Nachrichten

Mit einem zweitägigen Kongress in der Akademie Hohenheim mit Altbundespräsident Christian Wulff als Key Note Speaker und einem Tag der Räte in der Stuttgarter Liederhalle hat die Diözese Rottenburg-Stuttgart 50 Jahre Kirchengemeindeordnung (KGO) gefeiert.

Das „Rottenburger Modell“ mit seiner gemeinsamen Leitung von Kirchengemeinde, Dekanat und Diözese durch Priester und Laien geht auf das Zweite Vatikanische Konzil zurück und gilt weltweit als einzigartig.

Seit 1968 setzt die KGO der Diözese Rottenburg-Stuttgart auf demokratische Beteiligung durch gewählte Laienvertreter bei Entscheidungen zu Verwaltung, Finanzen und Pastoral. Beim Tag der Räte trafen sich am Samstag  300 Vertreter aus den Gemeinde- und Dekanatsgremien der Diözese, um die Beteiligungsmöglichkeiten weiter zu entwickeln und die kirchlichen Räte zukunftsfähig zu machen. Zum Auftakt der Veranstaltung unter dem Motto „Lass auch andere Verantwortung tragen“ sprach Prof. Dr. Thomas Sternberg (Münster), Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), den Teilnehmern Mut zu, bei der Partizipation neue Wege zu gehen und sich dabei auch die nötigen Freiheiten zu nehmen.

In der Podiumsdiskussion am Nachmittag zeigte sich Bischof Gebhard Fürst stolz auf das bereits Erreichte: „Was der Heilige Vater 2015 zum Thema synodale Kirche gesagt und angemahnt hat, das leben wir in unserer Diözese schon seit 50 Jahren.“ Heute seien zudem 50 Prozent der Kirchengemeinderäte Frauen. In den Leitungsgremien der Diözese läge der Fauenanteil immerhin bei 25 Prozent. Der Bischof rief die Rätinnen und Räte ausdrücklich zu „selbstbewusstem Handeln“ auf. Die Zeiten, in denen der jeweilige Pfarrer als „One-Man-Show“ aufgetreten sei, gehörten längst der Vergangenheit an. Für die kooperative Leitung der Kirche stünden auch die vielen hundert Pastoralreferenten, Gemeindereferenten und Diakone, die in den verschiedenen Seelsorge-Einheiten tätig sind.

Die beiden Zweiten Vorsitzenden in der Runde zeichneten ein nicht ganz so positives Bild. „Es hängt einfach zu viel an zu wenigen Leuten“, berichtete Brigitte Graf-Isengard (Stuttgart) aus ihrer Praxis, Kathrin Dietenmeier (Nagold) sprach von einer „kleinen Mogelpackung“ – zur Arbeit als Kirchengemeinderätin kämen immer noch weitere Ausschüsse mit zusätzlichen Terminen dazu. Diözesanratssprecher Johannes Warmbrunn riet deshalb, sich „Sachverstand von außen“ reinzuholen, zum Beispiel bei Bauprojekten. Geistliche hingegen könnten ein „sehr gutes Priesterleben führen“, wenn sie sich von Verwaltungsaufgaben entlasteten. Unterm Strich zeigte sich Warmbrunn durchaus optimistisch, „dass wir eine neue Kultur der Leitung in der Diözese bekommen, wenn das Prinzip der Partizipation von allen so weit wie irgend möglich gelebt wird“. Der gegenwärtig laufende Prozess „Kirche am Ort – Kirche an vielen Orten gestalten“ biete hier viele Möglichkeiten.

Das Programm beim KGO-Kongress am 12./13. April reichte von erfolgreichen Formen der Bürgerbeteiligung auf den verschiedensten Ebenen über Partizipative Kirche aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Workshops zu den Themen Integration und Armut teilen bis hin zu Lernerfahrungen für die Kirche von morgen.

Die beiden Veranstaltungen wurden von der Hauptabteilung IV Pastorale Konzeption im Bischöflichen Ordinariat und der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart in enger Kooperation organisiert. 

Thomas Brandl

Archiv