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Weingarten. Für ein solidarisches und humanes Europa im Geist des Martin von Tours sprach sich Gebhard Fürst, Bischof der Diözese Rottenburg Stuttgart, bei der Veranstaltung „Freiheit und Verantwortung - Mehr Mut zu Europa?!“ der Akademie der Diözese am Freitagabend, 12. April, in Weingarten aus. Gemeinsam mit Winfried Kretschmann, Ministerpräsident Baden-Württembergs, und Antje von Dewitz, Geschäftsführerin des Outdoor-Ausrüsters VAUDE in Tettnang, suchte er nach Antworten auf die Frage, was der in Bedrängnis geratene Staatenbund benötigt, um dauerhaft zu bestehen. Hendrik Groth, Chefredakteur der Schwäbischen Zeitung, moderierte die Veranstaltung.

Die „Weitherzigkeit“ Europas sei unvereinbar mit Fundamentalismus, Abschottung und Nationalismus, sagte der Bischof. „Doch sind wir bereit, dieses Geschenk unserer Geschichte anzunehmen, das rund sieben Jahrzehnte Frieden und Versöhnung gefördert hat? Ist Europa in unseren Herzen angekommen und ist es mehr als ein ökonomisches Interesse?“, wandte er sich an das Publikum. Sowohl Kretschmann als auch Fürst verwiesen dabei auf die verbindende Wirkung, die den gemeinsamen christlichen Wurzeln des Kontinents entspringt. Laut Bischof Fürst ist Sankt Martin, der Heilige der Mantelteilung, vor diesem Hintergrund zugleich Leitfigur für das politische Handeln der Diözese und zentraler Bezugspunkt für die Staatengemeinschaft, bei der Suche nach einem Wir-Gefühl und im Bewusstsein ihrer  gemeinsamen Verantwortung.

Ministerpräsident Kretschmann warnte vor dem Rückfall in die Kategorien nationalstaatlichen Denkens und nannte die katholische Soziallehre mit ihrem Subsidiaritätsprinzip als Vorbild für ein funktionierendes Europa. „Die EU muss sich um die großen Aufgaben kümmern und nicht den Schnapsbrenner im Schwarzwald regulieren, der dort die Streuobstwiesen pflegt“, gab er ein Beispiel. Nationalstaatliches Denken gefährde Frieden, Freiheit und Wohlstand in Europa, warnte er. Angesichts der mit der Digitalisierung und dem Wandel in der Automobilindustrie verbundenen wirtschaftlichen Herausforderungen unterstrich Kretschmann: „Die einzige Möglichkeit, die Zukunft in die Hände zu nehmen, heißt Europa.“ Im 21. Jahrhundert könnten die Staaten der Union nur gemeinsam souverän bleiben. „Alleine sind wir schlicht zu klein.“

Damit der Wohlstand auf dem Kontinent erhalten bleibt forderte VAUDE-Geschäftsführerin Antje von Dewitz von der Politik Gesetze, die den Unternehmen Innovationen abverlangen. Andernfalls drohe der wirtschaftliche Abstieg. „Die innovativsten Länder sind die, mit den strengsten Umweltgesetzen“, sagte sie und rief zur Teilnahme an der Europawahl am Sonntag, 26. Mai, auf. Ministerpräsident Kretschmann bezeichnete diese Wahl als „fundamentale Richtungsentscheidung“, bei der viel auf dem Spiel steht. Um sich im Vorfeld der Wahl der gemeinsamen christlichen Wurzeln zu vergewissern, lud Bischof Fürst zum Pilgern auf dem Martinusweg ein. „Er ist ein Lehrpfad für Zuwendung und Menschenfreundlichkeit - ein Zeichen in einer Zeit, in der wir uns in Europa neu vergewissern müssen, in welcher Spur wir gehen wollen.“

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