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Bischof Dr.Gebhard Fürst zu Bestattungsbruderschaften 2011

Stuttgart, Haus Stella Maris

Tradition der Bestattungsbruderschaften wieder entdecken

Verstorbene zu bestatten bedeutet, ihre Würde auch über den Tod hinaus zu achten und die Verbundenheit mit ihnen nicht aufzukündigen. Tote zu bestatten ist das siebte der so genannten leiblichen Werke der Barmherzigkeit, die zum Kernbestand des christlichen Ethos gehören. Diese Solidarität unterscheidet nicht zwischen Nahen und Fremden. Die Sorge um eine würdige Bestattung mittelloser Menschen oder Fremder ohne Angehörige gehörte immer schon zu den Kennzeichen einer christlichen Gemeinde. Das unterschied sie bereits in der Zeit der frühen Kirche auf signifikante Weise von ihrer nicht christlichen Umwelt. Und das ist bis heute ein Unterscheidungsmerkmal des christlichen Menschenbilds in einer weithin säkularen Gesellschaft.

Ein Dokument der alten Kirche sagt über die Aufgabe des Diakons:

Wenn ein Diakon in einer Stadt tätig ist, die am Meer liegt, soll er sorgsam das Ufer absuchen, ob nicht die Leiche eines Schiffbrüchigen angeschwemmt ist. Er soll sie bekleiden und bestatten. In der Unterkunft der Fremden soll er sich erkundigen, ob es dort nicht Kranke, Arme und Verstorbene gibt, und er wird es der Gemeinde mitteilen, dass sie für jeden tut, was notwendig ist.

Was hier über das Amt des Diakons stellvertretend ausgesagt wird, gilt für eine Kirche und Gemeinde insgesamt, die unter dem Anspruch steht, diakonisch und darum überzeugend und missionarisch zu sein.

Die toten Schiffbrüchigen und die Verstorbenen in den Fremdenherbergen der Antike stehen symbolisch für verstorbene mittellose Menschen auch in unserer Gesellschaft, deren Angehörige sich kein angemessenes Begräbnis leisten können; für Wohnungslose oder nach bürgerlichen Maßstäben Gescheiterte; für Vereinsamte, um die niemand trauert und deren Bestattung niemand ein Anliegen ist. Auch ihre Würde muss über den Tod hinaus gewahrt werden. Gerade Menschen, denen die Verbundenheit ihrer Mitmenschen im Leben vielleicht versagt blieb, sollen so im Tod und über die Todesgrenze hinaus die Solidarität der Kirche erfahren. Oder gehören sie einfach zu den Überresten der Gesellschaft, die in industriell organisierten Kremierungen entsorgt werden wie so viele andere Überreste dieser Gesellschaft? Bleiben ihre Namen im Gedächtnis der Lebenden präsent - und mit ihren Namen auch ihre Hoffnungen und ihr Glück, ihre Schicksale und ihre Not? Oder versinken sie in Namenlosigkeit und Vergessen? Wie wir mit den Toten umgehen, sagt viel aus über unseren Umgang miteinander als Lebende.

Die jüdische und christliche Tradition des Mittelalters und späterer Zeiten kennt die Bestattungsbruderschaften. Diese sorgten dafür, dass Verstorbene in würdiger Weise aufgebahrt und begraben wurden – Arme wie Reiche, denn vor dem Tod sind alle gleich. Sie waren auch Gebetsbruderschaften, die ihre Fürbitten für die Toten vor Gott brachten.

Die Formen ändern sich, das Anliegen bleibt aktuell – heute mehr denn je zuvor. Ich rege deshalb an, dass sich auch heute in den Gemeinden wieder Initiativen und Gruppen ehrenamtlich tätiger Menschen bilden, die sich über den Tod hinaus mitmenschlich verbunden sehen mit denen, derer sonst niemand gedenkt - getragen vom Gedanken der unzerstörbaren Menschenwürde und der christlichen Auferstehungshoffnung. Ich sehe ihre Aufgabe darin,

  • unmittelbar Betroffene und Angehörige zu beraten, wenn es darum geht, die letzten Dinge zu regeln;
  • Kontakt mit Kirchengemeinden und kommunalen Behörden aufzunehmen, um Verstorbenen wenigstens im Tod ihren Platz in der Gemeinschaft der Lebenden wiederzugeben;
  • eine Erdbestattung mit einer kirchlichen Begräbnisfeier zu ermöglichen und die dafür erforderlichen Mittel einzuwerben;
  • stellvertretend für die Gemeinde an der Beisetzung teilzunehmen, insbesondere, wenn keine Angehörigen vorhanden oder erreichbar sind;
  • Gräberfelder mit personalisierten Gräbern zu gestalten und Menschen, deren Namen sonst vergessen würden, der Anonymität zu entreißen;
  • und nicht zuletzt: das Gedächtnis der Toten in den Gottesdiensten und Gebetstraditionen der Kirche vor Gott zu bringen.


Bischof Dr. Gebhard Fürst

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