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Dem Leben mehr Horizont geben

Die ruhigeren Sommerwochen laden besonders ein, den Blick zu weiten und nachzudenken, was wirklich zählt. Ein Besuch auf dem „Lebens-Horizont-Weg“.

Mundingen

„Enger und weiter Horizont" heißt eine Station auf dem „Lebens-Horizont-Weg“. Der Erlebnispfad auf der Ehinger Alb ist eine Einladung, über wichtige Fragen des Lebens nachzudenken. Foto: drs/Jerabek

Silberne Stäbe ragen schräg aus dem Boden, bedrohlich neigen sie sich über den Besucher, der unter ihnen hindurchgehen will. Wie Gitterstäbe eines Gefängnisfensters wirken die Schatten, die sie werfen. Der Himmel hat geschlossen. Wer das Durchschreiten wagt, ist verblüfft: Der Weg wird schmaler, aber der Blick weiter. Die silbernen Stäbe scheinen sich aufzurichten, „verbiegen“ sich gar nach außen, geben den Himmel frei. „Enger und weiter Horizont" heißt die Installation, die für dieses Aha-Erlebnis verantwortlich ist. Willkommen auf dem „Lebens-Horizont-Weg“!

Es ist ein Erlebnispfad der besonderen Art, den der Tübinger Künstler Martin Burchard in der Nähe von Mundingen, einem kleinen Teilort oberhalb der Großen Kreisstadt Ehingen geschaffen hat. Als „Mischung aus Besinnungsweg und Kunstpfad“ versteht Burchard den etwa vier Kilometer langen Weg, der sechs künstlerisch gestaltete Stationen miteinander verbindet. Jede von ihnen will Besucherinnen und Besucher dazu anregen, „über zentrale Fragen des Lebens nachzudenken“.

Die lange und die kurze Bank

Da steht zum Beispiel die „lange Bank“, die jede und jeder als Redewendung kennt und wahrscheinlich aus der mittelalterlichen Rechtspflege stammt, als es anstelle von Aktenschränken noch lange Truhen oder Bänke zur Ablage gab. Hier, ganz real aus Eichenholz gezimmert, misst die lange Bank 40 Meter. Die einen kennen sie, weil sie, wie es der Volksmund verlangt, nichts auf selbige schieben; die anderen sehen mit ihrem inneren Auge die noch nicht erledigte Steuererklärung auf ihr liegen, oder den Gartenzaun, der nach Farbe lechzt, den ewig verschobenen Brief oder Anruf bei der alten Freundin.

Die Installation „Lange und kurze Bank“ will sagen, dass es im Leben darum geht, „eine Balance in den Schwüngen des Alltags zwischen Aktivität und Erholung“ zu finden; es geht um achtsames Entscheiden, was gerade ansteht. Auf jeden Fall ist diese lange Bank eine Einladung, Platz zu nehmen, „bewusst in die weite Aussicht zu schauen und Distanz zum Alltag zu gewinnen“. Die Texttafel, die der Künstler jedem seiner Kunstwerke zur Seite gestellt hat, hält auch einen Bibelspruch bereit: Achte auf den Sabbat: Halte ihn heilig, wie es dir der Herr, dein Gott, zur Pflicht gemacht hat. Sechs Tage darfst du schaffen und jede Arbeit tun. Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht. (Mose 5, 12-14)

Frieden finden

Sitzgelegenheiten stehen auch im Mittelpunkt einer weiteren Station: Je 30 Stühle befinden sich auf zwei kreisrunden Schotterflächen, die gegensätzliche Zustände im menschlichen Zusammenleben ausdrücken sollen: Frieden und Unfrieden. „Auf der Seite des Unfriedens stehen die Stühle kreuz und quer, ohne Bezug zueinander. Wenn man auf ihnen sitzt, kann man kaum jemand anderem in die Augen schauen. Ein Gefühl von harmonischer Gemeinschaft kann nicht entstehen“, heißt es auf der Infotafel.

Auf der Seite des Friedens bilden die Stühle einen großen Kreis, das Symbol der Vollkommenheit und des Ganzen. „Hier können sich alle Menschen in die Augen schauen und miteinander in Kontakt kommen. Jeder gehört dazu. Man kann Ruhe finden und erleben, dass Frieden ein kostbares Gut ist. Wie ein Kreis kein Ende hat, so möge Frieden für immer entstehen“, schreibt dazu der Künstler. Und dazu die Bibelstelle aus dem 6. Kapitel des Lukasevangeliums: Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden. Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden. Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden.

Wer dem Lebens-Horizont-Weg weiter folgt, trifft auch auf ein Segenskreuz, das an das Auf und Ab im Leben, den „Wechsel zwischen Freude und Leid, Gesundheit und Krankheit, Erfolg und Verlust“ erinnert – und besonders daran, dass das Leid am Kreuz nicht das Ende war, sondern dass mit dem Geschenk der Auferstehung ein neues Aufrichten möglich wurde. Aus einem dunklen Metallkreuz, das auf steinigem Untergrund liegt, erhebt sich „die Figur des Segnenden“, wie es auf der Tafel heißt, die „die Kraft der Auferstehung in Ihren Alltag hineinwirken lassen“ möchte. Außerdem geht es um „Standpunkte im Leben“ – hier wieder ganz wörtlich verstanden – und um das Thema Dankbarkeit, zu dem drei bunte „Gebetsmühlen“ vielfältige Anregungen geben, getreu Psalm 103,2: Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Hoffnung auf das ewige Leben

Wer auf dem Rückweg nochmals an den silbernen Aluminium-Stäben vorbeikommt, erlebt die Horizont-Installation von der anderen, der „himmelsoffenen“ Seite. Wie Flügel gruppieren sich die sechs Meter hohen Stäbe dann um die Person, die vor sie tritt. Passend dazu die Bibelstelle: Sammelt euch nicht Schätze hier auf der Erde, wo Motte und Wurm sie zerstören und wo Diebe einbrechen und sie stehlen, sondern sammelt euch Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Wurm sie zerstören und keine Diebe einbrechen und sie stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. (Matthäus 6,19-21)

Es ist wohl Zufall, dass der Wanderparkplatz, an dem Besucherinnen und Besucher des „Lebens-Horizont-Wegs“ ihr Auto abstellen können, „Landgericht“ heißt. Der Name der Hochfläche zwischen Lautertal und Schmichtal leitet sich von einer Gerichtsstätte ab, die sich um 1200 südöstlich von Mundingen befunden haben soll. Doch der Gedanke, dass jeder Mensch Rechenschaft ablegen muss, wenn der irdische Lebensweg einmal zu Ende geht, passt am Ende eines Besinnungspfades. Denn am Horizont dieses Weges leuchtet die Hoffnung auf das ewige Leben.

INFO

Der Lebens-Horizont-Weg liegt an der L 231 bei Mundingen auf der Ehinger Alb. Von Süden kommend (Lauterach/Untermarchtal) findet sich auf der rechten Seite der Wanderparkplatz „Landgericht".
Von Mundingen kommend gibt das Hinweisschild „Alte Säge" einen Anhaltspunkt auf den Parkplatz im Wald.

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