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Der „Rossbollen-Marsch“ gehört zum Blutfreitag

Markus Frankenhauser hat ein ganz persönliches Verhältnis zum Prozessionsmarsch „Wir präsentieren“ von Hans Ailbout.

Weingarten
Die Trachtenkapelle Berg marschiert durch die Abt-Hyller-Straße in Weingarten mit der Basilika im Hintergrund.

Die Trachtenkapelle des Musikverein Berg unter Leitung von Markus Frankenhauser beim Blutritt 2017– Foto: Elke Obser

Pferden ist vermutlich die Liebe zur Marschmusik nicht in die Wiege gelegt. Daher üben viele Reitergruppen, die am Blutfreitag in Weingarten teilnehmen, in diesen Tagen zusammen mit ihren Musikvereinen an abgelegenen Plätzen. Denn die örtlichen Blaskapellen sind wesentlicher Bestandteil der größten Reiterprozession Europas. Wenn sich die Musikanten, die Tiere und ihre Reiter nach zweijähriger Coronapause wieder aufeinander eingestimmt haben und am 27. Mai zu Marschklängen die Kirchstraße hinab zum Weingartener Rathaus ziehen, spätestens dann ergreift die feierlich-andächtige Atmosphäre hoffentlich auch die eher Unmusikalischen unter den Pferden.

Dass die Vierbeiner auch umgekehrt für die Blasmusikerinnen und -musiker eine Herausforderung sind, bezeugt der Spitzname des preußischen Marsches „Wir präsentieren“ von Hans Ailbout, der zum Standardrepertoire vieler Kapellen beim Blutritt gehört. Wer am Straßenrand nach dem „Rossbollen-Marsch“ fragt, bekommt ziemlich sicher die eingängige Melodie des anfangs des letzten Jahrhunderts an Konservatorien in Krefeld und Berlin lehrenden Komponisten vorgesummt. Der volkstümliche Name des Stücks beschreibt die Schwierigkeit der Musizierenden, die tierischen Hinterlassenschaften auf dem Prozessionsweg zu umgehen, ohne die Formation zu verlassen - eine Aufgabe, die nicht immer gelingt.

Überarbeitung während des Lockdowns

„Der Marsch ist nun 110 Jahre alt“, weiß Markus Frankenhauser. Der Ravensburger Blasmusik-Kreisverbandsdirigent hat sich in der Coronapause des Werkes angenommen und die Noten digital aufbereitet. Die handschriftlichen Kopien, die in verschiedenen Orchestern der Region kursierten, legen die Vermutung nahe, dass der Rossbollen-Marsch zumindest seit 1968 in Weingarten erklingt. Das Notenmaterial war jedoch durch viele Kopiervorgänge nur noch schwer lesbar. Außerdem fehlten Exemplare für neu hinzugekommene Instrumente wie F-Horn, Bariton-Saxophon oder Fagott. „Es ist mir eine Freude, den Musikkapellen auf Wunsch nun diesen Notensatz zur Verfügung stellen zu können“, berichtet Frankenhauser.

Und der Ansprechpartner für die 116 Musikvereine im Landkreis Ravensburg beginnt zu rechnen. „Angenommen ein Musikant nimmt 50 Jahre am Blutritt teil, spielt den Marsch während der Prozession etwa viermal, übt ihn in zwei Musikproben und zwei Marschproben noch jeweils zweimal, dann hat er den Marsch insgesamt über 500-mal in seinem Leben gespielt.“ Das ergibt laut Frankenhauser bei einer Spieldauer von unter drei Minuten insgesamt 24 Stunden. „Verständlich, dass so mancher Musikant diesen Marsch auswendig spielen kann“, bemerkt der Dirigent. Er kennt sogar Musikanten, die sich „Wir präsentieren“, die Nummer I,93 in der preußischen Armeemarschsammlung, zur Hochzeit wünschen oder als Klingelton auf dem Handy haben.

Blasmusik in Familientradition

Markus Frankenhauser spielte als Jugendlicher Klarinette im Musikverein Baienfurt und nahm damals schon am Blutritt in Weingarten teil. Seit über zehn Jahren dirigiert er nun die Trachtenkapelle des Musikverein Berg. „Für mich ist dieser Marsch der musikalische Ausdruck für Glaube, Heimat, Brauchtum, Tradition und den ganz besonderen Tag in Weingarten“, bekennt der 50-Jährige. Der Blutfreitag hat in seinem Kalender einen festen Platz. Bereits sein Vater war Dirigent. „Ich wäre sehr stolz, wenn unsere Kinder auch noch lange am Blutritt in musikalischer Form aktiv sein können“, verrät Frankenhauser. Ihnen wurde die Liebe zur Marschmusik im Gegensatz zu den Pferden wohl tatsächlich in die Wiege gelegt.

Blutfreitagsfeierlichkeiten in Weingarten

Christi Himmelfahrt, 26. Mai

16.00 Uhr Orgelkonzert auf der Gabler-Orgel
19.15 Uhr Abendmesse mit dem Basilikachor
20.30 Uhr Festpredigt mit Abt German Erd vom Zisterzienserstift Stams in Tirol
anschließend Lichterprozession zum Kreuzberg
23.00 Uhr Heilig's Nächtle: Spiritueller Impuls für Jugendliche
24.00 Uhr Gebet zur Nacht mit Taizé-Gesängen

Blutfreitag, 27. Mai

4.00 Uhr Eucharistiefeier der Blutreiter mit dem Männerchor Scheer
5.00 Uhr Eucharistiefeier des Heilig-Blut-Reiters Ekkehard Schmid mit dem Musikverein Oggelsbeuren e.V.
7.00 Uhr Übergabe der Heilig-Blut-Reliquie am Kirchenportal und Beginn des Blutritts durch Stadt und Fluren
9.00 Uhr Pilgeramt um  mit Spiritual Dr. Martin Schniertshauer vom Kloster Sießen
ca. 11.15 Uhr Empfang der Heilig-Blut-Reliquie auf dem Äußeren Klosterhof
ca. 11.30 Uhr Pontifikalamt in der Basilika mit Abt German Erd vom Zisterzienserstift Stams in Tirol
15.00 Uhr Kreuzwegandacht, anschließen Einzelsegen mit der Heilig-Blut-Reliquie bis 17.00 Uhr

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