Zum Inhalt springen

Die Schrecken des Krieges verarbeiten können

Die Caritas Bodensee-Oberschwaben begleitet seit Juni aus der Ukraine geflüchtete traumatisierte Frauen und Kinder.

Weingarten
Die beiuden Frauen lächeln in die Kamera.

Trauma-Beraterin Nina Poelchau (l.) und Caritas-Fachleiterin Angelika Hipp-Streicher haben das Angebot Traumabegleitung für Geflüchtete in Weingarten ins Leben gerufen - Foto: Barbara Müller

Kriegserfahrungen prägen Menschen ein Leben lang. Viele der im ehemaligen Krankenhaus 14 Nothelfer gelandeten Menschen kommen aus zerbombten Städten und haben unvorstellbares Leid erfahren, schreibt die Autorin, die diesen Beitrag für die Schwäbische Zeitung verfasst hat. Die Folgen sind unabsehbar. Die Geflüchteten leben bis zu sechs Monate in der Behelfsunterkunft, danach soll eine Unterbringung in Anschlussunterkünften erfolgen. Die jeweiligen Zuweisungen obliegen dem Landkreis.

"Das Angebot Traumabegleitung ist eine entscheidende Hilfe - vor allem in den ersten Monaten", sagt Angelika Hipp-Streicher, Fachleiterin Soziale Hilfen der Caritas Bodensee-Oberschwaben. Es biete Stabilisation und Begegnung, baue Netzwerke auf und stärke die betreffenden Personen, die aus den unterschiedlichen Städten in der Ukraine kommen. Auch Mütter beispielsweise könnten durch eine Traumabegleitung ihre Kinder besser unterstützen und ihnen Förderung bieten.

Mit erfahrener Traumaberaterin

Das Angebot ist für die Caritas ein Pilotprojekt. Es erfahre bisher keine finanzielle Landesförderung  und könne ausschließlich durch Spenden sowie durch einen Zuschuss des Landkreises  finanziert werden, bedauert Angelika Hipp-Streicher. Wichtig sei es solche Angebote in bestehende Beratungsangebote zu integrieren und entsprechend zu fördern.

Mit Nina Poelchau konnte die Caritas für 25 Stunden im Monat eine erfahrene Trauma-Beraterin für das Projekt gewinnen. Sie ist in Krisenbegleitung, Traumaberatung und Gesprächstherapie ausgebildet, war als Redakteurin für den "Stern" tätig und hat in Hamburg über viele Jahre mit Geflüchteten gearbeitet. "Wir wissen aus Kriseninterventionsstudien, unter anderem der Universität Konstanz, wie wichtig nach einer Traumatisierung eine zeitnahe Begleitung ist", sagt sie. Dabei gehe es nicht um eine später ansetzende und in die Tiefe gehende Traumatherapie, sondern um Stabilisierung, Ressourcenarbeit und Selbstermächtigung.

Gruppen- und Einzelangebote

Nina Poelchau arbeitet eng mit der Universität Konstanz zusammen und nutzt als Grundlage für ihre Arbeit zweisprachige Screening-Bögen der Integrating Refugee Health and Wellbeing - mit ganz alltäglichen Fragen wie beispielsweise: Schlafen Sie gut, denken Sie viel nach, fühlen Sie sich traurig oder haben Sie körperliche Probleme oder Angst? Vor allem die Frage, ob sie sich hilflos fühlen, werde von einem Großteil der Geflüchteten mit "ja" beantwortet.

"Die Screening-Bögen sind ein guter Weg, auch Menschen zu erreichen, die zunächst sagen, sie seien stark und wollten nichts mit Psychologie zu tun haben", so Nina Poelchau. Die im Integrationszentrum Weingarten durchgeführte Traumaberatung wird sowohl von Personen aus der Behelfsunterkunft als auch von Ukrainern, die bereits in Anschluss- oder Privatunterkünften leben, wahrgenommen und von einer Übersetzerin begleitet. Das wöchentliche Gruppenangebot wird durch Einzelberatungsangebot vertieft.

