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Bundesvorsitzende der Pfadfinder:innen St. Georg: Chance durch junge Führung

Luise Klingler aus Weil der Stadt in der Diözese Rottenburg-Stuttgart tritt ab 1. Oktober ihr Amt an. Ein Interview mit der engagierten 21-Jährigen.

Rottenburg
Luise Klingler aus Weil der Stadt in der Diözese Rottenburg-Stuttgart tritt am 1. Oktober ihr Amt an. Sie steht umgeben von ihren Pfadfinder:innen in ihrer Kluft. Sebastian Humbek

Die neue Vorsitznde Luise Klingler ist mit Leib und Seele Pfadfinderin. Foto: DPSG Sebastian Humbek

Innerhalb ihres Verbandes, der Deutschen Pfadfinder:innenschaft Sankt Georg (DPSG), gehört Luise Klingler dem Diözesanverband Rottenburg-Stuttgart an. Im Juni 2026 wurde sie im Alter von 21 Jahren zur neuen DPSG-Bundesvorsitzenden gewählt. In wenigen Tagen löst sie Annkathrin Mayerab, die ihr Amt nach sechs Jahren niederlegt und tritt ihr neues Amt an. Neben ihrem pfadfinderischen Engagement war Klingler vor Ort auch kommunalpolitisch aktiv und saß als Stadträtin im Gemeinderat von Weil der Stadt. Im Interview spricht Luise Klingler über sich und ihre neue Aufgabe:

Wovor haben Sie am meisten Respekt bei dieser neuen herausfordernden Aufgabe?

Ich empfinde große Verantwortung dabei, einen der größten Kinder- und Jugendverbände Deutschlands leiten zu dürfen und bin gespannt, wie der Wechsel vom Ehrenamt ins Hauptamt auch mein eigenes Pfadfinderin-Sein verändern wird. Vor allem aber freue ich mich auf die Herausforderungen, die vor mir liegen, und auf die Möglichkeiten, dabei zu wachsen und zu lernen.

Was haben Sie vorher gemacht? Was qualifiziert Sie für diese sehr anspruchsvolle Aufgabe?

Ich habe bis zuletzt meinen Master in Planung und Partizipation gemacht, ein interdisziplinärer Mix aus Sozial- und Kommunikationswissenschaften, Jura und Stadtplanung, und nebenbei als Referentin für Politik und Kampagnen beim Verband Deutscher Privatschulengearbeitet. Davor habe ich Soziologie und Politikwissenschaften im Bachelor studiert. Aber gerade auch mein ehrenamtliches Engagement bei den Pfadfinder: innen, im Gemeinderat und in verschiedenen zivilgesellschaftlichen Organisationen hat mich auf vielen Ebenen auf diese neue Aufgabe vorbereitet.

Wie kamen Sie zu den Pfadfinder:innen? Sind Sie religiös?

Zu den Pfadfinder: innen bin ich über meine Eltern gekommen, die selbst beide bei der DPSG aktiv waren und mich von klein auf mitgenommen haben. Mit sieben bin ich dann in Weil der Stadt in den Stamm eingetreten und durfte dort alle Altersstufen durchlaufen, bis hin zur Leiterin und zum Stammesvorstand. Gerade in krisenbehafteten Zeiten wird Spiritualität für mich und viele junge Menschen wieder wichtiger, und die Spiritualität, wie sie in Kinder- und Jugendverbänden gelebt wird, weniger starr und offener, ist dabei besonders gewinnbringend.

 

“Try and leave this world a little better than you found it.” 

Luise Klinglers Leitwort ist von Robert Baden-Powell, dem Gründer der Pfadfinderbewegung

 

Was sind denn die Aufgaben einer Bundesvorsitzenden der Pfadis?

Die Aufgaben einer Bundesvorsitzenden sind wirklich vielfältig, und genau das ist für mich auch das Tolle daran. Ich bin unter anderem für Öffentlichkeitsarbeit und Jugendpolitik zuständig, für unser Bundeszentrum im Westerwald und unseren Ausrüster, betreue verschiedene Arbeitskreise und -gruppen und beschäftige mich mit der Umsetzung unserer ersten 5-Jahres-Strategie und der Weiterentwicklung der Mitbestimmungsmöglichkeiten in unserem Verband. Und dann kommen noch Verantwortlichkeiten für einen Teil unseres Personals und weitere administrative Aufgaben dazu.

Arbeiten Sie alleine oder im Team?

