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Anschlag auf dem CSD: Seelsorge ist da, wo das Leben zerbricht

Nach dem Anschlag in Berlin sprechen die Referenten für Queersensible Pastoral in der Diözese über Seelsorge und Solidarität in der Kirche.

Stuttgart
Logo Projektstelle Queersensible Pastoral in der Diözese Rottenburg-Stuttgart Projekt: Queersensible Pastoral

Logo: Diözese Rottenburg-Stuttgart/ Projekt Queersensible Pastoral

Am vergangenen Samstag demonstrierten beim Christopher-Street-Day (CSD) in Stuttgart zehntausende Menschen für eine bunte Vielfalt in der Gesellschaft und die unantastbare Würde aller Menschen. Mit dabei waren auch der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), OutInChurch, der Caritasverband sowie die beiden Referenten für Queerpastoral in der Diözese. Heiko Hauger und Marian Antoni sind erschüttert über den Anschlag beim CSD in Berlin. Sie sind mit ihren Gedanken bei den Opfern, den An- und Zugehörigen, Ersthelfer:innen und Einsatzkräften.

Ein Interview mit den Projektreferenten Heiko Hauger und Marian Antoniüber Trauer, Zusammenhalt, Solidarität, Seelsorge und das Potenzial der Kirche als Brückenbauerin in der Gesellschaft:

Wie habt ihr den diesjährigen CSD in Stuttgart erlebt und dann die Nachricht über den Anschlag in Berlin?

Heiko Hauger: Als ich am Samstag nach der CSD-Kundgebung nach Hause gefahren bin, war ich bestärkt und guter Stimmung. Die Offenheit und die friedliche, fröhliche, vielfältige Gesellschaft, gerade in dieser schwierigen Zeit, waren hautnah erlebbar. Zuhause habe ich auf mein Handy gesehen und im ersten Moment hat es mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich war sofort in Gedanken bei den Menschen, die dieser Gewalt ausgesetzt waren. Dann habe ich Kontakt zu Freunden in Berlin aufgenommen, um zu erfahren, ob es ihnen gut geht. Plötzlich war alles ganz nah am eigenen Leben.

Marian Antoni: Ja genau. Gerade hatte ich mich noch über das Miteinander – dieses spürbare Wir-Gefühl gefreut. Ich habe gedacht, vor zehn Jahren wäre so eine große kirchliche Gruppe nicht denkbar gewesen, so viel Freude statt Angst. Und dann ist wenige Stunden später wahr geworden, wovor sich viele in der Community gefürchtet haben; dass es erneut zu einer Eskalation der Gewalt gegen queere Menschen kommt, bei der nun ein Mensch zu Tode kam und Teilnehmende teils schwer verletzt wurden. Die Fallhöhe war furchtbar.

Wie wurde diese Tragödie in der queeren Community, in Stuttgart und in den Kirchen aufgenommen?

Marian Antoni: Viele Menschen haben zuallererst ihre Solidarität, Betroffenheit, Fassungslosigkeit mitunter Wut und Trauer in den sozialen Medien ausgedrückt. Der Anschlag ist in der Wahrnehmung der Community die Spitze des Eisbergs an alltäglichen Gewalterfahrungen queerer Menschen. Einzelne Kirchen haben direkt Gesprächsangebote formuliert und laden dieser Tage zu Gebeten und Andachten ein. Wir selbst waren in Stuttgart vor Ort und für die Community ansprechbar.

Heiko Hauger: Stuttgart hat sich bewusst entschieden, dass der CSD am Sonntag weitergeht, um dem Terror nicht das letzte Wort zu überlassen. Die zunehmende Gewaltbereitschaft ist ja in den letzten Jahren nochmal deutlicher und sichtbarer geworden. Beim jährlichen Gedenken an die an AIDS verstorbenen Menschen auf dem Marktplatz wurde auch bewusst der Opfer der Gewalt in Berlin gedacht, ihrer  An- und Zugehörigen sowie aller Anwesenden bei der Tat. Die Glocken der Stiftskirche läuteten zur Schweigeminute – der Platz verstummte.

