Arkadius Guzy Abkühlung bei St. Barbara
Arkadius Guzy Die Laserinstallation lässt die Dimensionen der Kammern auf die Besucherinnen und Besucher wirken. Foto: DRS/Guzy
Mit Taschenventilatoren in den Händen drücken sich Menschen in jedes noch so knappe Stückchen Schatten, das das Schachtgebäude mit Förderturm wirft. Es ist weit über 30 Grad heiß. Alle warten bis sie einen Platz im Förderkorb bekommen, um 180 Meter unter die Erde zu fahren.
Dort, in der Tiefe, verspricht das Salzbergwerk Bad Friedrichshall-Kochendorf einen kühlen Ort. Unter Tage herrscht eine Temperatur von etwa 18 Grad. Diese Aussicht auf eine Abkühlung bei sommerlicher Hitze hat auch ein Rentner-Ehepaar aus Bonn dazu gebracht, sich in die Warteschlange einzureihen. Es campt im nahe gelegenen Neckarsulm und hat das über den Vormittag aufgeheizte Wohnmobil für ein angenehm temperiertes Ausflugsziel verlassen, wie es berichtet.
Als das Paar endlich im Förderkorb steht, dauert es nicht einmal eine ganze Minute, bis es in der Tiefe angekommen ist. Kaum ausgestiegen, macht sich der Temperaturunterschied bemerkbar: Die Ehefrau muss dann doch eine dünne Fahrradjacke über das kurzärmlige Oberteil streifen.
Das Besucherbergwerk bietet aber viel mehr als seine klimatischen Bedingungen. Nachdem der Salzabbau in Bad Friedrichshall-Kochendorf nach knapp 100 Jahren im Jahr 1994 geendet hatte, wurden die schachtnahen Abbaukammern zu Ausstellungsräumen umgestaltet.
Allein die Dimensionen dieser Kammern faszinieren: Sie muten wie das Innere von Kathedralen an. Zumindest fände das eine oder andere Kirchenschiff locker darin Platz. Licht- und Laserinstallationen akzentuieren die Raumwirkung. Sie sind effektvoll eingesetzt, indem sie zugleich Dunkelheit und Schatten zulassen.
Der unterirdische Besucherrundgang führt zu mehreren Kammern. Sie erzählen von der Entstehung des Salzes in der Region vor Urzeiten und der Geschichte des Bergbaus mit seiner technischen Entwicklung von körperlich harter Arbeit bis hin zum Einsatz riesiger Hightech-Maschinen.
Die Ausstellung erinnert dazwischen aber auch an die Zeit des Nationalsozialismus, als KZ-Häftlinge im Salzbergwerk eine Rüstungsfabrik anlegen und dort Teile für die Flugzeugindustrie herstellen sollten. Während des Zweiten Weltkriegs lagerten im Bergwerk außerdem Kunstwerke, um sie zu schützen.
Die Besucherinnen und Besucher lernen ebenso die ganz spezielle, religiös geprägte Bergmannstradition kennen. Sie ist der gefährlichen Arbeit fernab des Sonnenlichts entsprungen. Im sogenannten Kristallsaal, einer 150 Meter langen, 10 Meter breiten und 12,5 Meter hohen Kammer, leuchtet der Bergmannsgruß „Glück auf“ über aufgeschichteten Salzkristallen. In einer Wandaushöhlung seht die Figur der heiligen Barbara als Blickfang und Fotomotiv für die Besucherinnen und Besucher. Sie erfahren von der Legende der Heiligen, und warum sie als Schutzpatronin der Bergleute gilt – weil sie sich auf der Flucht in einer Felsspalte versteckte. In der Bergmannstracht finden sich Verweise auf die Heilige: So spielen die Zacken des Schulterkragens auf die Jahre der Gefangenschaft der heiligen Barbara an, ist in einer Vitrine zu lesen.
„Die Pflege der Bergmannskultur und das Gedenken an die heilige Barbara haben auch im modernen Betrieb der Südwestdeutsche Salzwerke AG weiterhin eine hohe Bedeutung. Sie erinnert an die lange Tradition des Bergbaus und stärkt das Gemeinschaftsgefühl unter den Beschäftigten“, schreibt Daniela Pflug auf Nachfrage. Barbara als Schutzpatronin stehe für Sicherheit, Zusammenhalt und Verlässlichkeit.
Wie Bergleute den Barbaratag feiern
„Während der industrielle Betrieb heute technisch geprägt ist, bleibt das Bewusstsein für diese kulturellen Wurzeln ein fester Bestandteil der Unternehmenskultur. Im Besucherbergwerk wird diese Tradition gezielt vermittelt und für Besucher erlebbar gemacht“, erklärt die Pressesprecherin der Südwestdeutschen Salzwerke AG. Das Salzbergwerk in Bad Friedrichshall-Kochendorf gehört zu dem Unternehmen.
Ein Kristallisationspunkt dieser Tradition ist der 4. Dezember, der Gedenktag der Heiligen. So fand zum Beispiel im vergangenen Jahr im aktiven Steinsalzbergwerk Heilbronn eine Andacht unter Tage statt. Am Samstag nach dem Barbaratag gibt es jedes Jahr eine Bergparade durch die Heilbronner Innenstadt.
Aber zurück nach Bad Friedrichshall-Kochendorf 180 Meter unter Tage: Das Besucherbergwerk zählt laut Unternehmen durchschnittlich 50.000 Gäste pro Saison, die von Mai bis Oktober dauert. Besuchereinfahrten sind dabei hauptsächlich nur an Samstagen, Sonn- und Feiertagen möglich.
Besucherandrang steigt an heißen Wochenenden
Einer der zahlreichen Gäste an diesem heißen Sommertag ist ein junger Mann. Er hat es sich auf einer Bank im Kristallsaal nicht weit von der Figur der heiligen Barbara bequem gemacht. Während die anderen Besucherinnen und Besucher mit ihren Mobiltelefonen fotografieren und dann irgendwann zur nächsten Kammer ziehen, bleibt er sitzen. Mit einem Buch in den Händen nutzt er offenbar die Gelegenheit, im Kühlen zu verweilen.
Den jüngsten Erfahrungen nach lässt sich an sehr heißen Wochenenden durchaus ein größerer Besucherandrang verzeichnen, wie Daniela Pflug erklärt: „Viele unserer Gäste schildern unseren Mitarbeitenden oftmals, dass sie sich auf die kühlen Kammern freuen, weil sie die übertägigen Temperaturen unerträglich finden.“ Die Bergwerkssprecherin merkt zugleich an: „Dennoch gibt es auch den umgekehrten Trend, dass wir an regnerischen Tagen sehr gut frequentiert sind.“
Sommerserie
In den Ferien stellen wir in einer Artikelserie kühle Orte und Ausflugsziele vor, an denen es sich bei sommerlich heißen Temperaturen gut verweilen lässt. Zumeist haben diese Plätze auch in irgendeiner Weise etwas mit Kirche, Glaube oder religiöser Tradition zu tun.