Zum Inhalt springen

Bei Meister Gebhard Fugel abgeschaut

Günter Brutscher dokumentiert auf seiner Homepage Wegzeichen in Oberschwaben und entdeckte dabei den Ideengeber des Kreuzwegs in Molpertshaus.

Molpertshaus
Diözese Rottenburg-Stuttgart / Markus Waggershauser

Günter Brutscher betrachtet die 10. Station des Kreuzwegs in Molpertshaus - Foto: DRS/Waggershauser

Auf das Bildstöckle im Vorgarten seines Hauses ist Günter Brutscher stolz. Im Wohngebiet von Mennisweiler, einem Ortsteil von Bad Waldsee, errichtete er vor einigen Jahren bereits die gemauerte und verputzte Stele "aus Dankbarkeit", wie er sagt. Die kunsthistorisch eher weniger wertvollen Figuren tauscht er dabei gelegentlich aus. Seine wahren Schätze lagern aber in seinem Büro, genauer gesagt in seinem Computer. Dort hat der pensionierte Schulleiter Beschreibungen und Fotos von unzähligen Wegzeichen, Kapellen, Flurkreuzen und Lourdesgrotten in Oberschwaben und im Allgäu zusammengetragen und ins Internet gestellt. Dafür erhielt er im Jahr 2021 einen Preis der Stiftung Wegzeichen-Lebenszeichen-Glaubenszeichen der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

Der Schreibtisch - wie das übrige Mobiliar aus dunklem Holz - ist im separat zugänglichen Keller umgeben von Büchern und Heiligenfiguren, von frommen Gemälden und schlichten Ordnern. Die modernen technischen Geräte mittendrin wirken dagegen wie aus einer anderen Zeit. Günter Brutscher durchscrollt mit seiner PC-Maus die Fotos. Den Gedanken an eine Printausgabe habe er schnell verworfen. "Das Projekt wäre ohne Internet nicht möglich, weil ein Buch eine Abgeschlossenheit hat", erklärt der bald 66-Jährige. Und er erinnert sich an zahlreiche Korrekturen, Ergänzungen und neue Beiträge, die er nach und nach auf seiner Homepage hinzufügt.

Kreuzwegstationen wieder errichtet

Als er die Bilder vom Kreuzweg im nahen Molpertshaus auf seiner Seite findet, hält Günter Brutscher inne. Er nimmt einen postkartengroßen Stapel zur Hand. Die Nachbildungen zeigen den "Kleinen Kreuzweg" von Gebhard Fugel, den der aus Oberschwaben stammende Künstler Anfang des 20. Jahrhunderts in mehreren Kirchen so oder so ähnlich hinterließ. Der Hobbyfotograf greift die zwölfte Station heraus und vergleicht sie mit der in seiner Galerie. "Die Farbgebung und der Pinselstrich sind zwar anders, aber die Ähnlichkeit ist eindeutig", stellt er fest.

Die Fugelschen Motive hat Günter Brutscher auch dabei, als er sich von seiner Pfarrkirche in Molpertshaus auf den Weg zu den realen Kreuzwegstationen macht. Die Ende des 19. Jahrhunderts angeschafften Wegzeichen seien vor 30 Jahren völlig verwittert gewesen, von den Bildmotiven war nur eines zu retten. Auf Initiative des ehemaligen Wolfegger Bürgermeisters Manfred Konnes habe die Dorfgemeinschaft den Kreuzweg von 1991 bis 1997 dann mit neuen Bildtafeln reaktiviert, weiß Brutscher, der seit 2015 dem Molpertshauser Kirchengemeinderat angehört.

Als "Heimatjournalist" unterwegs

Seine Entdeckung, dass sich die Kunstschaffenden Josef Schugg - er starb 1994 nach Anfertigung von vier Tafeln - und Heike Buchmüller beide bei der Bildsprache Gebhard Fugels "bedient" hatten, schildert Günter Brutscher auf seiner Homepage. "Heimatjournalismus" nennt er selbst den Stil seiner Beiträge. "Ich wollte in verständlicher Sprache unsere Geschichte und unsere Eigenheit darstellen", betont der Oberschwabe. Auch wenn bei der optischen Aufmachung der Seite noch Luft nach oben ist, stoßen seine Recherchen auf Interesse. Etwa 60 Userinnen und User besuchen täglich die Homepage, manchmal auch 100.

Kurz vor der Kapelle mit der Lourdesgrotte, zu der der Kreuzweg führt, bleibt Günter Brutscher bei der zehnten Station stehen. Dass diese sich nicht von den anderen unterscheidet, ist den Molpertshausern Gabriel Erb und Adolf Stotz zu verdanken. Ein Blitzeinschlag hatte 1998 die Stele zerstört, nur die Bildtafel blieb einigermaßen verschont. Günter Brutscher nennt die oft stillen Kümmerer gerne beim Namen.

