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Auch Männer werden Opfer sexualisierter Gewalt

Mit einem speziellen Anlaufpunkt wendet sich die Beratungsstelle „Ruf und Rat“ an von sexualisierter Gewalt betroffene Männer.

Stuttgart

Weihbischof Matthäus Karrer ist gemeinsam mit Gabriele Stark (Leiterin "Ruf und Rat") verantwortlich für das Modellprojekt. Foto: Diözese Rottenburg-Stuttgart

Das Beratungsangebot in der Landeshauptstadt ist Teil eines Modellprojekts der Diözese Rottenburg-Stuttgart (DRS). In dessen Rahmen wurden auch in Horb und Tuttlingen spezielle Beratungsangebote im Bereich der Sexualpädagogik und sexuellen Bildung an Kindergärten und Schulen geschaffen sowie die Kooperation und Vernetzung mit verschiedenen Trägern und Fachstellen initiiert.

„Wir haben vom Diözesanrat den Auftrag erhalten, Beratungskapazitäten auszubauen“, erklärt Weihbischof Matthäus Karrer, warum die DRS die Anlaufstelle als Teil des Modellprojekts konzipiert und finanziert hat. Ausgangspunkt für diese Forderung war die Veröffentlichung der MHG-Studie zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche, die 2018 veröffentlicht wurde. „Der Diözesanrat empfahl als Reaktion darauf, sowohl die Beratung bei erfolgten Übergriffen oder einem Verdacht zu stärken als auch bei der Entwicklung von Schutzkonzepten zu beraten und zu unterstützen“, so der Weihbischof weiter. In der von ihm geleiteten Hauptabteilung „Pastorale Konzeption“ werden die Beratungsangebote koordiniert.

Kein Fußballstadion würde Zahl der Betroffenen fassen

„Men-too“ haben die Fachkräfte bei „Ruf und Rat“ als Titel für das Beratungsangebot gewählt. Dieses, so berichtet Leiterin Gabriele Stark, sei 2020 mit der Erarbeitung eines Konzepts gestartet. Mit Mihaela Macan und Johannes Löhbach stehen mittlerweile qualifizierte psychologische Berater:innen für männliche Opfer sexualisierter Gewalt als Ansprechpersonen zur Verfügung. „Men-too soll deutlich machen, dass auch Männer Opfer sexualisierter Gewalt werden“, sagt Stark. „Wenn alle betroffenen Männer zusammenkämen, könnte kein Fußballstadion in Deutschland diese Menge fassen“, erläutert sie ein Motiv, mit dem „Ruf und Rat“ die Gesellschaft wachrütteln, das Thema enttabuisieren und zugleich eine Versorgungslücke im sozialen Angebot der Stadt Stuttgart und der DRS schließen will.

Lücke im Beratungsangebot wird geschlossen

Dass es den Bedarf einer Beratungsstelle für von sexualisierter Gewalt betroffene Männer gibt, haben die Projektmitarbeiter:innen von „Ruf und Rat“ unter anderem über ihre Kolleg:innen anderer Einrichtungen der Stadt Stuttgart erfahren. „Wir erhielten immer wieder Anfrage von Fachberatungsstellen für Frauen an unser Netzwerk Männerberatung“, berichtet Stark. Wichtig sei jetzt, Betroffene zu ermutigen, sich bei der Kontaktstelle Unterstützung zu suchen und dafür die notwendige öffentliche Sichtbarkeit für das Angebot zu schaffen.

Bislang seien mehr als 20 Männer mit Missbrauchserfahrungen sowie mehrere Angehörige Betroffener, aber auch Täter:innen und so genannte Tatgeneigte zu „Ruf und Rat“ gekommen. „Dass das Angebot bereits wahrgenommen wird, ohne dass wir es publik gemacht haben, zeigt, wie dringend es diese Beratungsstelle bei ‚Ruf und Rat‘ braucht“, sagt Weihbischof Karrer. Das Modellprojekt laufe sowohl in Stuttgart als auch in Horb und Tuttlingen noch bis Herbst und werde dann in ein dauerhaftes Angebot überführt.

Weitere Informationen finden sich online unter www.men-too.de.

Hintergrund:

Rund fünf Millionen Männer haben in Deutschland laut Studien sexualisierte Gewalt in ihrer Kindheit, Jugend oder im Erwachsenenalter erfahren. Sexualisierte Gewalt findet sowohl bei betroffenen Mädchen als auch bei Jungen vor allem in der Kern- und Großfamilie statt.

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