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„Das Wichtigste ist, dass wir gute Begegnungen haben“

Beim Format „Lassgutseinwerden“ geht es dem Projektteam darum, unterschiedliche Menschen zusammenzubringen und eine spirituelle Erfahrung zu bieten.

Tübingen

Der diözesane Entwicklungsprozess „Kirche der Zukunft“ nimmt immer weiter Fahrt auf. Die katholischen Kirchengemeinden in Tübingen erproben in diesem Kontext ein innovatives Veranstaltungsformat. Ulrich Skobowsky, leitender Pfarrer in Tübingen, und  „Ehrenamtler“ Tobias Heisig erläutern im Interview unter anderem, was genau geplant ist.

Herr Pfarrer Skobowsky, welche Reaktionen beobachten Sie bisher in Tübingen zum Prozess ‘Kirche der Zukunft’? 

Zunächst einmal die grundsätzliche Akzeptanz, dass Veränderung notwendig ist. Gleichzeitig aber auch Fragezeichen. Wer sich informieren möchte, findet zwar viele Informationen im Netz, aber das Ganze wirkt noch ziemlich abstrakt. Und dazu ist der Zeitplan sehr sportlich, obwohl viele Themen noch gar nicht geklärt sind.

Aber werden nicht auch Sorgen geäußert?

Natürlich gibt es die. Menschen in den Gottesdiensten fragen zum Beispiel: ‚Was geschieht mit meiner Gemeinde?‘, ‚Werde ich auch in Zukunft dort noch meinen Ort haben?‘, Haupt- und Ehrenamtliche beschäftigt die Frage: ‚Wie sollen wir mit immer weniger Ressourcen das alles stemmen?‘ Und von vielen Seiten höre ich den Einwand, dass es doch nur eine Verwaltungsreform sei, die den weiteren Rückzug der Kirche bedeutet. Ich selbst bin da klar: Was werden wird, hängt stark von uns vor Ort, ab. Ich bin dankbar, dass es viele Menschen gibt, die sich für eine lebendige Kirche in ihrem jeweiligen Bereich engagieren. 

Herr Heisig, Sie sind einer von diesen vielen Menschen. Im Unterschied zu Pfarrer Skobowsky haben Sie kein ‚Amt‘. Sie sagen immer ‚Ehrenamtlicher ohne Amt‘. Was meinen Sie damit?

Beruflich bin ich sehr engagiert und fast immer auf Reisen. Ämter erfordern in der Regel die Teilnahme an festen Terminen vor Ort. Das kann und will ich nicht leisten. Bei unseren Projekten geht in der Vorbereitung sehr viel online und abends. Die Referentin für Ehrenamtsentwicklung, Karin Gustedt, unterstützt zusätzlich auf sehr wertvolle Weise. Deshalb verpflichte ich mich gerne für einen bestimmten Zeitraum. Danach bin ich wieder frei. 

Und was motiviert Sie dazu, sich einzubringen?

Zunächst unser Team: Es helfen ja tolle Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlichster Profession mit. Und dann die gesellschaftliche Situation. Ich befürchte, dass sich die Spaltungs- und Ausgrenzungstendenzen eher noch verstärken werden. Und schließlich die Veränderungen in der Kirche. Angesichts dieser Bedingungen ist es wichtig, dass wir als Kirche zusammenkommen. Wir müssen uns treffen. Wir im Projektteam finden es wichtig, ganz unterschiedliche Menschen zusammenzubringen, was Herkunft, Anschauung, Alter, Lebensstil und so weiter betrifft. Ganz wichtig: Keiner muss sich dabei verändern.

Und was wollen Sie da konkret tun?

Wir probieren Dinge aus: Veranstaltungsformate, zu denen wir alle einladen. Wirklich alle. Je unterschiedlicher, umso besser. Unsere Idee ist dabei keine politische oder kirchenkritische Debatte, sondern eine spirituelle Erfahrung.

Wie läuft das ab?

Wir nennen das ‚Spiritueller Nachmittag‘. In einer modernen Kirche kommen wir zusammen. Wir nehmen klösterliche Spiritualität auf. Wir nehmen biblische Traditionen auf. Ebenso theologische Impulse. Und gute Musik: Modern, zum Schwofen, aber auch fromm. Es geht uns um Gastfreundschaft. Gott lädt uns ein – wir laden uns ein. Und natürlich feiern wir Gottesdienst.

