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Es ging um nichts weniger als die "Zukunft der digitalen Welt". Unter dieser Überschrift befassten sich jetzt 140 Führungskräfte des Rottenburger Bischöflichen Ordinariats mit dem Universum der Bits und Bites im world wide web, der Algorithmen und der künstlichen Intelligenz.

Einblicke dazu verschaffte ihnen der Berliner Publizist und Bestsellerautor Christoph Keese. Er lebte mit Kollegen ein halbes Jahr im Silicon Valley bei Los Angeles, Welt-Zentrum der digitalen Entwicklungen. Das Vorstandsmitglied der Axel Springer SE und Autor der Bücher "Silicon Germany: Wie wir die digitale Transformation schaffen" und "Silicon Valley: Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt" machte keinen Hehl daraus, dass er von der Kirche Antworten auf die rasant voranschreitende digitale Revolution erwarte. "Wo bleibt der Mensch?", fragte er und stellte fest: "Wir dürfen dem Silicon Valley die Antwort darauf nicht allein überlassen."

Bischof Gebhard Fürst pflichtete ihm bei und verwies in der Diskussion, an der sich auch der Frankfurter Religionspädagoge Bernd Trocholepczy beteiligte, auf das päpstliche Schreiben "Communio et progressio" von 1971. In dem Schreiben werde ein offener Dialog sowie Austausch von Nachrichten und Meinungen angemahnt. Es gelte, in einer Grundhaltung der Liebe sich für eine bessere Welt einzusetzen. Fake News, und dies zudem im Interesse gesteigerter Umsätze, ließen sich damit nicht vereinbaren.

Keese sprach von einer digitalen Revolution von bisher nicht gekanntem Ausmaß. Die Digitalisierung erfasse alle Lebensbereiche, und die elektronischen Unternehmen dominierten die Weltwirtschaft. Diese Entwicklung führe zum Verlust von Arbeitsplätzen und revolutioniere alle Produktbereiche. "Disruption" nennen das die Fachleute, wenn etwa in der Unterhaltungsindustrie Tonträger wie Schallplatte oder CD etwa durch "entmaterialisierte" Streaming-Apps ersetzt werden.

Wo bleiben der Mensch und Gott in einer Welt, in der Algorithmen das Leben bestimmen? Wo bleiben Freiheit, menschliche Würde und Individualität, Gemeinsinn und Solidarität? Keese deutet an, dass für nicht wenige Menschen das Internet quasi Gott bedeute, "vielleicht nicht ganz, aber nahe dran". Schließlich ermögliche das weltweite digitale Netz Singularität, also in gewisser Weise  Aufhebung von Raum und Zeit, wenn Datenpräsenz in Sekundenschnelle an vielen Ort der Welt gleichzeitig möglich ist. Theologen nennen solche Singularität Ewigkeit.

Dass Digital-Unternehmen wie Google, Facebook, Amazon oder Netflix als Monopol-Plattformen enorme Gewinne machen, ohne selbst Waren und Dienstleistungen vorzuhalten, bedroht Keese zufolge (bei allen Chancen der Digitalisierung) das wirtschaftliche und soziale Zusammenleben der Menschen; viele kämen dabei nicht mehr mit. Von den Kirchen erwarte er, sagte der Autor und Verleger, tragfähige Antworten. Denn die existenziellen Fragen der Menschen letztlich nach dem Sinn des Lebens und nach einem gelingenden (Zusammen)Leben könnten Algorithmen und künstliche Intelligenz nicht beantworten. Es wäre ein Fehler, wenn die Kirche den Weg in die digitale Zukunft scheue, so Keese. Vielmehr müsse sie ihre letztlich in Jahrtausenden erworbene anthropologische, theologische und philosophische Kompetenz in die digitale Wirklichkeit einbringen. Der Gast aus Berlin ließ ein nachdenkliches Publikum zurück.

Uwe Renz

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