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Einen intensiven Tag lang hat Bischof Gebhard Fürst kirchliche Flüchtlingsprojekte in Jordanien besucht. In der Hauptstadt Amman und im nahen Madaba unterstützt die Diözese Rottenburg-Stuttgart mit bisher 285.000 Euro zwei von der jordanischen Caritas betriebene Projekte, eines für Mütter und Kinder, das andere für kleine und größere Schulkinder.

Der Bischof spürte  Dankbarkeit, aber auch Verzweiflung. „Helfen Sie uns, wir brauchen Freiheit und Sicherheit“, bestürmten ihn aus ihrer Heimat nach Jordanien geflohene syrische und irakische Christen. Der Bischof sicherte weiter Hilfe zu. Sie solle aber auch dazu beitragen, dass die Menschen in ihrer Heimat bleiben können. 570.000 Euro flossen bisher aus dem Flüchtlingshilfefonds der Diözese in Projekte in Syrien und im Libanon.

Mit gefalteten Händen steht der alte Mann vor dem Bischof. „Helfen Sie uns, unsere Heimat ist zerstört, dort wartet nur der Tod auf uns“, fleht der irakische Christ im Caritas-Containerdorf in Madaba Bischof Fürst an. Er küsst weinend dessen Brustkreuz. Ein irakischer Arzt bestätigt den alten Mann. Extremistische Muslime würden Christen mit dem Tod bedrohen, sie zerstörten Häuser und Kirchen. Die syrisch-katholischen Christen aus der Gegend um Mossul sind geflohen, auch ihr Bischof Yohanna Petros Mouche. Er ist seinen Gläubigen gefolgt. Sarkastisch stellt er sich vor: „Ich bin der Bischof der Muslime.“ Seine Diözese ist christenfrei.

Eine Rückkehr können sich die Flüchtlinge nicht vorstellen. Caritas Jordanien (CJ) versorgt sie mit „shelters“, Schutzcontainern also, mit Lebensmitteln, Medizin und psychologischer Begleitung. Vor allem Frauen und Kinder hat CJ im Blick. „Die Frauen haben Schreckliches erlebt, sie sind seelisch und körperlich am Boden“, sagt eine CJ-Mitarbeiterin. 400 ihrer fest angestellten Kolleginnen und Kollegen sowie 2.000 Ehrenamtliche kümmern sich um die Flüchtlinge. 465.000, davon 90 Prozent Muslime,  waren es im vergangenen Jahr laut CJ-Statistik. 50 Millionen Euro konnte das katholische Hilfswerk dafür einsetzen.

Ohne kirchliche und staatliche Hilfe vor allem aus Deutschland und den USA wäre das unmöglich. CJ ist das größte Hilfswerk in Jordanien überhaupt, obwohl Christen in dem muslimisch geprägten Land maximal drei Prozent der Bevölkerung ausmachen. „Für König Abdullah sind wir die Nummer 1“, sagt CJ-Generaldirektor Wael Suleiman stolz. Hilfe und Solidarität aus dem Ausland seien existenziell wichtig, betont Suleiman und kritisiert seine Glaubensgeschwister. Die Christen in Jordanien verfügten zwar über mehr als ein Drittel der Wirtschaftskraft des Landes, aber ihrer Kirche oder karitativen Projekten würden sie über den Pflichtanteil hinaus so gut wie nichts abgeben.

Bei der Caritas bekommen Frauen wieder Lebensmut, in Trainings üben sie neu den Umgang mit ihren Kindern, ihren Männern und mit sich selbst. „Seit ich im Mutter-Kind-Training bin, gehe ich auch wieder anders mit meinem Mann um“, sagt in Madaba eine junge Frau aus dem zerstörten Homs in Syrien. Die Kinder dürfen während der von der württembergischen Diözese unterstützten „Love-Lessons“ spielen und basteln, lernen Lieder und Gedichte. Das Team des Caritas-Sozialzentrums hat alle Hände voll zu tun. Im Wartezimmer warten Flüchtlinge auf ihrer Registrierung, sie erhalten danach Ausweise, ein Arzt untersucht sie, psychologische Begleitung soll den Stress mildern.

Jeder fünfte Einwohner im Haschemiten-Königreich ist inzwischen ein Flüchtling aus Syrien oder dem Irak. Nur jeder und jede siebte lebt in einem Camp, die Mehrheit schlägt sich als „urban refugees“ unter oft miserablen hygienischen Bedingungen in Garagen und heruntergekommenen Hütten in den Randgebieten Ammans oder in Dörfern nahe der Hauptstadt durch. Caritas Jordanien unterhält dort Sozialzentren und Containerdörfer, so gut es geht. Wer ein „shelter“ im Containerdorf bekommt, hat Glück.

„Am wichtigsten ist uns, dass unsere Kinder Bildung erhalten“, sagt eine junge Mutter, ebenfalls aus Homs. Nach CJ-Angaben können zurzeit 200.000 Flüchtlingskinder in Jordanien nicht zur Schule. Es fehlt an Plätzen und an Geld. Die Caritas, deren Motto lautet „It’s not a job, it’s a mission“, übernimmt, so es geht, die Schulgebühr. Das Einkommen der Väter, die hier und da für Dumpinglöhne schwarz arbeiten, reicht hinten und vorne nicht.

Ob die Familien wieder nach Hause wollen? Zur Zeit sei daran nicht zu denken, sagen die jungen Mütter. „Aber vielleicht eines Tages, so Gott will, inschallah…“ Bis dahin kümmert sich die weltweit kirchlich vernetzte Caritas um sie, auch unterstützt vom Königshaus. Wie sagt der jordanische Caritaschef: „Diese Menschen haben alles verloren, sie brauchen also alles.“

Uwe Renz

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