DRS Mediencheck

Der Skandal der Skandale

Skandale und Christentum, das gehört für viele Zeitgenossen zusammen. Sie argumentieren mit Kreuzzügen und Hexenverfolgung, mit Inquisition und Missbrauch. Was davon lässt sich historisch belegen und was ist Mythos? Der Psychiater, Psychotherapeut und Theologe Manfred Lütz, der auch den Vatikan berät, ging dieser Frage unter wissenschaftlicher Mitarbeit des emeritierten Münsteraner Kirchenhistorikers Arnold Angenendt nach. Wir haben sein 2018 erschienenes Buch im Mediencheck unter die Lupe genommen.

5 Gründe für "Der Skandal der Skandale"

5 Gründe für "Der Skandal der Skandale"


Buchkritik: Schluss mit dem Kirchen-Bashing

Endlich sagt, bzw. schreibt es mal einer: Die Kirche war in der Vergangenheit gar nicht so übel, wie wir immer dachten: Die Kreuzzüge, der Ablasshandel und die Hexenverbrennungen, all das nur ein Missbrauch des Christlichen. Der, der das schreibt, ist kein Kirchenmann. Keiner, der um seine weiße Weste bemüht sein muss. Es ist der Chefarzt des Alexianer-Krankenhauses in Köln und studierter Theologe, Manfred Lütz. Sein recht unterhaltsamer Galopp durch die Kirchengeschichte ist glaubwürdig und hilfreich bei der Suche nach dem wahrhaft Christlichen im christlichen Abendland. ...

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... Manfred Lütz reiht einen Kirchenskandal an den anderen. Zum Beispiel die Kreuzzüge. Ursprünglich habe sie Papst Urban II initiiert, um den bedrängten Christen im Osten zu Hilfe zu kommen. Aber das Blutbad, dass die raubenden Ritter und ihre Helfer anrichteten, war so gar nicht in seinem Sinne. Er hatte, so schreibt, Lütz, „ein hochherziges Unternehmen im Sinn gehabt, keine chaotische Massenbewegung“. Ebenso seien die mittelalterliche Inquisition so etwas wie eine fortschrittliche Justizreform und die Hexenprozesse eher die Sache des Volkes denn der Kirche gewesen, so Lütz. Selbst dem Unfehlbarkeitsdogma kann der Autor etwas Positives abringen: Es sei „ein Unfehlbarkeitsverbot, das die Rechthaberei begrenzen sollte.“

Am Ende zählt Lütz die sogenannten Skandale der Kirche im 21. Jahrhundert auf: Das Verhalten der Katholiken in der Nazizeit etwa. Dieses habe sich nicht etwa durch Anpassung, sondern durch Widerstand ausgezeichnet. Die ablehnende Haltung zum Frauenpriestertum heute werde fälschlicherweise als eine Herabstufung von Frauen gegenüber Männern in der Kirche angesehen. Vielmehr sei die Wertschätzung der Frauen in der christlichen Welt aber um einiges höher als in anderen Kulturen. Und zu guter Letzt nennt er den Zölibat. Hier handele es sich um eine Lebensform mit langer Tradition und dessen Abschaffung sei nicht die Lösung der kirchlichen Probleme.

Also, Schluss mit dem Kirchen-Bashing. Denn wenn man sich – wie Lütz - etwas genauer in die neuere wissenschaftliche Literatur zu diesen angeblichen Skandalthemen der Kirche einliest, dann kommt man eben zu dem Schluss: Der eigentliche Skandal ist das, was die Geschichtsschreibung und vor allem ihre populärwissenschaftlichen Rezipienten aus der Geschichte der Kirche und ihren umstrittenen Themen gemacht haben. Der Skandal der Skandale.

Aber wieso?
Wieso wurde die Geschichte der Kirche in den vergangenen 2.000 Jahren so derartig skandalisiert? Da antwortet Lütz als Psychologe: Wir, die Gesellschaft, brauchen einen Sündenbock. Während Johannes Paul II. schon 2000 für die Sünden der Kirche um Vergebung gebetet hat, ist die Gesellschaft noch lange nicht so weit: Unsere Schuld und die unserer Ur-Urgroßväter ist leichter zu ertragen, wenn wir sie auf die Kirche abschieben.

Das Buch „Der Skandal der Skandale“ basiert auf den Forschungsergebnissen des renommierten Kirchenhistorikers Arnold Angenendt und fasst diese in leicht verständlicher Sprache auf 288 Seiten zusammen. Es schiebt für ein breites Publikum verständlich die „Schlacken der jahrhundertlangen Polemik“ beiseite. Nach durchgängiger Glorifizierung der Kirche und ihrem Absturz im 20. Jahrhundert muss jetzt die Geschichte der Kirche neu geschrieben werden. Es ist nicht die Geschichte von Skandalen. Es ist, so Lütz, die Geschichte von „Heiligen, spirituellen Aufbrüchen, aber auch die von großen und vor allem stillen Leidenden“. Das ist das, wonach wir so lange gesucht haben: Die christlichen Wurzeln des Abendlandes. Sie aufzuspüren ist Aufgabe der Kirchengeschichtler, aber auch aller wohlwollenden Christen.

Eckhard Raabe

Manfred Lütz: Der Skandal der Skandale, Herderverlag, Freiburg, 2018, 288 Seiten