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Die Kirche bleibt im Dorf

Zusammen mit Kommunen und engagierten Bürger:innen unterstützt sie die Entwicklung von Solidarischen Gemeinden auf dem Land.

Mochenwangen
Diözese Rottenburg-Stuttgart / Markus Waggershauser

Beim Bürgergespräch in Mochenwangen tauschten sich Interessierte aus - Foto: DRS/Waggershauser

Wenn sie in der idyllischen Hügellandschaft Oberschwabens auf dem Dorf leben können, erfüllt sich für viele ein Traum. Der Weg in die weiterführende Schule oder zum Arzt ist zwar oft weiter und umständlicher als in der Stadt. Aber sollte es bei der Betreuung von Kindern oder Senioren Engpässe geben, springt meist die Familie ein. Da diese Unterstützung in der modernen Gesellschaft auch auf dem Land immer stärker wegbricht, überlegen derzeit Kirchengemeinden und Kommunen im Landkreis Ravensburg gemeinsam, wie die Dörfer lebenswert bleiben und die Menschen dort gut alt werden können.

Der Name "Solidarische Gemeinde" stammt aus der Bad Waldseer Ortschaft Reute-Gaisbeuren, die in diesem Bereich Pionierarbeit leistete. Die Caritas in der Region, das Dekanat Allgäu-Oberschwaben und der Landkreis Ravensburg machten aus diesem Ansatz ein Projekt und konnten inzwischen weitere Orte dafür gewinnen. In der Seelsorgeeinheit Westliches Schussental beteiligen sich beispielsweise alle drei Kommunen und auch evangelische Gemeinden. Fronreute mit den katholischen Kirchengemeinden Fronhofen und Blitzenreute sowie Wolpertswende, wozu auch die Kirchengemeinde Mochenwangen gehört, schlossen sich dafür zusammen. Der Landkreis und die Deutsche Fernsehlotterie beteiligen sich finanziell.

Umfrage und Bürgergespräche

Daniel Steiner verkündete im Gemeindehaus St. Lukas in Mochenwangen den vereinbarten Slogan "Wir packen's an". Der Wolpertswender Bürgermeister begrüßte etwa 25 Personen - die meisten von ihnen über 60 Jahre alt. Bei den Bürgergesprächen, zu denen die lokalen Steuerungsgruppen derzeit an mehreren Orten einladen, sollen sich im Idealfall Aktionskreise bilden, die die einzelnen Themen angehen. In Fronreute und Wolpertswende kristallisierten sich Mobilität, Begegnung und Nachbarschaft, niederschwellige Hilfen und Wohnen als zentrale Anliegen heraus.

Die vier Themen bestätigte eine möglichst repräsentative Befragung von 61 ausgewählten Personen, welche Anja Hornbacher von der Fachstelle Solidarische Gemeinden bei der Caritas in Mochenwangen vorstellte. In den Tischgruppen mit wechselnder Besetzung wurde es dann schnell konkret. Neben Lob für viele hilfreiche Initiativen, die es bereits gibt oder bis vor Corona gab, fehlten den Teilnehmenden kostenlose Räumlichkeiten für ehrenamtliches Engagement im Ort. Und was passiert mit den nicht mehr so mobilen Menschen, wenn der Einkaufsmarkt samt Bäcker und Apotheke demnächst von der Ortsmitte in den Außenbereich jenseits der Bahnlinie umzieht?

Schwerpunkte setzen

Gleich neben dem neuen Dienstleistungszentrum sollen zwar seniorengerechte Wohnungen entstehen. Dreiviertel der bei der Befragung Angesprochnen möchte aber unbedingt im eigenen Haus oder der bisherigen Wohnung bleiben. Hornbacher und Lea Kopittke, für drei Jahre mit einer 60-Prozent-Anstellung Projektkoordiantorin für Fronreute und Wolpertswende, sammelten alle beim Bürgergespräch genannten Themen auf Plakaten und ließen sie mit Klebepunkten gewichten. Einen flexiblen Fahrdienst einzurichten und die Ortsmitte belebt zu halten ergaben sich als vorrangige Themen, die Kopittke und die Steuerungsgruppe zusammen mit weiteren Interessierten nun in die Umsetzung bringen wollen.

In Aitrach, kurz vor der Landesgrenze ins bayerische Memmingen, kam die Dorfbevölkerung bereits im vergangenen Sommer zu Bürgergesprächen zusammen. Dort gibt es inzwischen alle zwei Wochen ein Spiele-Café mit Digi-Ecke, wo Menschen bei elektronischer Soft- und Hardware Unterstützung finden, berichtet Hornbacher. Und die dortige Aktionsgruppe individueller Fahrdienst für weniger mobile Menschen stehe kurz vor einer Vereinsgründung. Denn für die Versicherung und andere Formalitäten müsse man rechtsfähig sein. "Es hängt an der Bürgerschaft, ob sie diese Schritte auch tatsächlich geht", erklärt Hornbacher und verweist auf die Hilfe durch den K-Punkt Ländliche Entwicklung.

Kultur des Miteinanders

Fridolin Koch, der bei dieser Einrichtung der Diözese Rottenburg-Stuttgart arbeitet, kann in dieser Sache auf einige Praxisbeispiele aus anderen Orten zurückgreifen. Er und seine Kolleginnen begleiteten schon einige Beteiligungsprozesse im Ländle und hatten Kopittke und die anderen Koordinator:innen der Solidarischen Gemeinde geschult. "Zur Bewältigung des demografischen Wandels braucht es zwar politische Rahmenbedingungen, aber die Ant-worten müssen wir vor Ort in den Dörfern und Quartieren entwickeln", ist der Diplomgeograf überzeugt. Dort kenne man sich und könne die Projekte konkret an die Bedarfe anpassen.

Auch wenn es zunächst um die Belange der Älteren zu gehen scheint, sollten die Solidarischen Gemeinden auch die Jugend und die Familien im Blick behalten. "Im Grunde handelt es sich bei dem Projekt um den Aufbau einer Kultur des Miteinanders und der gemeinsamen Sorge für ein gutes Leben", betont Koch. Und fällt der bisherige Zusammenhalt in den Familien durch die Entfernung oder unterschiedliche Lebensentwürfe für immer mehr Menschen weg, ist es Hornbacher wichtig, "die Solidarität von damals heute auf den Ort zu übertragen." In diesem Miteinander kann Kirche auch in Zukunft eine wichtige Rolle im Dorf spielen.

Hinweis

Auch die katholische Erwachsenenbildung (keb) im Kreis Ravensburg flankiert das Projekt Solidarische Gemeinde mit Veranstaltungen, etwa mit einerdigitalen Ideenbörse "Ein lebendiges Dorf gestalten" am 15. Mai.
Über die Themen und Unterstützungsangebote des K-Punkt Ländliche Entwicklung informiert deren Homepage, wo das Abonnement eines Newsletters möglich ist.

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