Das Motto Ihrer aktuellen Veranstaltung ‚Lassgutseinwerden‘ klingt ja etwas schräg. Finden Sie nicht auch?

Ja, das darf es auch. Wir müssen Dinge ‚gut sein lassen‘ – uns von Vielem verabschieden. Wir müssen aber auch das Gute, das schon da ist, erkennen. Und wir dürfen hoffen, dass Vieles noch gut werden wird. ‚Lass gut sein‘ und ‚Lass gut werden‘ richtet sich also an Gott, vielleicht als eine Art Stoßgebet, aber auch an uns, als Akteurinnen und Akteure.

Herr Pfarrer Skobowsky, Sie fördern das ja aktiv. Welche Wirkung erwarten Sie von solchen Initiativen? 

Wir werden gemeinsam viel lernen. Zum Beispiel wie wir solche Angebote weiterentwickeln können. Wie wir Haupt- und Ehrenamtliche noch besser zusammenarbeiten können. Wie wir spirituelle Räume schaffen, in denen Menschen ihre unterschiedlichen Begabungen einbringen und entfalten können. Das Wichtigste ist aber, dass wir gute Begegnungen haben. Es geht dabei nicht so sehr um messbare Kennzahlen, also um die Frage, wie viele kommen werden. Es geht uns um die Qualität neuer Erfahrungen. ‚Das Geheimnis der Liebe und Freundschaft wagen‘ wie Hannah Arendt das genannt hat, genau das wollen wir, und zwar als spirituelle Erfahrung. Das ist es, was es jetzt braucht. Mehr denn je.

Zur Person

Ulrich Skobowsky, 1968 als zweites von vier Geschwistern in Wiesensteig geboren, wuchs im Schorndorfer Raum auf. Die Abitur-Leistungskurse Französisch und Musik spiegelten seine Freude an Sprache und Musizieren wider (Hauptinstrument Bratsche). Stationen seiner Ausbildung waren im Anschluss das Studium in Tübingen und Lyon und die Gemeindearbeit in Stuttgart-Vaihingen und Giengen an der Brenz. Als Repetent am Wilhelmsstift und als Jugendpfarrer in den Dekanaten Biberach und Saulgau sammelt er weitere wertvolle Erfahrungen für seinen späteren Dienst. Nach zehn Jahren als Pfarrer und Dekan in Bad Mergentheim ist er seit 2020 Leitender Pfarrer der Katholischen Kirche Tübingen. In den Priester-Reformgruppen "Arbeitsgemeinschaft Rottenburg" (AGR) und "Pfarrer-Initiative Deutschland" engagiert er sich seit Jahren für eine glaubwürdige Kirche, die das "Kehrt um / Denkt um!" Jesu ernst nimmt - auch im Blick auf die eigenen Entwicklungen und Strukturen

Dr. Tobias Heisig wuchs in der Dessauerhausgemeinde Frankfurt auf, einer Personalgemeinde, die sich seit 1972 als katholische Gemeinde selbst organisiert. Zum Studium der Theologie und Psychologie kam er nach Tübingen, von wo aus er seit 1996 in der Managementberatung tätig ist. In die Kirche bringt er sich projektbezogen und als Autor ein (z.B. 33 Mutausbrüche für mehr Glaube im Alltag, Vier-Türme). Sein Thema: Basiskirchliche Begegnungen experimentell gestalten und fördern.

Das Angebot

Der spirituelle Nachmittag „Lassgutseinwerden“ findet statt am Samstag, 7. März, in der Zeit zwischen 15 und 19:30 Uhr in der Kirche St. Petrus in Tübingen-Lustnau. Das Angebot richtet sich an alle Interessierten. Auf dem Programm stehen Musik und Gesang, Impulse und Kreativarbeit, ein Gottesdienst, Essen und Trinken, eine Segnung sowie Gruppen für Begegnung und Austausch. Um Anmeldung und um einen Hinweis für den Fall, dass eine Kinderbetreuung erwünscht ist, wird gebeten an die E-Mailadresse: lasstgutseinwerden@katholisch-tue.de
Weitere Informationen gibt es hier.  

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