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Rottenburg/Stuttgart. 29. April 2016. Mit intensiverem Dialog und mehr Kooperation sollen Christen und Muslime aktuellen Tendenzen zu Radikalisierung entgegenwirken. Dies betonten Bischof Gebhard Fürst und Vertreter islamischer Verbände bei ihrem 11. Jahrestreffen am Donnerstagabend in Stuttgart. Durch die Zuwanderung von Flüchtlingen, darunter mehrheitlich Muslime, werde Deutschland auch in religiöser Hinsicht vielfältiger, betonte Bischof Fürst. Der christlich-islamische Dialog stehe vor anspruchsvollen Herausforderungen.

Religion könne Kraft geben zur Versöhnung von Menschen verschiedener Kulturen, so der Bischof. Versöhnung sähen die christlichen Kirchen als ihre Aufgabe. Sie könne dann gelingen, wenn die Muslime konstruktiv mitwirken. Wiederholt regte der Bischof ein christlich-muslimisches Hilfsprojekt im Nahen Osten an, das aus organisatorischen Gründen bisher nicht realisiert werden konnte.

Bischof Fürst begrüßte in diesem Zusammenhang ein „Gemeinsames Wort zum Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit“, das muslimische Verbände und Initiativen zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft der christlichen Kirchen (ACK) in Baden-Württemberg erstellt haben. Es soll Anfang Juni veröffentlicht werden. Dieses gemeinsame Wort sei „zweifellos ein wichtiger und bedeutsamer Schritt und ein starkes Signal in die Gesellschaft“, stellte der Bischof fest.

Er wies darauf hin, dass trotz überwältigender Bereitschaft in der Gesellschaft, Flüchtlinge aufzunehmen und zu integrieren, auch eine „berechtigte Nachdenklichkeit“ festzustellen sei, zumal sich die europäischen Partnerländer hinsichtlich einer gemeinsamen Lösung unerwartet zurück hielten. Unter dem Eindruck, dass im Namen des Islam derzeit weltweit in hohem Ausmaß Gewalttaten verübt werden, seien Muslime zudem auch hierzulande in schwieriges Fahrwasser geraten. Durch Kräfte wie die AfD sei eine gefährliche öffentliche Debatte entstanden. Aber auch unter Muslimen gebe es Tendenzen, mit einer islamischen Rechtsordnung zu sympathisieren. „Die vielzitierte islamische Toleranz droht sich dabei zu einer inakzeptablen islamischen Dominanz zu wandeln“, sagte Bischof Fürst.

Gleichwohl bildet der Islam als Gemeinschaft von Gläubigen nach Überzeugung von Bischof Fürst in seiner Vielgestaltigkeit eine berechenbare Größe. Stabile und sehr große Mehrheiten unter den Muslimen hätten sich in den westlichen Staaten mit ihrem Glauben als Mitbürger friedlich integriert und hegten keine Sehnsucht nach einer islamischen Rechtsordnung. Gravierende Wertekonflikte etwa bezüglich des Frauenbildes müssten gesellschaftlich noch überwunden werden. Dazu brauche es kontinuierlichen Dialog und intensivierte Zusammenarbeit in Europa, dem als Wertegemeinschaft das christliche Bild vom Menschen mit seiner unantastbaren Würde eingeschrieben bleibe.

Bischof Fürst bat die islamischen Vertreter, sich als Brückenbauer für jene zu engagieren, die als Muslime neu ins Land kommen. Er wies darauf hin, dass die Diözese Rottenburg-Stuttgart sich seit 2013 intensiv für Flüchtlinge einsetze. So seien durch den Fonds „Weltkirchliche Arbeit/Flüchtlingshilfe“ zusätzlich zu den regulären Mitteln insgesamt 18,7 Millionen Euro bereitgestellt worden. Davon seien 9,2 Millionen Euro für Flüchtlingshilfe in der Diözese gewidmet, die andere Hälfte für Hilfsmaßnahmen in Krisengebieten und zur Vermeidung von Flucht. In den Herkunftsländern der mehrheitlich muslimischen Flüchtlinge helfe die württembergische Diözese bei Aufbau und Unterhalt von Schulen und Bildungsprogrammen für Erwachsene, unabhängig von deren jeweiliger Religion.

Für die islamischen Verbände wies der Landeskoordinator des DITIB-Landesverbandes Baden, Fatih Sahan, darauf hin, dass Hilfe für Flüchtlinge im Islam ein grundlegendes Gebot mit Tradition seit Anfang dieser Religion habe. Weltweit seien derzeit 60 Millionen Menschen auf der Flucht, und Moscheegemeinden würden finanziell und ideell Hilfe insbesondere in Deutschland leisten. Auch im bevorstehenden Fastenmonat Ramadan stehe Flüchtlingshilfe in den Moscheegemeinden wie bereits in den vergangenen Jahren wieder im Vordergrund. Dabei gelte das im Koran wie im christlichen Evangelium festgeschriebene Gebot der Bescheidenheit, „dass die linke Hand beim Helfen nicht wissen darf, was die rechte tut“.

Besorgt äußerte sich Sahan mit Zustimmung aller islamischen Vertreter über zunehmende Übergriffe auf Flüchtlinge, die mehrheitlich muslimischen Glaubens sind. So habe sich die Zahl der Gewalttaten gegenüber Flüchtlingen in Jahresfrist verfünffacht. Gleichzeitig bestehe nach wie vor in Deutschland eine überwältigende Hilfsbereitschaft, betonte Sahan und dankte allen in der Flüchtlingshilfe Engagierten. Flüchtlinge kämen nicht „aus Lust und Laune“, sondern weil sie vom Tod bedroht ihre Heimat verlassen mussten. Er rief alle Religionsgemeinschaften auf, „in aller Vielfalt im Guten zu wetteifern für ein friedliches Miteinander“. Die muslimischen Vertreter betonten, religiös verbrämter Terrorismus mache Muslimen genauso Angst wie allen anderen Bürgern auch. Sie baten die Kirchen, weiterhin Dialog und Kooperation mit den islamischen Religionsgemeinschaften zu pflegen und dadurch Vorurteilen und Ängsten entgegenzuwirken. “Wir brauchen Sie als Seniorpartner.“

Sahan forderte die Politik auf, islamische Religionsgemeinschaften stärker als Kooperationspartner und Mentoren zu nutzen und auch als Träger etwa von Flüchtlingsheimen anzuerkennen. Es gebe dafür bereits geringe Ansätze, die aber laut Sahan ausgebaut werden könnten. Nach wie vor werde Hilfe für Flüchtlinge seitens der Muslime fast ausschließlich ehrenamtlich geleistet und finanziert. Dabei erleichterten die muslimischen Ehrenamtlichen als Brückenbauer den Flüchtlingen und ihren Familien, sich in einer für sie fremden Kultur zurechtzufinden. Offiziell anerkanntes islamisches  Engagement könnte Sahan zufolge Beheimatung und Integration intensivieren und damit das Gemeinwesen insgesamt stärken.

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