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Stuttgart, 15.06.2016. Zwei renommierte Knabenchöre gab es schon, also hat Martin Dücker einen Mädchenchor mit Ambitionen ins Leben gerufen. Jahrelang haben seine Chöre im viel zu kleinen Gemeindesaal geprobt, jahrelang hat Martin Dücker dies den kirchlichen Verantwortlichen beim großen Jahrestreffen der Katholiken in St. Eberhard vorgehalten. Aufgehört hat der Musiker und Katholik erst, als klar war, dass eine Domsingschule im Stuttgarter Osten gebaut wird. Die Gründung der Mädchenkantorei und der Bau der Domsingschule sind zwei Meilensteine in der beruflichen Laufbahn von Martin Dücker, der sich Ende August nach 23 Jahren als Domkapellmeister von St. Eberhard in den Ruhestand verabschiedet.  Sein Abschiedskonzert gibt der 65-Jährige am Sonntag, 19. Juni, um 18 Uhr, mit Poulenc, Mendelssohn-Bartholdy und Bruckner.

Martin Dücker ist ein guter Unterhalter. Im 18. Jahrhundert hätte er es sicher als beliebter Gast in den Salon einer adeligen Dame gebracht, im 21. Jahrhundert sorgt er dafür, dass Chorproben nicht langweilig werden. Wie das geht, zeigt eine kleine Szene aus einer Probe mit fünf Chören in der Domsingschule. Dücker lässt die Sänger eine Passage noch einmal singen. Da gehe noch mehr, findet er. Und um die gute Laune zu halten, erzählt er so nebenbei eine Filmszene aus Ben Hur mit Charlton Heston. In dem Film taucht plötzlich ein römischer Soldat mit einer Armbanduhr auf, eine Rolex, die sich filmisch in die Zeit der Christenverfolgung verirrt hat. Dücker hat die Lacher auf seiner Seite und keiner nimmt ihm krumm, dass die Passage schnell noch einmal wiederholt werden muss. Es kann aber auch passieren, dass Dücker bei der Kirchenchor-Probe von Popgruppen wie Abba schwärmt, „weil die so unglaublich sauber singen“.

Langweilig wird es auch nicht, wenn Dücker zurückgelehnt aus seinem Musikerleben erzählt. Hübsch ist zum Beispiel die Anekdote von seiner ersten Begegnung mit den Schwaben in seiner Essener Heimatgemeinde. Dücker war elf Jahre alt, als Messdiener erlebte er mit, wie die neue Walcker-Orgel eingebaut wurde. „Die schwäbischen Orgelbauer haben sich unterhalten, aber ich habe kein Wort verstanden.“ Eine Art Erweckungserlebnis wurde die Begegnung trotzdem und zwar der Orgel wegen. „Der Klang hat mich umgehauen“, erinnert sich Dücker und ist überzeugt, dass damals die Weichen für seine spätere Kirchenmusiker-Karriere gestellt worden sind. Jedenfalls studierte Dücker, der aus einer gläubigen Familie stammt, ein paar Jahre später Kirchenmusik mit dem Schwerpunkt Gesang. Seine erste „nicht wetterfeste Stelle“ trat er in der katholischen Kirche St. Johann in Essen an mit einer „fürchterlichen Orgel und einem lustigen Kirchenchor“. Wetterfest und eine Familie ernährend wurde es erst als Bezirkskantor in der Erzdiözese Freiburg. 1993 schließlich kam Dücker als Kirchenmusiker nach St. Eberhard. „Ich wollte nicht König in einem kleinen Königreich sein, sondern lieber einer unter vielen guten Musikern, mit der Möglichkeit, mich mit einer bestimmten Sache zu profilieren.“ Von Stuttgart als Musikstadt ist der 65-Jährige bis heute überzeugt. „Mir war klar, in dieser Stadt mit einer brillanten Musikhochschule, vier Berufsorchestern und zwei Berufschören ist der Humus, um Musik zu machen“, sagt Dücker rückblickend und sieht sich bis heute in seiner Annahme bestätigt.

