Nachrichten

Bad Wörishofen / Rottenburg. „Fortiter in fide – Tapfer im Glauben“:  Wie sehr der Wahlspruch sein Leben prägen sollte, ahnte Joannes Baptista Sproll bei seiner Inthronisation als siebter Bischof der Diözese Rottenburg  am 14. Juni 1927 wohl noch nicht. Elf Jahre später zwangen die Nationalsozialisten den mutigen Gottesmann ins Exil, nachdem dieser bei der Volksabstimmung zur Angliederung Österreichs und gleichzeitiger Zustimmung zum „Großdeutschen Reichstag“ mit der „Liste unserer Führers“ am 10. April die Stimmabgabe verweigert hatte. Als einziger unter den deutschen Bischöfen musste Sproll – nach turbulenten Wochen, in denen er vom organisierten Mob der NSDAP sogar im Rottenburger Ordinariat bedroht und geschmäht worden war – seine Diözese verlassen. Eine Station auf seiner Odyssee durch Süddeutschland im August 1938 war das Kurhaus der Schwestern von Mallersdorf in Bad Wörishofen.

Zum Gedenken an den „Bekennerbischof“ Joannes Sproll und das Geschehen vor 80 Jahren gibt es am Samstag, 4. August, in der dortigen Pfarrkirche St. Justina ein Pontifikalhochamt mit den beiden Bischöfen Gebhard Fürst (Rottenburg-Stuttgart) und Rudolf Voderholzer (Regensburg). Zum Festakt am Nachmittag beim Kneipp-Kurhaus St. Josef werden unter anderem der bayerische Staatsminister Franz Josef Pschierer, Bundesfinanzminister a.D. Theo Waigel und MdB a.D. Robert Antretter als Initiator der Veranstaltung erwartet. Die Festrede hält der Rottenburger Offizial und Domkapitular Thomas Weißhaar.

Seit fünf Jahren erinnert ein Relief des Mindelheimer Bildhauers Georg Bayer am Kurhaus St. Josef an Bischof Sproll. Der Rottenburger Dom erhielt 2008 eine Glocke, die dem Heiligen Martin geweiht und Bischof Sproll gewidmet ist. Name und Porträt des Bekennerbischofs sind in die Glocke eingraviert. Der Glockenklang erinnert daran, dass Bischof Sproll der nationalsozialistischen Unrechtsherrschaft mit seiner Stimme und beharrlicher Verweigerung widerstand. Dem heutigen Bischof Gebhard Fürst ist es ein wichtiges Anliegen, das Andenken seines mutigen Vorgängers stärker zu würdigen: 2012 wurde das Seligsprechungsverfahren für den Glaubenszeugen Joannes Baptista Sproll eröffnet. Mit der Sanierung des Bischöflichen Ordinariats 2013 erhielt dieser eine kleine Gedenkstätte im Palais, seinem einstigen Wohnsitz, den 1938 die Nationalsozialisten gestürmt hatten. Im Gemeindezentrum St. Martin erinnert eine Stele an den Bekennerbischof, eine Vielzahl von Einrichtungen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart trägt seinen Namen.

Erstaunlicherweise, so Bischof Fürst, seien dennoch Name und Zeugnis seines Amtsvorgängers außerhalb der Diözese Rottenburg-Stuttgart bis heute nur wenig im Bewusstsein geblieben – obwohl dieser bereits ab 1933 die NS-Ideologie, die Euthanasieprogramme, den Rassenwahn und die Kirchen- und Religionsfeindlichkeit des Regimes angeprangert hatte. Über Sprolls Leben liege „so etwas wie ein Schatten des Verkanntwerdens und der Einsamkeit“. Dies sei umso bemerkenswerter, weil Bischof Joannes Baptista Sproll neben dem längst selig gesprochenen Münsteraner Kardinal Clemens August von Galen der Einzige gewesen sei, der den nationalsozialistischen Machthabern öffentlich, eindeutig und entschieden die Stirn geboten habe. Und: „Er war der Einzige, der damals seine Diözese verlassen und ins Exil gehen musste.“