Ich möchte wertschätzen, was Leute bis auf den heutigen Tag an Wegkreuzen, Bildstöcken, Lourdesgrotten und Ölbergen gestalten.

Das sagt er und verweist auch auf den oft liebevollen Blumenschmuck.

Projekt ohne Ende

Bildstöcke, Ölbergdarstellungen und Arma-Christi-Kreuze mit den Marterwerkzeugen, das kennt Günter Brutscher schon aus seinem Heimatdorf Amtzell. "Die Lourdesgrotte im Greuter Wald war für uns Kinder ein Kletterparadies", gibt er zu, obwohl das natürlich verboten war. Mit seiner eigenen Familie ließ sich der Pädagoge, der zunächst die Dekanatsgeschäftsstelle in Ravensburg und dann das Gymnasium am Bischof-Sproll-Bildungszentrum in Biberach leitete, später in Mennisweiler nieder. Da es in keiner anderen Region diese Intensität an Bildstöckle und Wegkreuzen gebe, sei für ihn nach einer Kirchengemeinderatsklausur klar gewesen: "Das nehme ich mir als Projekt für den Ruhestand vor."

Als seine Schule ihren Gründungs-Rektor im Sommer 2020 verabschiedete, war der Grundstock des Internetauftritts bereits gelegt. Inzwischen sind unzählige Wegzeichen, Kapellen und kleinere Kirchen dazugekommen. 15 bis 20 Stunden pro Woche arbeitet Günter Brutscher im Durchschnitt an seinem Projekt. Viele Orte sucht er mit Fahrrad und Kamera auf. Ein Ende ist nicht in Sicht. Auch nicht bei seinen Ideen. Die Kirchen- und Kapellenführer erstellt er digital als Mindmap. Ausgedruckt und foliert ließen sich diese vor Ort auslegen. Seinen eigenen Bildstock vor dem Haus habe er bereits als Prototyp vermessen. "Ich möchte das dann als Anregung zum selber Bauen weitergeben", verrät der Pensionär und hofft, dass seine Leidenschaft auch andere inspiriert.

Mehr zum Autor

Aktuelles

zum Thema

Lothar Schubert neu im Vorstand der Bischof-Moser-Stiftung

Rottenburg

Lothar Schubert gehört seit dem Sommer dem Vorstand der Bischof-Moser-Stiftung an. Diese fördert die pastoralen Dienste innerhalb der Diözese.

Viele Schwalben machen einen Sommer

Stuttgart

Aus einer weihnachtlichen Geste des Wohnungslosen namens Schwalbe ist mit der neu gegründeten "Schwalbennest Stiftung" ein Sommertraum geworden.

Aktuelles

aus der Region

Gregor Moser

Bürgermeister bei Pilgertag in Oberschwaben

Weingarten

Rund 40 Bürgermeisterinnen und Bürgermeister nutzen Angebot der Diözese für Auszeit mit geistlichen Impulsen, Gesprächen und Zeit zur Besinnung.

Blutreitergruppe Meckenbeuren

In Treue zum Weingartener Blutritt

Meckenbeuren

Wie andere in den letzten Jahren feiert die Blutreitergruppe Meckenbeuren 2026 ihre Gründung vor 100 Jahren mit Gottesdienst und Reiterprozession.

Aktuelles

aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Franziska Deubel

Diese Orgel schwebt von A nach B

Wer am Tag des Offenen Denkmals am 13. September etwas Besonderes sehen möchte, für den kommt vielleicht die schwebende Orgel in Alpirsbach in Frage.

Bild: picture alliance SZ Photo Alessandra Schellnegger

Christliche Kirchen gratulieren zum jüdischen Neujahrsfest

Rottenburg am Neckar

Bischöfe und Bischöfin aus Baden-Württemberg übermitteln ihre gemeinsamen Glück- und Segenswünsche und äußern ihre Hoffnung auf Frieden und Freiheit.

Christian Turrey

War der 11. September vorhergesagt?

Ein New Yorker Künstler gestaltet in den 90er Jahren einstürzende Brücken und fallende Twin Towers aus Stein. Eine Prophezeiung für den Anschlag 2001?

Matthias Zahner

Beeindruckende Wegmarken des Glaubens

Rottenburg am Neckar

Der emeritierte Bischof Dr. Fürst und Weihbischof Dr. Schneider segnen den nun vollständig restaurierten Prozessionsweg im Weggental in Rottenburg.

Angelika Sönnichsen

Frieden wächst, wo Menschen einander begegnen

Rottenburg

Bischof Dr. Klaus Krämer besucht Friedens-, Bildungs- und Klimaprojekte in Burundi. In Nyanza Lac eröffnet ein Zentrum für Frieden und Versöhnung.