Emotionen haben ihren Platz

Die Geflüchteten seien oft wie erstarrt, voll gegenseitigen Misstrauens und hätten untereinander wenig Kontakt. Hier setze die Traumaberatung an. Nina Poelchau berichtet von menschlichen Schicksalen wie dem von Ljudmila aus Mariupol, die ihren Mann, Sohn und Enkel verloren hat und nach dem schweren Angriff auf das dortige Theater aufgegriffen und nach Deutschland gebracht wurde. Oder von Valentina aus Saporischschja, deren Sohn von Russen verschleppt wurde und die seither ohne Nachricht von ihm ist und von Schuldgefühlen geplagt wird.

"In unseren Beratungen haben Emotionen Platz", sagt Nina Poelchau. Sie bietet Beratungsgruppenstunden an, in denen jeder zu Wort kommt und in denen erzählt, geweint, aber auch gelacht wird. "Es ist für mich zutiefst ergreifend zu sehen, wie die Gruppe zusammengewachsen ist und wie viele kommen", sagt Nina Poelchau. Wenn es zu schlimm werde, jemand nicht mehr aufhöre zu erzählen oder so leise werde, dass die anderen nichts mehr hören können, oder wenn jemand in eine Art Trance abgleite, dann führe sie mit den Betreffenden auch Einzelgespräche, um Schuldgefühle und Selbstzweifel abzubauen. "Wenn sich diese Menschen öffnen und Hilfe annehmen können, habe ich mein Ziel erreicht", so die Traumaberaterin. 

Mehr zur Autorin

Aktuelles

zum Thema

Ein Angebot an die Gesellschaft

Stuttgart-Mitte

Mitten in Stuttgart erprobt die Diözese ein neues Dialogformat, das für Solidarität und Teilhabe steht, und trifft damit auf großes Interesse.

Mit den Bürgermeistern auf dem Martinusweg

Am 12. September pilgern die Bürgermeister im Zollernalbkreis auf dem Martinusweg. Franziska Deubel von KiP hat mit Achim Wicker darüber gesprochen.

Aktuelles

aus der Region

Mario Paoli

Kißlegg nahm das Räumeprogramm mutig vorweg

Kißlegg

Im kirchennahen Klosterhof kam nach umfassender Renovierung neben dem nun barrierefreien Gemeindesaal auch das Katholische Verwaltungszentrum unter.

Markus Waggershauser

Franziskus heute: Geschwisterlichkeit und Zuversicht

Bonlanden, Reute, Sießen

800 Jahre nach seinem Tod inspiriert der heilige Franz von Assisi auch drei franziskanische Ordensgemeinschaften in Oberschwaben und ihre Oberinnen.

Aktuelles

aus der Diözese Rottenburg-Stuttgart

Ines Szuck

Mutig nach vorne - Impulse aus Heiligenbronn

Heiligenbronn

Wie entsteht die Bereitschaft, Vertrautes neu zu denken? Darum geht es beim Besuch des Präsidiums des Diözesanrats bei der Stiftung St. Franziskus.

Matthias Zahner

Zwölf Clips zeigen, was Kirche leistet

Balingen

Die katholische und evangelische Kirche im Zollernalbkreis starten ihre ökumenische Kampagne „Glaub mal. Im Ländle" in den sozialen Medien.

Lea-Theresa Berg

Zur Zukunft kirchlicher Gebäude im kommunalen Leben

Rottenburg am Neckar

Durch die frühzeitige Zusammenarbeit zwischen evangelischen und katholischen Gemeinden sowie Kommunen sollen attraktive Lösungen realisiert werden.

Daniel Roeseler, Photolifter / fokus GmbH Leipzig

Neugestaltung der liturgischen Orte geht in den Dialog

Weingarten

Kirchengemeinde St. Martin und Diözese stellen die Pläne für den Raum unter der Kuppel der Basilika vor - Befürworter und Kritiker kommen zu Wort.

Foto: Schwenk

Dem Ungewissen mit Ruhe und Sicherheit begegnen

Schwäbisch Gmünd

Niemand spricht gerne über den eigenen Tod oder das Sterben. Seelsorgende machen die Erfahrung, dass ein offener Blick auf das Thema hilfreich ist.