Diözese Rottenburg-Stuttgart Die Kirche bleibt im Dorf
Diözese Rottenburg-Stuttgart (v.l.n.r.) Moderatorin Bettina Locklair, Geschäftsführerin der Katholischen Landvolkbewegung Deutschland Weihbischof Matthäus Karrer, Pastoralkommission der Deutschen Bischofskonferenz Dr. Maren Heincke,Referentin für den Ländlichen Raum im Zentrum gesellschaftliche Verantwortung der Ev. Kirche in Hessen und Nassau. Foto: Diözese Rottenburg-Stuttgart / Markus Waggershauser
Soll der Feuerwehrkommandant des Ortes den Ehrenamtspreis der Diözese Rottenburg-Stuttgart erhalten? "Aber der tut doch gar nichts für uns", entfährt es der gewählten Vorsitzenden des Kirchengemeinderats. Beim Sprechen sei sie jedoch ins Nachdenken gekommen, berichtet der Rottenburg-Stuttgarter Weihbischof Matthäus Karrer. Auf dem Katholikentagspodium "Die Kirche bleibt im Dorf!" erzählt er vom Beispiel aus seinem Umfeld. Wenn einer, der für die Sicherheit eines ganzen Dorfes sorgt und das aus christlicher Motivation tut, sei das nicht weniger wert, als wenn jemand im Pfarrgarten den Rasen mäht.
Die Chance, etwas Neues anzustoßen
Dieses Beispiel steht für den Prozess des Umdenkens, der die Veranstaltung mit den Moderatorinnen Monica Settele vom K-Punkt Ländliche Entwicklung in Heiligkreuztal sowie Bettina Locklair, Geschäftsführerin der Katholischen Landvolkbewegung Deutschlands durchzieht. Für die einen sei die Welt noch in Ordnung, wenn die Vereine sich wie früher an den kirchlichen Festen beteiligen, erklärt Professor Paul-Stefan Roß. Andere jammerten, was sie denn noch alles machen sollen. Der Theologe und Sozialwissenschaftler an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg sieht die Chance der Kirche, darin etwas Neues anzustoßen, in Gang zu setzen und sich über alle Menschen guten Willens zu freuen, die mitmachen. "Da wird Reich Gottes erlebbar", ergänzt Roß.
Wie dieses Zusammenspiel von Kirche, Kommunen und Vereinen zum Wohl des Dorfes funktionieren kann, zeigen eingespielte Videointerviews zum multifunktionalen Mehrgenerationenhaus "Dorfschmiede" im hessischen Freienseen, zum "s’Himmelreich", dem Café mit Zimmer im Pfarrhaus von Merazhofen im Allgäu, sowie zur neu gestalteten Dorfmitte in Erbach-Ringingen mit Metzgerei, Bäckerei, Sparkasse Ortsverwaltung und kirchlichem Gemeindehaus unter einem Dach. Maren Heincke, Referentin für den Ländlichen Raum in der evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, verweist aber auch auf kleinere Projekte wie die Gestaltung eines Gartens. Kirche sei gefragt, wenn es beim ehrenamtlichen Engagement darum gehe: Wo bekomme ich Kraft und Mut her?
Diözese Rottenburg-Stuttgart Auf den ersten Blick fühlen sich die Gesprächspartner auf dem Podium bei den Videobeispielen an alte Zeiten erinnert, in der sich die Dreieinigkeit, also Pfarrer, Bürgermeister und Lehrer, regelmäßig in der Dorfkneipe getroffen hätten. "Eigentlich müssten wir mit der Dorfkneipe beginnen", scherzte der Weihbischof, der selber aus einem Gastronomiebetrieb stammt. "Das Problem ist, dass der Pfarrer nicht mehr da ist", fügte Roß hinzu. Unabhängig davon sei das aber ein patriarchales Bündnis gewesen, das in heutiger Zeit unbedingt demokratisiert werden müsse.
Für mehrere Dörfer zusammendenken
Was die Kirche in ein dörfliches Netzwerk einbringen könne, seien oft Grundstücke oder Gebäude. Nicht mehr benötigte Pfarrhäuser meistbietend zu verkaufen, damit daraus möglicherweise Luxusvillen entstehen, das lehnt Karrer ab. "Und dann brauchen wir Menschen, die sich das Projekt zur Lebensaufgabe machen", darin sieht der Weihbischof eine weitere Voraussetzung. Wenn eine Idee da sei und es konkret werde, zünde sie auch, ist Roß überzeugt. Und Heincke hält es für sinnvoll, Alteingesessene und Zugezogene einzubeziehen und auch für mehrere Dörfer zusammen zu denken. So könnte Kirche im Dorf Akzeptanz und Zukunft haben.
Hintergrund: Die Interkulturelle Woche
Die bundesweit jährlich stattfindende Interkulturelle Woche (IKW) ist eine Initiative der Deutschen Bischofskonferenz, der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Griechisch-Orthodoxen Metropolie. Sie findet seit 1975 Ende September statt und wird von Kirchen, Kommunen, Wohlfahrtsverbänden, Gewerkschaften, Integrationsbeiräten und -beauftragten, Migrantenorganisationen, Religionsgemeinschaften und Initiativgruppen unterstützt und mitgetragen. In mehr als 500 Städten und Gemeinden gibt es rund 5.000 Veranstaltungen. Der nationale „Tag des Flüchtlings“, dieses Jahr am 1. Oktober, ist Bestandteil der Interkulturellen Woche. Weitere Informationen gibt es unter www.interkulturellewoche.de.
In der Diözese Rottenburg-Stuttgart werden im neu gegründeten Fachbereich Interkulturelles Sozialmanagement der Einsatz der kirchlichen Einrichtungen vernetzt; der Fachbereich ist Teil der Hauptabteilung Kirche und Gesellschaft im Bischöflichen Ordinariat. Der Fachbereich unterstützt auch finanziell Projekte und Einzelpersonen