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Der Maler mit dem Ohr an der Gemeinde

Vor zehn Jahren starb der Kunst- und Glasmaler Hermann Geyer. In seiner Kirchengemeinde St. Georg, der er verbunden war, ist sein Werk präsent.

Ulm (Donau)
Günter-Klaus Drollinger steht vor einem Gemälde von Hermann Geyer.

Günter-Klaus Drollinger, seit mehr als fünf Jahrzehnten in St. Georg in Ulm engagiert, freut sich, dass die Kirchengemeinde mit mehreren Gemälden im Foyer des Gemeindehauses dem Künstler und Gemeindemitglied Hermann Geyer (1934-2016) ein ehrendes Andenken bewahrt. Hier „Am See Tiberias. Wahl der Apostel" aus dem Jahr 1961. Foto: drs/Jerabek

Fragend, neugierig und vertrauensvoll blicken die Jünger auf Jesus, ihren Herrn. Er hat sie nach durchgebeteter Nacht auf dem Berg zusammengerufen, um ihnen Wichtiges mitzuteilen: Zwölf von ihnen sollen seine Apostel sein. Was der Evangelist Lukas im 6. Kapitel kurz und knapp schildert, hat Hermann Geyer fast lebensgroß künstlerisch in Szene gesetzt: „Am See Tiberias. Wahl der Apostel.“ Welches Bild würde besser in das Foyer eines Gemeindehauses passen als eines, in dem es um die verbindliche Nachfolge geht? Die Wahl der zwölf Apostel gilt als Grundlage des Priestertums des neuen Bundes. Brüderlich legt Jesus den Arm um die Schulter eines Jüngers, blickt ihn gütig und auch ernst an. Hermann Geyer schuf das Bild 1961. Es hängt zusammen mit dem Triptychon „Jesu Taufe am Jordan“ von 1960 und dem Gemälde „Jesus und Lazarus“ (1958) im Foyer des Gemeindezentrums von St. Georg in Ulm. Die Bilder – allesamt Schenkungen der Familie Geyer – erinnern an die lebenslange Verbundenheit von Hermann Geyer mit der Kirchengemeinde.

Hermann Geyer war vielseitig unterwegs

Ein Künstler für alle Fälle: „Dädsch du ons, bidde…“ – so pflegte man die Frage einzuleiten, wenn es um künstlerische Ideen und ihre Umsetzung in der Gemeinde ging. Gefragt, gemalt: Hermann Geyer schuf Illustrationen für Festschriften, Erinnerungsbroschüren und ein Anekdotenbuch von St. Georg „und war auch sonst immer zur Stelle, wenn man ihn brauchte“, erinnert sich Günter-Klaus Drollinger, der selbst ein Urgestein ehrenamtlichen Engagements in der Gemeinde ist. Ganz selbstverständlich gestaltete Geyer über Jahrzehnte die Titelseiten des Pfarrbriefs „Gemeinde im Bild“. Abwechslungsreich und immer wieder überraschend griff er in seinen Schwarz-Weiß-Zeichnungen biblische Szenen und besondere Ereignisse im Gemeindeleben auf. „Er hat sozusagen das Ohr an der Gemeinde gehabt“, erklärt Drollinger.

In engem Kontakt mit den Geschwistern Scholl

Den Grundstein sowohl für Hermann Geyers „Bibelfestigkeit“ und religiöse Prägung als auch für seinen künstlerischen Weg legte sein Elternhaus, das „immer schon einen starken Bezug zur Pfarrei St. Georg“ pflegte. Sein Vater, Professor Wilhelm Geyer (1900-1968), der 1927 nach Ulm kam, hatte sich schon in den späten 1920er und den 1930er Jahren mit großen Altarbildern und Graphiken mit religiöser Thematik Anerkennung erworben. Den christlichen Glauben und die darin gründende kritische Haltung zum NS-Regime teilten die Geyers übrigens mit der Familie Scholl, die von 1933 bis 1939 in der Olgastraße 139 (früher Olgastraße 81), gleich neben dem heutigen Dekanatshaus, und dann bis 1942 am Münsterplatz in Ulm wohnte. Hans und Sophie Scholl und ihre Geschwister gingen bei der Familie Geyer ein und aus, Sophie Scholl erhielt von Wilhelm Geyer Zeichenunterricht. Eine von Hermann Geyers Kinderzeichnungen zeigt Inge, Sophie und Liesel Scholl, wie sie bei den Geyers am Esstisch sitzen, weiß Drollinger zu berichten.

Beim berühmten Vater Wilhelm Geyer gelernt

Hermann Geyer arbeitete bereits während seiner künstlerischen Ausbildung und seines Malerei- und Grafikstudiums an Wandmalereien und Glasfenstern seines berühmten Vaters, einem der bedeutendsten Vertreter der religiösen Kunst des 20. Jahrhunderts, mit. Zu den wichtigsten öffentlich zugänglichen Arbeiten von Hermann Geyer in Ulm gehören das Seuse-Fenster im Haus der Begegnung, der ehemaligen Dreifaltigkeitskirche (1985), die Fenster der Jakobuskirche in Grimmelfingen (1993) und die Bleiglasfenster in St. Michael zu den Wengen (1998). Besonders sehenswert sind die bunten Glasfenster, die Geyer 1999/2000 für die neu erbaute „Eichkapelle“ schuf. Im Hinblick auf den Kindergarten, an den die zur Georgsgemeinde gehörende Kapelle angebaut ist, stellte er seine Arbeit unter das Thema „Von der Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“.

Hermann Geyers legendäre Faschingskulissen

Als „legendär“ beschreibt Günter-Klaus Drollinger Hermann Geyers Engagement bei der Faschingsvorbereitung. Rund 40 Jahre lang habe Geyer Kulissen und Dekoelemente gestaltet und so dazu beigetragen, „dass der Fasching in St. Georg zu etwas Besonderem in Ulm wurde“. Ihm bei der Arbeit zuzusehen und die Art, wie er ans Werk ging – ganz ohne Vorzeichnung auf einem mehrere Quadratmeter großen Stück Packpapier –, sei ebenso faszinierend gewesen wie die originellen Einfälle, die er umsetzte. „Noch heute lagern hunderte von Quadratmetern ‚echte Geyers‘ auf Packpapier gemalt unter dem Kirchendach der Georgskirche“, schmunzelt Drollinger.

Berührende Bilder Geyers im Gemeindehaus 

Hermann Geyers Bilder im Gemeindehaus, für dessen äußere „Kunst am Bau“ Anfang der 1970er Jahre der vielseitige Künstler ebenfalls verantwortlich zeichnete, passen nach den Worten Drollingers gut an diesen Ort, weil sie im Stil den Kulissen, die er für die Festveranstaltungen schuf, ähneln. Gleichwohl sei immer wieder zu beobachten gewesen, dass diese religiösen Bilder aus Hermann Geyers früher Schaffensperiode die Betrachtenden beschäftigt und berührt, ergänzt Kirchengemeinderatsmitglied Konrad Merz. In einer schnelllebigen Welt sei es wichtig, dass das Andenken an eine Persönlichkeit, die so viel für die Gemeinde getan hat, erhalten bleibt. Die großformatigen Bilder mit wichtigen Szenen aus der Bibel tragen eindrucksvoll dazu bei.

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