Dücker wartete nicht lange, um musikalische Veränderungen in St. Eberhard einzuläuten. Schon kurz nach seinem Amtsantritt gründete er die Mädchenkantorei, einen Chor nur für Mädchen, weil es schon zwei Knabenchöre gab. Die Mädchenkantorei fing mit 24 jungen Sängerinnen an, heute sind es stolze 180. Der Chorleiter hat die kirchlichen Gassenhauer mit ihnen aufgeführt, den Paulus, den Elias, das Weihnachtsoratorium, er hat aber auch ganz feine, abseitige Stücke eingeübt wie „Trois petites liturgies“ von Olivier Messiaen. Und er hat dafür gesorgt, dass die Mädchen zweimal im Jahr auf Konzertreise etwa nach Berlin, Paris, Stockholm und Köln gehen konnten. Ins Leben gerufen hat der gebürtige Essener auch die Domkapelle, die er als Ergänzung und als eine Art „schnelle Einsatztruppe des Domchores“ begreift.  „Ich wollte einen Chor haben, der schnell einsatzbereit ist, wenn ein kommunalpolitischer Empfang oder eine kirchliche Beerdigung begleitet werden müssen.“  Prominent in Erscheinung getreten ist die Domkapelle beispielsweise bei der Beerdigungsfeier für den Bildhauer Otto Herbert Hayek mit Mozarts Requiem. Gegründet hat Martin Dücker außerdem die Schola Gregoriana.

Ein Herzensanliegen des katholischen Musikers ist auch die Domsingschule, die es ohne sein beharrliches Drängen vermutlich gar nicht geben würde. Als politische Bühne genutzt hat der 65-Jährige das Jahrestreffen der Katholiken, zu dem über viele Jahre Bischof und Stadtdekan in die Domkirche einluden. „Wir haben zum Jahrestreffen alle Sänger, die laufen konnten, aufgeboten und ein hochwertiges Programm gestaltet und dabei nie vergessen zu erwähnen, dass alle Chöre im Gemeindesaal von St. Eberhard proben, der aus allen Nähten platzt“, erzählt Dücker. Bei Brezel und Wein hat er dies auch hochrangige Kirchenmänner wissen lassen. Für die Raumplanung der Domsingschule, die 2007 in der Landhausstraße im Osten eingeweiht wurde, hat sich Dücker früh mit Friedemann Keck, dem langjährigen Leiter des Knabenchores Collegium iuvenum zusammengesetzt. „Uns beiden war klar, dass wir uns zusammentun müssen“, sagt Dücker. Bis heute probt der ökumenische Knabenchor genauso wie die Mädchenkantorei in der katholischen Domsingschule. „Der Neubau hat unserer Arbeit einen gewaltigen Schub versetzt. Die Domsingschule stellt etwas dar und wir haben unsere eigenen Räume“, so Dücker.

Vor dem anstehenden Ruhestand ist dem umtriebigen Domkapellmeister nicht bang. Er hat sich vorgenommen, in die Vergangenheit abzutauchen und kleine Stuttgarter Musikgeschichten zu schreiben, beispielsweise die über den im 19. Jahrhundert lebenden Franz Josef Schütky, der als erster Solist an der Hofoper wirkte, zugleich aber auch im Kirchenchor der Pfarrgemeinde St. Eberhard mitsang und diesen später leitete. Außerdem freut sich der vierfache Vater und dreifache Großvater darauf,  für sich selber Musik zu machen, ohne Probenpläne und ohne Vorführungen. Auf die Frage, wie ihm denn all die Jahre das Nischendasein als Kirchenmusiker bekommen sei, antwortet Martin Dücker ganz entspannt: „Wenn ich die Nischen nicht pflege, geht mir auch das große Gebäude vor die Hunde.“ Er freut sich, wenn Reihen wie die Mittagsmusik samstags kurz nach 12 Uhr in St. Eberhard, oder die Musica Poetica, die die Kirchenmusik mit anderen Künsten verbindet, ihr Publikum finden. Und er freut sich, wenn Gottesdienste auch durch den musikalischen Rahmen die Besucher berühren.

Das Abschiedskonzert von Martin Dücker beginnt am Sonntag, 19. Juni, um 18 Uhr, in der Domkirche St. Eberhard, Königstraße 7. Zu hören sein wird Poulencs „Gloria“, Mendelssohn-Bartholdys „Lauda Sion“ und Bruckners „Te Deum“ mit Marina Herrmann als Sopran, Judith Ritter (Alt), Andreas Weller (Tenor), Thomas Fleischmann (Bass), dem Domchor, der Mädchenkantorei und Mitgliedern des Staatsorchesters Stuttgart. Die Leitung hat Martin Dücker.

Der Abschiedsgottesdienst mit dem Weihbischof Johannes Kreidler findet am Sonntag, 24. Juli, um 10 Uhr, ebenfalls in der Domkirche statt. Im Anschluss gibt es um 12 Uhr einen Stehempfang im Haus der katholischen Kirche.

Nicole Höfle, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Stadtdekanat Stuttgart

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