Nachrichten

Rottenburg/Weingarten. 11. November 2016. Mit Feierlichkeiten am Martinsberg von Weingarten hat die Diözese Rottenburg-Stuttgart am Martinstag (11. November) das Martinsjahr 2016 beendet. Während der zurückliegenden zwölf Monate erinnerte sich das Bistum in besonderer Weise seines Patrons, des hl. Martin von Tours, der vor 1.700 Jahren im heute ungarischen Szombathely geboren wurde. Im Benediktinerkloster auf dem Martinsberg empfahl Bischof Gebhard Fürst den barmherzigen Heiligen als Leitfigur für ein solidarisches und gerechtes Europa.

Im Entstehungsprozess des modernen Europa spiele Martin von Tours eine zentrale Rolle, betonte der Bischof beim Festakt im Kloster Weingarten. Gerade heute, wo sich Europa in einer tiefen Identitätskrise befinde und die Gefahr bestehe, dass nationale Einzelinteressen den Weg in eine solidarische Zukunft gefährden, könne Martin als Ikone der Nächstenliebe und glaubwürdiger Christusnachfolger Vorbild sein. Die Figur des heiligen Martin und seine Biographie seien „inspirierendes Narrativ, ein sinngebendes, allgemein- und leichtverständliches universales Beispiel, eine Erzählung, die Menschen über Länder- und Völkergrenzen hinweg Orientierung bieten kann“, sagte Bischof Fürst. Oft werde vergessen, dass die Europäische Union sich als Kontinent des Friedens und der Freiheit entfalten konnte, was bis dahin auf dem Kontinent noch nie gelang. In Ungarn geboren und in Frankreich als Mönch und Bischof gestorben, verbinde die Person des heiligen Martin den Kontinent von Ost nach West.

Bischof Gebhard Fürst beklagte in seiner Ansprache, dass der Diskurs über die Bedeutung der Religion in und für die Entwicklung der europäischen Kultur in der Vergangenheit häufig vernachlässigt worden sei. Diese habe letztlich dazu geführt, dass in einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft Sprachmodelle und Deutungsmuster für das Religiöse fehlten. „Wo sich Religion einerseits in reine politische Ideologie transformiert oder andererseits lediglich Züge rein esoterisch-spiritueller Selbsterfahrung annimmt, geht der Gesellschaft die Sprachfähigkeit über das, was unsere Werte eigentlich ausmacht, verloren“. Dort wachse die Gefahr, dass Begriffe des Religiösen für Fundamentalismus, Nationalismus und Egoismus missbraucht würden.

Am Vormittag hatte Bischof Fürst ein Buch vorgestellt, das Martin als „Leitfigur für ein humanes Europa und die Zukunft des Christentums“ beschreibt. Der 250-seitige Band (Schwabenverlag Ostfildern) dokumentiert einen Martinuskongress, der 2013 in Weingarten stattfand und in dessen Rahmen Bischof Fürst sich entschloss, das derzeit nicht besiedelte Benediktinerkloster für Flüchtlinge zu öffnen. Der Band „Martin von Tours“ beschreibt den Heiligen als Symbolfigur Europas. Fachleute zeigen die facettenreiche Persönlichkeit Martins unter verschiedenen Gesichtspunkten, von der historischen Aufarbeitung über ganz unterschiedlichen Darstellungen in der Kunst bis zu seiner Bedeutung für heutiges politisches Handeln. Zu den Autoren zählt auch die Botschafterin der Bundesrepublik am Heiligen Stuhl, Annette Schavan. Sie stellt in ihrem Beitrag fest: „Wenn wir uns mit Martin von Tours beschäftigen, dann gehen wir gleichsam auf die Suche nach den Quellen für einen neuen spirituellen Elan für Europa. Das ist dann auch die Suche nach den Quellen der Generosität.“

Am Nachmittag zeigten Kinder ein Martinsspiel unterhalb der Basilika, dem sich eine Lichterprozession anschloss. Am Abend feierte der Bischof mit den Gläubigen ein Pontifikalamt in der traditionsreichen Klosterkirche, die als weltweit größte Martinsbasilika gilt.

Während des Martinsjahres fanden in der württembergischen Diözese neben Gottesdiensten und Wallfahrten auch Ausstellungen, Vorträge, Konzerte und Tagungen statt. In Europa sind mehr als 3.000 Pfarreien und Orte nach dem Heiligen benannt. Begangen wurde das Jubiläum vor allem in Ungarn und Frankreich, aber auch in Deutschland und anderen Ländern.

Hinweis
Gebhard Fürst (Hg.), „Martin von Tours – Leitfigur für ein humanes Europa und die Zukunft des Christentums in Europa“, Schwabenverlag Ostfildern, ISBN 978-3-7966-1708-9, € 25,-

Archiv