Nachrichten

Friedrichshafen. Soziale Einrichtungen sind Zuschussbetriebe, Fässer ohne Boden. Vorbehalten wie diesen begegnen Kirchenvertretern in sozialpolitischen Debatten immer wieder. Um dem entgegenzuwirken, entschlossen sich die Verantwortlichen der Gesamtkirchengemeinde (GKG) Friedrichshafen nun zu einem ungewöhnlichen Schritt.

Sie beauftragten den Nürnberger Beratungs- und Forschungsdienstleister Xit GmbH mit einer Studie, die die Geldströme untersuchte, welche mit Investitionen der öffentlichen Hand an die GKG verbunden sind. Das Ergebnis: 93 Prozent der Mittel fließen aus der Kirchenkasse wieder zurück in Geldtöpfe des Staates, insbesondere der Sozialversicherungen sowie über die Lohn- und Umsatzsteuer, und stehen dort für neue Investitionen bereit. Für die Xit GmbH, zu deren Kunden beispielsweise das DRK, die Diakonie, die Stadt Bamberg aber auch VW oder die Europäische Zentralbank gehören, war es das erste Mal, dass sie den Wirkungskreis einer wenn auch sehr großen Kirchengemeinde untersuchte.

Betrachtet wurden die ökonomischen Auswirkungen der kirchlichen Arbeit in den Bereichen Kinderbetreuung, Ferienspiele, Stadtdiakonat, Obdachlosenherberge und Sozialstation auf Steuern, Sozialversicherungsbeiträge sowie auf den Konsum und auf die Entstehung von Arbeitsplätzen in der Stadt und in deren Umland. Durch Steuern und Abgaben, so das Ergebnis, stehen der öffentlichen Hand von 5,16 Millionen Euro, die ursprünglich eingesetzt wurden, 4,8 Millionen für neue Aufgaben zur Verfügung. Noch gar nicht mitberechnet sei da die ehrenamtliche Arbeit, die in den Kirchengemeinden geleistet wird, sagt Dekan Bernd Herbinger, Vorsitzender der GKG Friedrichshafen. Die hohe Rückflussquote sei so nur wegen der kirchlichen Struktur möglich. Die Kirche stehe dafür ein, sich der Bedürftigen anzunehmen und es sei ihr wichtig, soziale Angebote in hoher Qualität zur Verfügung zu stellen, deren Nutzung allen Konfessionen offen steht. „Mit knapp 50.000 Stunden leisten mehr als 1000 Ehrenamtliche einen erheblichen Beitrag für die Qualität und das Angebotsspektrum der sozialen Dienstleistungen“, sagte Bernd Halfar, Gesellschafter der Xit GmbH, bei der Präsentation der Studie. „Müssten diese Stunden ersetzt werden, wären 28 Vollzeitstellen zusätzlich zu schaffen, welche bei Mindestlohn knapp 440.000 Euro Kosten verursachen würden.“ Von der auf Geldströme fixierten Untersuchung nicht fassbar sei zudem die Lebens- und Bildungsqualität, die den Menschen über die verschiedenen kirchlich getragenen Angebote zuteilwird.

Für Dekan Herbinger geht es bei der Studie auch um „ein stückweit Objektivierung“. Er sagt: „Was viele Menschen mit kirchlichem Hintergrund vermutet haben, ist jetzt belegt.“ Gehe es wirtschaftlich einmal nicht mehr so gut wie heute, setzt Ulrike Weiß, Leiterin des Katholischen Verwaltungszentrums in Friedrichshafen, hinzu, könne die Kofinanzierung sozialer Dienste und Einrichtungen indes schnell in Frage gestellt werden. Wenn es um Zuschüsse für die Ferienbetreuung von Schulkindern geht oder um andere soziale Freiwilligkeitsleistungen, heiße es dann: Solche Angebot seien zwar schön zu haben, aber eben keine Pflicht; ein Luxus, den man sich in Zeiten knapper Kassen nicht leisten könne. Die Studie sollte so auch den Blick für eine wirtschaftlich nicht ganz so rosige Zukunft weiten. Dekan Herbinger betont: Ihm sei Transparenz wichtig gewesen, Öffentlichkeit herzustellen. Denn: „Wir legen seit 20 Jahren unsere Haushaltspläne öffentlich aus. Interessiert hat das bislang groß niemand.“ Die Studie wurde vor Ort bei einer Podiumsdiskussion vorgestellt. Mirjam Hornung, CDU-Gemeinderätin aus Friedrichshafen und Teilnehmerin des Podiums, blickt zurück: „Die qualitativ hochwertige Zusammenarbeit von Haupt- und Ehrenamt ist von unschätzbarem Wert und davon profitiert – wie die Studie zeigt – eine ganze Stadt über das gewöhnliche Maß hinaus.“ Und Ignaz Wetzel, Sozialdezernent des Bodenseekreises, merkt an: Mit der Studie zeige die Gesamtkirchengemeinde eindrucksvoll, dass soziale Dienstleistungen auch einen erheblichen Beitrag zur Wertschöpfung leisten. Und er setzt hinzu: „Wir fühlen uns dadurch in unserer Sichtweise bestätigt.“

Sonderfall Friedrichshafen

Aufgrund ihrer Zeppelin-Stiftung stellt die Stadt Friedrichshafen ein Sonderfall dar. Bei den Berechnungen des Xit-Instituts wurden so 6,39 Millionen Euro, die die Gesamtkirchengemeinde von der Zeppelin-Stiftung erhielt, als „nichtöffentliches Geld“ mitberechnet. Würde das Stiftungsgeld, über dessen Vergabe der Gemeinderat der Stadt entscheidet, indes als öffentliches Geld gewertet, würde sich die Rückflussquote von der kirchlichen in die staatliche Kasse von 93 auf dann immer noch überdurchschnittliche 42 Prozent verringern, wie Professor Bernd Halfar von der Xit-GmbH sagt. Er möchte in dem Zusammenhang auch nicht von einer guten oder schlechten Quote sprechen. „Aus Sicht der öffentlichen Hand ist es auf jeden Fall sinnvoll, mit der Kirche zusammenzuarbeiten. Denn der Rückfluss ist höher als bei nicht-kirchlichen Trägern“, hält er fest.

Archiv