Was bietet die Diözese den Menschen in ihrer Angst an?

Heiko Hauger: Die meisten Menschen aus der queeren Community haben unterschiedliche Formen von Gewalt erfahren, viele haben auch Angst. Der Auftrag von Kirche – von Seelsorge – ist es einen geschützten Raum zu bieten, der offen ist für alle Menschen. Dort können sie ihre Ängste, vielleicht auch ihre Wut ausdrücken. Da, wo das Leben zerbricht, ist die christliche Seelsorge da. Auch in Gottesdiensten, zum Beispiel bei den Fürbitten, möchten wir die Gemeinden ermutigen, das Thema der Gewalttat in Berlin präsent zu halten. Es geht darum den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken und das gemeinsame Eintreten für eine offene, demokratische und freie Gesellschaft, die sich nicht durch Hass und Gewalt auseinanderdividieren lässt.

Marian Antoni: Wir möchten uns durch dieses schreckliche Ereignis nicht entmutigen lassen und sehen umso mehr die Wichtigkeit des Erhalts von queeren Projekten und Initiativen auf allen Ebenen. Sicherheit und Gleichheit für queere Menschen sind noch lange nicht realisiert. Im Rahmen des diözesanen Projektes bieten wir beispielsweise ab diesem Herbst eine Qualifikation „Queersensible Seelsorgende“ an, um einen sensiblen und reflektierten Umgang mit queeren Lebensrealitäten zu fördern und weiter zu etablieren. Wir sehen unsere Aufgabe darin, einen Kulturwandel zu begleiten. Dabei sind wir im Gespräch mit queeren Netzwerken und Akteur:innen.

Welche Aufgabe kommt bei solchen furchtbaren Ereignissen den Kirchen zu?

Heiko Hauger: Es ist ein wichtiges Zeichen, gemeinsam aufzutreten und zu zeigen, dass wir zusammenstehen als Gesellschaft und Religionen –  auch interkonfessionell und interreligiös, verbindend, nicht trennend. Am Sonntag waren wir mit der Allianz „Vereint unterm Regenbogen“ auf dem Markt der Möglichkeiten im Rahmen des CSDs in Stuttgart vor Ort mit unterschiedlichen Akteur:innen aus Politik, Selbsthilfegruppen, Vereinen und Beratungsstellen.

Marian Antoni: Wir dürfen der Instrumentalisierung dieser Gewalttat, die durch extremistische Kräfte forciert wird, nicht nachgeben. Die Kirchen haben aus meiner Sicht grundsätzlich ein großes Potenzial Brücken zu bauen, damit solche Ereignisse die Gesellschaft nicht zerreißen. Kirchliche Akteur:innen haben sich auf Social Media gleich nach der Tat solidarisch gezeigt. Auch hier ist bereits ein Wandel im Gange. Es soll sichtbar werden, dass Lieblosigkeit nicht das letzte Wort hat – sondern die Liebe, für die und mit welcher so viele während der CSDs bundesweit auf die Straße gehen.

Heiko Hauger: Die Würde des Menschen ist in Berlin konkret angefochten worden und muss verteidigt werden. Kirche kann diesen Raum öffnen, damit Menschen zusammenfinden, damit die Hoffnung gestärkt wird. Wir lassen uns nicht auseinanderbringen. Vor Gott haben wir alle die gleiche Würde.

Qualifikation Queersensible Seelsorgende startet im Herbst 2026

Die Termine für den Basiskurs stehen jetzt fest. 
Weitere Informationen, Termine und Anmeldemöglichkeiten finden Sie HIER.

Infos zu den beiden daran anknüpfenden Vertiefungskursteile (1. Queere Theologie, 2. Workshoptag zu queersensiblem Pastoralen Handeln) werden in Kürze veröffentlicht.
 

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