marlon, dem Marian so gern die ganze Welt gezeigt hätte. Bei meiner Lektüre lerne ich neben dem Brüderpaar nach und nach auch die Eltern, die Verwandten und all die Menschen kennen, die dem Autor in den 16 Jahren seines Lebens ans Herz gewachsen sind. Ich erfahre, welcher Glaube Marian trägt. Er lässt ihn nicht in Lethargie erstarren, sondern treibt ihn zu seinem aktiven Umgang mit Krankheit, Tod und Erinnerung an.

Und ich lerne, wie ich als Außenstehender Familien mit lebensverkürzend erkrankten Mitgliedern begegnen kann und wann ich am besten nichts sage. Als Social-Media-Akteur packt der Autor diese Tipps auch im Buch in sogenannte Listicles, die er zwischen den Kapiteln einstreut, darunter "6 Fragen, die ich Marlon gern gestellt hätte". Wer sich des sensiblen Themas "Umgang mit schwerer Behinderung" annähern möchte - Marian Graus Buch "Bruderherz" nimmt ihn oder sie an die Hand.

Markus Waggershauser

Marian Grau: Bruderherz - ich hätte dir so gern die ganze Welt gezeigt. Verlag Eden Books, Berlin 2018, 208 Seiten
ISBN: 978-3-95910-143-1

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