Wenn Männer mit dem patriarchalischen Bild von Gott ein Problem haben, dann doch Frauen noch mehr, oder Frau Schmidt?
Wir reden von Gott immer in männlicher Form und auch Frauen haben ein eher männlich geprägtes Gottesbild. Das macht es uns schwer, eine Identifikation zu finden und führt dazu, dass wir eine gendersensible Sprache fordern. Dazu kommt, dass wir eine eher verkopfte Tradition von Liturgie haben. Wir erleben deshalb eine wachsende Zahl von Frauen, die sich auch nicht im traditionellen Gottesdienst finden. Die Frauenkirchen des KDFB sind deshalb attraktiv, weil wir dort ganzheitliche Erfahrungen machen, thematisch und mit starken biblischen Frauenfiguren, mit einer passenden musikalischen Gestaltung. Aus solchen Gottesdiensten gehen Frauen gestärkt heraus. Das brauchen sie auch, weil sie neben ihrem Job oft in vielen anderen Rollen leben, große Belastungen erleben. Dann ist Glaube eine Quelle der Stärkung, um die eigenen Kräfte aufzutanken, Orientierung zu bekommen und Ruhe zu finden – nicht nur, aber auch in Krisen.
Wie empfinden viele Frauen den klassischen Gottesdienst, Frau Schmidt?
Frauen fühlen sich in der Kirche oft unterrepräsentiert und finden es schwierig, anzudocken. Sie möchten gleichberechtigt sein und verlieren langsam die Geduld. Dass die Kirche uns Frauen noch immer als nicht eucharistiefähig und somit als spirituell unvollständig erklärt ist unerträglich. Wir Frauen werden von sakramentalen Vollzügen ausgeschlossen und bleiben daher immer abhängig. Das ist eine Kränkung, die tief geht. Wir erleben noch immer Gottesdienste, wo nur Männer um den Altar stehen. Was wir Frauen brauchen, finden wir in Frauenräumen, wo wir uns nicht minderwertig fühlen müssen. Diese Gedanken sind auch verwoben mit der Frage nach der Zukunft der Kirche.
Also ist das ganz ähnlich, wie bei den Männern, Herr Kindler?
Ich denke schon, dass auch Männer eine gewisse Heimatlosigkeit in der Kirche erleben, wenn sie nicht geweiht sind. Die Trennlinie erfolgt nicht zwischen Mann und Frau, sondern zwischen geweiht und nicht geweiht. Männer suchen nach Tankstellen, damit ihre Rolle als Mann funktioniert, und kommen oft hungriger aus dem Gottesdienst heraus, als sie gekommen sind. Der Dialog und die Kommunikation fehlen. Und dann wenden sie sich ab von einer Kirche, in der im Altarraum Männer in Gewändern stehen. Im schlimmsten Fall ist das der Grund für die Begeisterung für Trump oder Putin oder auch für den AfD-Zulauf: Die locken mit Angeboten für Männer. Das können wir besser.
Männer zeigen sich in Anwesenheit von Frauen anders.
Christian Kindler
Wo finden Männer spirituelle Alternativen?
Es gibt keine traditionellen Laienmännerverbände. Und das Problem ist, dass Männer oft das Gefühl haben, Männer, die in Männergruppen sind, sind bedürftig. Frauen in Frauengruppen werden als emanzipiert und stark wahrgenommen. Männer haben oftmals nicht einmal einen besten Freund, mit dem sie reden. Frauen können das viel besser. Bei Männern muss deshalb der Rahmen stimmen. Das ermöglich die Männertage. Die Kirche versucht jetzt auch Räume zu finden wie zum Beispiel die Gotteswerkstatt oder die Atelierkirche. Da können Männer an Gott „herumwerkeln“ Aber Gott vielleicht auch an den Männern.
Weibliche Gottesbilder zu stärken ist heilsam für alle: Frauen und Männer!
Claudia Schmidt
Wie sieht der Gott aus, an den Sie glauben, Frau Schmidt?
Spiritualität beginnt in der eigenen Bedürftigkeit und Verletzlichkeit. Ich glaube nicht an Gott als einen starken Mann, sondern an Jesus Christus, der zeigt, dass sich Gott in der Schwäche erweist. Wenn Frauen in ihrer ureigenen Suche und Sehnsucht zusammenkommen und sich darin unterstützen, entfalten sie eine große Kraft und sind unschlagbar.
Wie sieht Ihr Gott aus, Herr Kindler?
Ich glaube an Jesus Christus mit allen seinen Gefühlen, mit seiner Angst, Wut, Freude, Stärke und Schwäche, nicht an den starken Mann. Ich glaube an den integrierten Mann. An den Mann, der wie Jesus Christus durch den Schmerz geht und nicht nur die Lichtseite, sondern auch die Schattenseite erlebt. Dieses veraltete Bild vom immer starken und auch toxischen Mann zu überwinden ist das Ziel der Männerarbeit.