Im Vorstand sind wir zu dritt: zwei Vorsitzende und ein Kurat als unsere geistliche Verbandsleitung. Unterstützt werden wir von unseren Mitarbeiter: innen im Bundesbüro in Mönchengladbach, wo auch mein Schreibtisch ab Oktober stehen wird, im Bundeszentrum in Westernohe und vom Rüsthaus, unserem Ausrüster.

Sie übernehmen das Amt von Annkathrin Mayer, die ihr Amt nach sechs Jahren niederlegt. Was möchten Sie fortsetzen? Was möchten Sie anders machen? Was haben Sie von ihr gelernt?

Ihr Engagement für die Weiterentwicklung der Kinder- und Jugendpartizipation in der DPSG möchte ich auf jeden Fall fortsetzen. Anders machen möchte ich es insofern, dass ich meine eigenen Schwerpunkte setze und meine eigene Perspektive einbringe. Von ihr gelernt habe ich vor allem, dass junge Menschen, und gerade auch junge Frauen, eine Stimme haben und Verantwortung übernehmen können und dass es sich lohnt, diese zu nutzen und an Themen dranzubleiben.

Welche Aufgaben möchten Sie als erste angehen?

Für mich geht's jetzt erst mal ums Kennenlernen aller Strukturen und unserer Mitarbeiter: innen. Und dann freue ich mich vor allem darauf, ins Tagesgeschäft einzusteigen, sei das die Umsetzung des Fahrplans für unser Bundeszentrum in Westernohe, die Weiterentwicklung unserer Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, die Umsetzung unserer im Juni beschlossenen Strategie, die politische Vertretung unseres Verbandes nach außen oder auch die ganz alltäglichen Aufgaben.

Ihr junges Alter sehen Sie als Chance, nicht als Nachteil?

Wir sind ein Kinder- und Jugendverband, und gerade als solcher sehe ich große Chancen darin, junge Menschen in Führung zu bringen. An vielen Stellen, in der Zivilgesellschaft genauso wie in der Politik, wird jungen Menschen nicht genug zugetraut, und genau das können wir als Kinder- und Jugendverband anders machen. Ich glaube, Teams profitieren davon, Menschen verschiedenen Alters in Führung zu haben, weil wir unterschiedliche Perspektiven mitbringen und ich bin überzeugt, dass ich gerade auch durch mein Alter und meine bisherigen Erfahrungen eine solche Perspektive einbringen kann.

Das sehr ernste Thema „Aufarbeitung von Missbrauchsfällen und Prävention“ ist Ihnen besonders wichtig. Wie möchten Sie künftige Pfadfinder:innen besser schützen?

Die Studie und vor allem die Berichte der Betroffenen haben uns deutlich gemacht, dass teilweise wissentlich, teilweise aus Überforderung weggeschaut wurde und auch dadurch wurde Leid verursacht. Dieses Nicht-Handeln zeigt, dass das Thema an manchen Stellen nicht ernst genommen wurde, Menschen sind mit ihren Erfahrungen allein geblieben. Deswegen ist es jetzt wichtig, dass wir diese Studie nutzen, um die Dinge gemeinsam anzupacken, eine ernsthafte Aufarbeitung zu betreiben und zu reflektieren. Konkrete erste Schritte sind die Einsetzung verschiedener Gremien, die diesen Prozess kritisch und konstruktiv begleiten, und die Sensibilisierung unserer Mitglieder auf allen Ebenen, damit Strukturen, Traditionen und Kulturen aufgearbeitet und verändert werden können.

Warum ist bei diesem Thema die Mitbestimmung von Kindern und Jugendlichen so wichtig?

Die ungleiche Verteilung von Macht ist ein großer Faktor, wenn wir über Gewalt sprechen. Mitbestimmung baut eben solche Machtunterschiede ab: wenn Kinder und Jugendliche mitreden und mitentscheiden können, müssen Erwachsene Macht an sie abgeben. Außerdem tragen Mitbestimmungs- und Selbstwirksamkeitserfahrungen dazu bei, Kinder und Jugendliche in ihrer Position und ihrer Stimme zu stärken. Es zeigt ihnen: „Hey, wir nehmen dich und das, was du sagst, ernst!" und das ist ein entscheidender Schritt, um unseren Verband zu einem sicheren Ort zu machen.

Worauf freuen Sie sich am meisten?

Darauf, Pfadfinden nochmal von einer ganz anderen Seite kennenzulernen, mit neuen Menschen in Kontakt zu treten, Dinge anzupacken und zu verändern, gemeinsam mit vielen Menschen, ob ehrenamtlich oder hauptberuflich. Und ich freue mich darauf, mich Herausforderungen zu stellen und immer wieder Neues zu lernen.

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