Am 23. Januar 1945 wurde Eugen Bolz in Berlin-Plötzensee hingerichtet. Schon früh warnte der Rottenburger vor dem Nationalsozialismus als Gefahr für die Demokratie. Seine vom Glauben und von der Katholischen Soziallehre geprägte Politik brachte ihn 1933 in tödlichen Konflikt mit dem Naziregime. Zur Erinnerung an seine klare Haltung steht das Demokratie-Mobil an seinem Gedenktag in Rottenburg.
Demokrat und Christ
Als Tomas Hejda, der Glockensachverständige der tschechischen Diözese, bei den Fürbitten die Glocke erstmals anschlug und klingen ließ, empfanden Mitfeiernde eine große Freude, wie sie nachher erzählten. In Grötzingen habe der Klang noch den Beigeschmack des Wehmuts über die verlorene Heimat und der Trauer über das geschehene Unrecht getragen, sagte Bischof Fürst in seiner Predigt. Er wünsche sich, dass die Glocke nun zu einem Symbol der Aussöhnung und des Friedens in Europa werde. "Bleiben wir durch das Geläut der Glocken einander verbunden", schloss er seine Gedanken.
Ruhe, Frieden und Versöhnung zwischen den Völkern
Hans Schnieders, Leiter des Projekts "Friedensglocken für Europa", und Roman Schmid, beide Kollegen Hejdas in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, hatten die 350 Kilogramm schwere Glocke nach Píšť gefahren. Im dortigen Kirchturm hängt seit dem Jahr 2000 bereits ein neues dreistimmiges Geläut. Wo die historische Glocke ihren Ehrenplatz bekommen soll, ist noch nicht abschließend geklärt. Dabei sei die Glocke selbst gar nicht so wichtig, erklärte Bischof David am Ende des Gottesdienstes. Vielmehr gehe es um das Symbol, für das sie stehe: Ruhe, Frieden und Versöhnung zwischen den Völkern. "Darum müssen wir uns bemühen", betonte er.
Dass im Rahmen des Projekts die erste Glocke gerade nach Píšť zurückgekehrt ist, verdankt die Gemeinde Karl Boczek, der seit einigen Jahrzehnten mit seiner Frau am Bodensee lebt. Oder eigentlich dessen Vater Josef, der ihm 2015 von zwei in Württemberg aufgefundenen Glocken aus seinem Heimatort erzählte. Karl wollte ihn zunächst von der Idee abbringen. Denn wie sollte man einer Kirchengemeinde beibringen, dass man ihre Glocke zurückhaben möchte. Heute ist er froh, dass sein Vater, der im Januar verstarb, nicht lockerließ.
Über Rückgabe oder Verbleib abstimmen
Durch seine feinfühlige Art schaffte es Karl Boczek immer wieder den richtigen Ton zu treffen. Er vermittelte geduldig zwischen seiner Heimat im Hultschiner Ländchen und den deutschen Kirchengemeinden. "Heute ist der Tag der Krönung unserer jahrelangen Bemühungen", freut er sich nach der Rückkehr der Glocke. Die zweite aufgefundene Glocke hängt im Kirchturm der katholischen Kirche in Sulz am Neckar und wird dort als Dauerleihgabe bleiben. Vor drei Wochen besuchte eine Delegation aus der Diözese Ostrau-Troppau mit Bischof David neben Grötzingen auch Sulz, um die Partnerschaft mit einer Gedenktafel zu besiegeln.
Auslöser für das Projekt "Friedensglocken für Europa" war die Rückgabe einer Glocke aus dem Rottenburger Dom an deren polnischen Ursprungsort. Die hohe Emotionalität und Dankbarkeit beeindruckte Bischof Fürst. 67 Glocken aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten landeten nach dem Zweiten Weltkrieg über den Glockenlagerplatz in Hamburg in Württemberg. Im Moment befinden sich noch 53 davon in den Kirchtürmen. Wenn sich die tschechischen oder polnischen sowie die deutschen Kirchengemeinden auf eine Rückgabe verständigen, übernimmt die Diözese Rottenburg-Stuttgart die Kosten für das Gießen neuer Glocken. So erhielt auch Grötzingen ein neues Geläut.
Erst der Anfang
Die Glockenrückgabe nach Píšť sowie die Vereinbarung mit Sulz ist also erst der Beginn. "Mit der Zeit soll ein Netzwerk von Diözesen und Kirchengemeinden in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, in Polen und hier mit der Diözese Ostrau-Troppau entstehen, die durch die Friedensglocken miteinander verbunden sind", betonte Bischof Fürst im Rahmen einer Pressekonferenz. Mit der schwäbischen Delegation fuhr auch Theo Keplinger nach Třebom/Thröm, wenige Kilometer von Píšť entfernt. Im dortigen Kirchturm hängt noch das Joch, die Aufhängevorrichtung der Glocke aus dem Jahr 1511, die in Keplingers Kirchengemeinde St. Petrus in Tübingen-Lustnau läutet.
Peter Stanke lebt in dem von der polnischen Grenze umgebenen Dorf mit 70 Häusern. Er erzählte vom aktiven Leben der kleinen Gemeinde. Stanke und Keplinger verstanden sich auf Anhieb. Bis vor kurzem wussten beide nicht, dass ihre Wohnorte eine Glocke verbindet. Beide werden nun in ihren Kirchengemeinden das Gespräch suchen. Ob andere deutsche Diözesen oder evangelische Landeskirchen einen ähnlichen Austausch anstoßen, bleibt abzuwarten. Bischof Fürst ist jedenfalls davon überzeugt: "Es wird ein Signal von diesem Projekt ausgehen."