Von Galen, damals noch Bischof von Münster, bezog im Mai 1938 in einer Predigt öffentlich Position für seinen Amtsbruder im Süden und geißelte die wüsten Aufmärsche der Nazis gegen Bischof Sproll nach der Wahl vom 10. April: „So ist also der Bischof von Rottenburg tatsächlich aus seiner Bischofsstadt und Diözese verdrängt. So ist ein deutscher Bischof tatsächlich gleichsam geächtet durch jene, die die Freiheit der Kirche und die christliche Wahrheit unterdrücken.“ Leider blieb der „Löwe von Münster“, wie Clemens August von Galen ob seines großen Mutes genannt wurde, mit seinem Protest damals im deutschen Episkopat weitgehend allein. Wie Joannes Baptista Sproll entstammte auch der spätere Kardinal von Galen einer sehr kinderreichen Familie, allerdings adeligen Ursprungs; er wurde auf Schloss Dinklage bei Vechta geboren.

Der Bekennerbischof aus Württemberg kam aus ärmlichen Verhältnissen. In Schweinhausen, einem kleinen Dorf zwischen Biberach und Bad Waldsee in Oberschwaben, am 2. Oktober 1870 geboren, wuchs Joannes Baptista Sproll als Sohn eines Straßenwärters mit 13 Geschwistern auf. Später besuchte er die Lateinschule in Biberach und das Gymnasium in Ehingen, die ihm den Weg zum Theologiestudium in Tübingen ebneten. Am 16. Juli 1895 empfing er die Priesterweihe. Während seiner Promotion war er Repetent im Wilhelmsstift in Tübingen und später Subregens in Rottenburg. Nach nur drei Jahren als Pfarrer in Kirchen bei Ehingen erging 1912 an Sproll der Ruf nach Rottenburg ins Domkapitel, wo er ein Jahr später das Amt des Generalvikars der Diözese übernahm.  Am 18. Juni 1916 zum Weihbischof geweiht, gehörte Sproll nach der Revolution von 1918 in den Jahren 1919/1920 der verfassungsgebenden Landesversammlung Württembergs an.

„Seid stark im Glauben, seid tadellos im Wandel, seid selbständig im Urteil!“ - So rief er an Bischofs- und Jugendtagen und auf großen Bekenntniswallfahrten zu Furchtlosigkeit und Treue sowie zum Gottes- und Christusbekenntnis auf. Er verteidigte den katholischen Religionsunterricht und setzte sich für die Beibehaltung und Neueinrichtung katholischer Bekenntnisschulen ein. Außerdem kritisierte Sproll die Gleichschaltung der Jugend in der Hitlerjugend und wandte sich früh gegen die Ideologie des Nationalsozialismus, um der zunehmend bedrängten Kirche ein Mindestmaß an Freiheit zu bewahren. Dies blieb nicht ohne Folgen. Am 19. August 1938 teilte Reichskirchenminister Hanns Kerrl  über den Vorsitzenden der Bischofskonferenz Joannes Baptista Sproll das Aufenthaltsverbot für Württemberg mit. Fünf Tage später wies die Gestapo den Bischof zunächst nach Freiburg aus. Bad Wörishofen, das Kloster St. Ottilien und schließlich der Kurort Krumbad waren die weiteren Stationen. Von dort aus kehrte der von einer Nervenerkrankung schwer Gezeichnete am 12. Juli 1945 als knapp 75-Jähriger in seine Diözese zurück. Weil er wegen seiner Krankheit nicht mehr laufen konnte, musste er auf einem eigens für ihn konstruierten Stuhl in den Rottenburger Dom getragen werden – der Einzug dort geriet zu einem Triumphzug für Bischof Sproll.

Trotz des erlittenen Unrechts und aller Demütigung durch die Nazis, so der Beauftragte für das Seligsprechungsverfahren, Thomas Weißhaar, rief Bischof Sproll 1945 nicht nach Rache, sondern bat um Vergebung: „In christlicher Liebe wollen wir verzeihen, was uns in den vergangenen Jahren Böses zugefügt wurde. Der echte Christ hält sich an das Wort des Heilandes: Tut Gutes denen, die euch hassen.“ Weißhaar sieht den am 4. März 1949 gestorbenen und in der Rottenburger Sülchenkirche beigesetzten Bischof als einen Mann aus dem Volk, der „mit großen Worten des Widerstandes, aber auch kleinen Gesten der Zugewandtheit für die einfachen Menschen“ Zeichen in schwierigster Zeit gesetzt habe. Getreu seinem Wahlspruch „Fortiter in fide – Tapfer im Glauben“.

Archiv